Vorwort zu A.K. Ulrich Schriftkindheiten, Zürich 2002

„Jedes kleine Spiel hilft.“

1″… jenes Sich-Verhüllen im Buchstabenschnee“

Je näher wir ein Wort anschauen, um so ferner schaut es zurück, sagt Karl Kraus.

Kindheit

Können Sie es sehen? Können Sie Kinder sehen in der Kindheit? Ist Kindheit eine weite Landschaft von Gefühlen? Grossen und kleinen Gefühlen? Und haben Gefühle eine Geschichte? Ist diese Geschichte vielleicht die weite Landschaft, die im Wort Kindheit steckt? Wer oder was steckt also in dem Wort Kindheit? Vorwort zu A.K. Ulrich Schriftkindheiten, Zürich 2002 weiterlesen

Vom Ende der Welt her, von der Kindheit aus. / Schritte ins Offene, Kindheit heft 6/2004

Friederike Kretzen

Nah und fassbar war mir als Kind die Vorstellung vom Ende der Welt. Was ich allerdings nicht mehr weiss, ist, wann und wie diese Vorstellung zu mir kam. Eines Tages war sie da und ist seitdem als Bretterzaun in einer wüsten, leeren Landschaft stehen geblieben. Nur eine Palme wuchs da noch, an deren Stamm ein Pappschild genagelt war, auf dem stand: Ende der Welt. Vom Ende der Welt her, von der Kindheit aus. / Schritte ins Offene, Kindheit heft 6/2004 weiterlesen

Wo der Hahnenfuss wächst / Zeitschrift DU 3/2004

Von Friederike Kretzen

Meine Mutter steht auf meinen Schultern. Wir sind riesenhaft. Wir ziehen durchs Land. Sie ist das Gebirge meines Lebens. Ueber uns spannt sich der Himmel, der Mond zieht auf und gleich da neben ihm diese winzige, verwischte Ausbuchtung, dort schläft die Verlorenheit, in der wir uns hier unten als ein schweres, unerträgliches Paar zu bewegen versuchen. Wir zwei, Mutter und Tochter, sind eine alte Geschichte und von lange her sind auch unsere Bewegungen, Ansichten und Aufgaben unterwegs, die immer wieder von neuem denen, die kommen und werden, aufgetragen sind. Seht zu, wie ihr euch einen Reim darauf macht, was euch verbindet und wie ihr es ertragt. Wo der Hahnenfuss wächst / Zeitschrift DU 3/2004 weiterlesen

Geschichte der Empfindlichkeit / Ausschreibung SS04

Sei nicht so empfindlich. Wer kennt sie nicht, diese Ermahnung. Und implizit ist es immer eine Ermahnung zum Vernünftigsein. Scheint so, dass im alltäglichen Wortgebrauch Empfindlichkeit und Vernünftigkeit nicht lange Hand in Hand gehen können, bald schon müssen sie sich voneinander lossagen, ja, geradezu einander abschwören. Warum heisst es so gut wie nie: Sei jetzt bitte einmal äusserst empfindlich? Stellen wir uns einen Politiker vor, der sagt, ich bitte um äusserste Empfindlichkeit? Und was würde geschehen, wenn gar eine Politikerin das sagen würde? Geschichte der Empfindlichkeit / Ausschreibung SS04 weiterlesen

All die toten Stimmen / NZZ 08.04.2006, Nr. 83, S. 66

Von Friederike Kretzen
Beckett kam sehr früh und blieb. Das war mit siebzehn, Deutsch Leistungskurs. „Endspiel“. In Gesellschaft einiger eigenwilliger Schülerinnen, die sich um unsere frisch von der Uni gekommene Deutschlehrerin scharten. Auf Anhieb war uns, als würden wir mit diesem Endspiel nach Hause kommen. Allerdings in umgekehrter Richtung. Wir gingen mit Hamm und Clov und den beiden Alten in den Mülltonnen auf das zu, wovon wir noch am Morgen nichts als weggewollt hatten. All die toten Stimmen / NZZ 08.04.2006, Nr. 83, S. 66 weiterlesen

Ich bin vertieft / NZZ 06.06.2006, Nr. 128, S. 28

Von Friederike Kretzen
Ich bin vertieft, sagt Elschen. Jeder Schritt ist ein Schritt zu viel und der zu wenig. Geht es dir gut, fragt mich die Maskenbildnerin? Sie hat von mir geträumt. Pass auf dich auf, ruft sie mir nach. Schon zittere ich. Zu spät, zu früh, ich stürze die Treppe runter. Nein, es war doch die Tür ins Bad. Und das nächste Mal verwechsle ich sie und werde die andere nehmen? Ich bin vertieft / NZZ 06.06.2006, Nr. 128, S. 28 weiterlesen