Archiv der Kategorie: Ausschreibungen

Veranstaltungen an der HGKZ zwischen 1997-2005

Biel Ausschreibung HS 26 

Friederike Kretzen

Von Sprachmüttern und anderen schönen Gefahren beim Schreiben

Ein Seminar über das Suchen und die Kunst, sich auf falsche Bewegungen einzulassen.

Eine äusserst strenge Sprachmutter können wir bei Walser in einem von Diaz gemalten Wald treffen. Dort trennt sich diese Mutter von ihrem Kind, schickt es in die Welt, weg von sich und ihrem Rock. Sie will, dass es kein verwöhnter und falscher Mensch wird; es soll nicht innerlich verwildern und verzärteln. Darum wagt sie es, ihr Kind der Härte, der Ungerechtigkeit, all dem Schweren, was Menschen miteinander unterhalten, auszusetzen. So, sagt sie, wird es denken und lieben lernen. 

Von einer anderen Gefahr, einer schönen, spricht Foucault in einem kleinen Interview-Band, der von seinem Schreiben handelt: Le Beau Danger. Auf Deutsch heisst der Band: Das giftige Herz der Dinge. Es erkennen zu wollen, ist, was für Foucault die schöne Gefahr ausmacht. Die vor allem darin besteht, das Herz nicht aufzuschneiden, sondern es in einer möglichst sanften Sprache zu erkunden.

In einem frühen Text von Handke sucht einer nicht das Schreiben, sondern er will das Schreiben Wollen. Diese Suche nennt er Falsche Bewegung. Sie ist die Form, in dem sich ihm das Schreiben Wollen ergibt.

Drei Gefahren, drei Aufgaben, eine Mutter: Die Sprache. 

Gerne möchte ich mit Ihnen zusammen das Weggehen, das Weitergehen und Suchen erproben. Die schöne Gefahr des Schreibens ergibt sich aus der Möglichkeit der falschen Bewegung. Auch die sollten wir üben und zu uns nehmen.

Die Abessinischen Gesandten

Y-Projekt HKB Frühjahr 22

Zusammen mit Luke Wilkins

Was haben Künstler mit Räubern, Wegelagerern und Piraten gemeinsam? Sie alle sind bereit ihre Existenz aufs Spiel zu setzen um mit Hinterlist und widerständiger Energie zu neuen Ufern aufzubrechen. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, ist schon Teil ihrer Strategie. Wie beispielsweise die Sätze Ilse Aichingers, mit denen sie ihr Journal Unglaubwürdige Reisen beginnt: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf.“ So beginnt sie wie nebenher von ihrem alltäglichen Wiener Kosmos ausgehend, zwischen Hochhaussiedlung, Kaffeehaus und Kino, ein Gespräch mit furchteinflößenden Gespenstern aus der Zeit ihrer Kindheit und Jugend im Krieg. Der Held in Abbas Kiarostamis Film The Traveller, ein iranischer Junge, bestiehlt nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Klassenkameraden, die er vorgibt, fotographisch zu porträtieren: Mit einer defekten Kamera. Alles, um Geld für das Busticket zu haben, damit er in der Hauptstadt das Spiel seiner Lieblingsfußballmannschaft anschauen kann. Das er dann in einem Park neben dem Stadion verschläft, heimgesucht von Alpträumen, was ihn erwarten wird, wenn er wieder nach Hause zurückkehrt. Der Räuberhauptmann Robert Walser schreibt von einer grausamen Sprachmutter, die uns von allem was wir lieben abschneiden will, um aus uns Liebende zu machen. Oder die sechs Typen hier auf dem Foto: Was führen sie im Schild, sind es wirklich die abessinischen Gesandten, als die sie sich ausgeben? Sind es vielleicht Räuber, die sich als Reisende verkleidet haben? Oder ist es eine Wanderschauspieler-Truppe, die durch die Zeit reist, um eine die Geschichte aus den Angeln hebende Revolution anzuzetteln?

