Biel Ausschreibung HS 26 

Friederike Kretzen

Von Sprachmüttern und anderen schönen Gefahren beim Schreiben

Ein Seminar über das Suchen und die Kunst, sich auf falsche Bewegungen einzulassen.

Eine äusserst strenge Sprachmutter können wir bei Walser in einem von Diaz gemalten Wald treffen. Dort trennt sich diese Mutter von ihrem Kind, schickt es in die Welt, weg von sich und ihrem Rock. Sie will, dass es kein verwöhnter und falscher Mensch wird; es soll nicht innerlich verwildern und verzärteln. Darum wagt sie es, ihr Kind der Härte, der Ungerechtigkeit, all dem Schweren, was Menschen miteinander unterhalten, auszusetzen. So, sagt sie, wird es denken und lieben lernen. 

Von einer anderen Gefahr, einer schönen, spricht Foucault in einem kleinen Interview-Band, der von seinem Schreiben handelt: Le Beau Danger. Auf Deutsch heisst der Band: Das giftige Herz der Dinge. Es erkennen zu wollen, ist, was für Foucault die schöne Gefahr ausmacht. Die vor allem darin besteht, das Herz nicht aufzuschneiden, sondern es in einer möglichst sanften Sprache zu erkunden.

In einem frühen Text von Handke sucht einer nicht das Schreiben, sondern er will das Schreiben Wollen. Diese Suche nennt er Falsche Bewegung. Sie ist die Form, in dem sich ihm das Schreiben Wollen ergibt.

Drei Gefahren, drei Aufgaben, eine Mutter: Die Sprache. 

Gerne möchte ich mit Ihnen zusammen das Weggehen, das Weitergehen und Suchen erproben. Die schöne Gefahr des Schreibens ergibt sich aus der Möglichkeit der falschen Bewegung. Auch die sollten wir üben und zu uns nehmen.

Die Liebe der Sainte Simone

FRIEDERIKE KRETZEN 

Dieser Essay ist 1993 in „Die Philosophin“ und in „Nicht Fisch. Nicht Vogel: Neun Schriftsteller und Schriftstellerinnen predigen“ CMV Basel 1994 erschienen

Über Simone Weil und die Gottesliebe 

Mein Vater ist zum Theater gegangen. Gott ist eine Vorstellung. 

(Ingeborg Bachmann) 

Die Sainte Simone

Simone Weil wurde 1909 als Kind jüdischer Eltern in Paris geboren. Zusammen mit ihrem älteren Bruder, André Weil, der später ein berühmter Mathematiker wurde, genoss sie eine intensive, freidenkerische Selbstbildung. Die beiden WeilKinder galten als sehr klug und in Mathematik ebenso bewandert wie in Philosophie und Literatur. Sie rezitierten einander Racine-Verse, und wer sich versprach, bekam eine Ohrfeige. 

In der Pubertät aber erfolgte für Simone Weil der tiefe Bruch mit diesem Paradies das für sie immer eines des Geistes war. Nun empfindet sie ihren Platz ausserhalb der Gesellschaft des Geistes bestimmt. Sie schreibt: «Ich bedauerte, keine Hoffnung zu haben, in jenes transzendentale Reich vorzudringen, wo nur wirklich grosse Männer Zugang haben, und wo die Wahrheit ihren Sitz hat. Ich wollte lieber sterben, als ohne Wahrheit leben.

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Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution

Essay Widerspruch Heft 83, 2025

1 «Alles, was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.» (Cosic 1994, 81)

2 Au revoir

Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution. Diesen Satz schrieb mir eine Freundin postlagernd ins Exildorf der Tibeter oberhalb von Dharamsala, wo ich während meiner Indienreise ein paar Wochen verbrachte und mich in den Tibetischen Buddhismus einführen liess. Das Jahr war 1976 und die Revolution nicht fern.

Vor kurzem ist ein alter Freund, Studienkollege, wilder Denker und Revolutionär gestorben. Ich schlug vor, dass wir am Ende der Traueranzeige schreiben könnten: Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution. 

Die Reaktion der anderen Freunde und Freundinnen kam prompt: Bitte nichts Revolutionäres. 

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Film und Familie

Die Rolle meiner Familie bei der Weltrevolution, heisst ein früher Roman von Bora Cosic, der von seiner Familie und der sie umtosenden Weltrevolution handelt, und in dem es den Satz gibt: Alles, was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.Auch ohne Weltrevolution sind Familien etwas, das nur schwer – vielleicht auch gar nicht – zu verstehen ist. Eine der berühmtesten Familien der Weltgeschichte sind die Atriden. Sie geben uns schon mal ein gutes Mass an Dramatik und Tragik vor. Jedenfalls fordern sie die Götter heraus und die können nicht anders – selbst in Familienbande verstrickt, – als einzugreifen. 

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Ist die Kunst eine Küche?

Ist die Kunst eine Küche? Gar die des Teufels? Der bekanntlich im Detail steckt? Der Dichter Daniil Charms sagt: Die Kunst ist ein Schrank. Ich stelle mir vor, dass dieser Schrank in der Küche steht. In ihm wird das Küchenlatein aufgehoben, eine Sprache der Verwandlung, vor der nichts sicher ist. Also genau richtig für die Kunst und den Teufel. bKüchen sind Räume, wo vieles zusammenkommt, sich mischt, verbindet, überläuft. Nicht nur beim Kochen oder Essen. Sie sind oft das Herz des alltäglichen Lebens, das uns trägt und begleitet. 

Diesem täglichen Leben würde ich gerne mit Ihnen zusammen nachgehen, Küchen anschauen, sie aufschreiben, einstecken, mit uns nehmen. Es geht darum, empfindlicher und genauer wahrnehmen zu können, was sonst noch da ist. Auch um all dem, was uns begleitet, das in gewisser Weise mitschreibt, ein bisschen besser zuhören zu können. Denn wo wir sind, wenn wir sind, und was uns zusammenhält -, wer wüsste dies besser als unsere Küchen mit ihren Schränken voller Küchenlatein und einer Kunst, die uns am Leben erhält.

Lektüren: Marguerite Duras: Das tägliche Leben

George Perec: Träume von Räumen

Daniiel Charms: Die Kunst ist ein Schrank

Kretzen zu Duvanel SWR Kultur / Lesezeichen

In einer etwa einstündigen Reportage der Sendung SWR Kultur / Lesezeichen hat sich Friederike Kretzen ausführlich zu ihren Erfahrungen mit ihrer Kollegin Adelheid Duvanel geäussert. Ihr Gespräch mit Gisa Funck findet sich hier als Transkript und als Sounddatei. https://www.swr.de/swrkultur/literatur/von-traeumern-spinnern-aussenseitern-die-meisterzaehlerin-adelheid-duvanel-swr-kultur-lesenswert-feature-100.html