Anhand von Filmen, Performances und Texten wollen wir uns Methoden zur Anverwandlung von Welt anschauen und selbst erproben. Kommando-Zentrale wird das Literaturinstitut sein, von dem aus wir auch in die Stadt ausschwärmen werden, um die Cafés, Supermärkte und Parks unsicher zu machen. Luke Wilkins wird einen Soundwalk durch Biel anleiten und den Film Step Across the Border mit seinem ehemaligen Prof. Fred Frith zeigen. Link zu einem Ausschnitt davon: https://www.youtube.com/watch?v=Es21B30bD6c&list=PLnD90Pf4u0DlwfgcHqo48HtbfJtIOgqLH Zwischendurch wird Friederike Kretzen von ihrem zweiten Reiseromanprojekt erzählen, für das sie nach Japan, Afghanistan und Persien gereist ist. Auf der Suche nach dem ewig unzugänglichen Orient, den sich das Abendland erschaffen hat, um nie mehr zu sich zu kommen. 

Virginia Woolf, die sich zusammen mit ihrem Bruder und ihren Freunden auf einem englischen Kriegsschiff als Abessinische Gesandte ausgegeben hat.

Schreibarbeit Herbst21 Literaturhaus Basel

«Schreibarbeit: Gespräche zu eigenen Texten mit Friederike Kretzen»

Freitag, 12.11./19.11./26.11./3.12./10.12.2021 jeweils 17-19 Uhr, Abschlusssitzung Samstag, 15.1.22, 10-19 Uhr

Sprache als umfassendes Medium unseres Denkens verbindet uns mit den Erfahrungen anderer Kulturen und Zeiten, stellt uns in Traditionszusammenhänge. Nicht nur wir denken in Sprache, wir werden auch von Sprache gedacht. Von der ersten Bewegung des Hinschreibens ist Schreiben eine Verdopplung dessen, was in uns spricht, denkt, sich äussert. Schreibend sind wir mehr als eins, treten in einen Raum, der uns etwas von dem zu lesen gibt, was wir in uns tragen. Diese Form der Schreibarbeit führt von der Frage: „Über was will ich schreiben?“ zur Frage: „Was schreibe ich?“ Ziel ist ein Wahrnehmen dessen, was das eigene Schreiben sein kann und nicht sein muss. Voraussetzung ist ein Interesse an den Möglichkeiten eigenen Schreibens. Textproben werden besprochen und auf ihre verborgenen und auch offensichtlichen Strategien hin befragt.InteressentInnen sind gebeten, bis 15.09.21 eine maximal 2 bis 3seitige Textprobe zu schicken an: : friederike@kretzen.info Kursleitung und Konzeption: Friederike Kretzen (Autorin) Kosten: CHF 250/200 (Mitglieder LiteraturBasel* und Studierende)  Anmeldundg: Literaturhaus Basel bis 3. Oktober 2021

Seminar Literaturinstitut Biel Herbst21

Vom Mond und der Utopie.

Vor sich hin Träumende werden im Französischen als être dans la lune bezeichnet. Im Englischen heissen Unzurechnungsfähige lunatics. Der Mond scheint im Spiel zu sein, wenn es um Zustände von Abwesenheit geht. Was vielleicht daran liegt, dass der Mond gewöhnlich in Hamburg gemacht wird, und zwar hundsmiserabel. Wie Gogol schreibt. Der kennt sich mit toten Seelen, mit dem Mond und vor allem mit dem Schreiben bestens aus. 

Gogols Mond kommt aus der Bewegung der Sprache, die es gibt, die hergestellt wird und in der wir ohne Anfang und Ende treiben. Es sei denn, wir fangen mit dem Mond an und stellen uns vor, er sei gemacht worden. Da hängt dann ein Wort und leuchtet hundsmiserabel. Was eine schöne Kunst ist.

Ähnlich verhält es sich mit der Utopie. Sie ist durch übermässigen Gebrauch schal geworden. Zu viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist ihr zugemutet worden. Dabei lebt sie in Ländern ohne Raum, Geschichten ohne Chronologie, Inseln, die auf keiner Karte zu finden sind mitten unter uns. Also mit all dem, was unsere Träume bevölkert, unsere Phantasie, und was uns zu Herzen geht. 

Als Ort der Ortlosigkeit kommt sie von zwischen den Wörtern. Wie diese ist sie da und auch nicht. Was sie um so empfänglicher macht für all das, was anders zwischen allen Stühlen haust. 

Ich möchte Sie zu diesem Seminar als einem Raum für Utopien und andere Ortlosigkeiten einladen. Um nach Ideen für neue Texte Ausschau zu halten, und uns den Mond auszudenken, der darüber aufgehen könnte. In ihrem Tagebuch vom April 1925 schreibt Virginia Woolf von einem Buch, das es noch nicht einmal in Ansätzen gibt, und das sich um das bemüht „…was existiert, wenn wir nicht da sind.“ Das wurden dann „Die Wellen“. 

Ausschreibung Literaturinstitut Biel, Herbst 2020

Nie werden wir die Zeit haben, die wir brauchen; nutzen wir sie.

Für wen wir schreiben, elfte Runde.

Wir sagen, wir haben keine Zeit. Immer wieder müssen wir erleben, wie wir die Zeit nicht halten können, wie sie uns durch die Finger gleitet und noch nichts von dem, was wir doch erledigen wollten, ist getan. Ja, noch nicht einmal angefangen haben wir. 

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Womit Romane anfangen und wie wir uns dahin aufmachen können

Sommerakademie Schrobenhausen 2019

„Ich glaube, alle Romane beginnen mit einer alten Frau in der Ecke gegenüber.“ Das schreibt Virginia Woolf und sie meint es ernst. Denn diese alte Frau ist nichts anderes als das Leben. Es könnte also so leicht sein, einen Roman mit dem Leben anfangen zu lassen. Wäre da nur nicht unsere Ignoranz, Blindheit, unser ganzes vermeintliches Wissen, was wichtig wäre und was nicht. Es ist ein Irrtum, zu glauben, das Besondere sei im Besonderen zu finden, also beispielsweise in New York, und nicht eben um die Ecke in Schrobenhausen. 

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Du musst den Mond erst aufhängen, bevor du ihn anheulen kannst

Sommerakademie Schrobenhausen 2018 / Schreiben und Schreiben wollen.

Wollen wir schreiben oder wollen wir schreiben wollen? Dazwischen liegt ein entscheidender Unterschied. Schreiben wollen fällt mit dem Schreiben in eins, ist aber etwas anderes. Und es ist dieses andere, das unser Schreiben mit all den zusammengewünschten, erträumten, zweiten, dritten und vierten Leben, die uns die Literatur über die Jahrhunderte hinweg zu lesen und weiterzuschreiben gibt, verbindet. 

Ich möchte in diesem Seminar nach dem Wünschen und Wollen des Schreibens fragen, um schreibend, sprechend, das, was über das jeweils konkrete Schreiben notwendig hinausgeht beim Schreiben, genauer anzuschauen. 

UNENDLICHER SPASS

Literaturinstitut Biel / Ausschreibung HS19 / Für wen wir schreiben, zehnte Runde. 

David Foster Wallace UNENDLICHER SPASS ist ein beunruhigendes, unheimliches Stück Literatur. Ein Gegenwartsroman, der uns das Fürchten lehren kann. Geschrieben von einem, der die Angst kennt. Denn Wallace ist bei den Gescheiterten in die Lehre gegangen und er lehrt uns, dass wir von ihnen lernen können – vielleicht nur von ihnen. Von ihnen und dann wieder von uns, die wir mit ihren Lehren auch nur scheitern können. 

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