Erscheint demnächst im Herder Verlag, Sammelband zu Duvanel, herausgegeben von: Friederike Ehwald und Brigitte Reiß
Archiv der Kategorie: Essays
Die Liebe der Sainte Simone
FRIEDERIKE KRETZEN
Dieser Essay ist 1993 in „Die Philosophin“ und in „Nicht Fisch. Nicht Vogel: Neun Schriftsteller und Schriftstellerinnen predigen“ CMV Basel 1994 erschienen
Über Simone Weil und die Gottesliebe
Mein Vater ist zum Theater gegangen. Gott ist eine Vorstellung.
(Ingeborg Bachmann)
Die Sainte Simone
Simone Weil wurde 1909 als Kind jüdischer Eltern in Paris geboren. Zusammen mit ihrem älteren Bruder, André Weil, der später ein berühmter Mathematiker wurde, genoss sie eine intensive, freidenkerische Selbstbildung. Die beiden WeilKinder galten als sehr klug und in Mathematik ebenso bewandert wie in Philosophie und Literatur. Sie rezitierten einander Racine-Verse, und wer sich versprach, bekam eine Ohrfeige.
In der Pubertät aber erfolgte für Simone Weil der tiefe Bruch mit diesem Paradies das für sie immer eines des Geistes war. Nun empfindet sie ihren Platz ausserhalb der Gesellschaft des Geistes bestimmt. Sie schreibt: «Ich bedauerte, keine Hoffnung zu haben, in jenes transzendentale Reich vorzudringen, wo nur wirklich grosse Männer Zugang haben, und wo die Wahrheit ihren Sitz hat. Ich wollte lieber sterben, als ohne Wahrheit leben.
Die Liebe der Sainte Simone weiterlesenAu revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution
Essay Widerspruch Heft 83, 2025
1 «Alles, was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.» (Cosic 1994, 81)
2 Au revoir
Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution. Diesen Satz schrieb mir eine Freundin postlagernd ins Exildorf der Tibeter oberhalb von Dharamsala, wo ich während meiner Indienreise ein paar Wochen verbrachte und mich in den Tibetischen Buddhismus einführen liess. Das Jahr war 1976 und die Revolution nicht fern.
Vor kurzem ist ein alter Freund, Studienkollege, wilder Denker und Revolutionär gestorben. Ich schlug vor, dass wir am Ende der Traueranzeige schreiben könnten: Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution.
Die Reaktion der anderen Freunde und Freundinnen kam prompt: Bitte nichts Revolutionäres.
Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution weiterlesen13 Sprengsätze, Quarto 53
Rede Widerspruch-Heft 82/24
Die nachfolgend abgedruckte Rede wurde von Friederike Kretzen am 10.02.2024 an der Gedenkfeier für Pierre Franzen im Kulturmarkt Zürich gehalten.
Wie widersprechen? Also, wie nicht widersprechen? Und: Können wir leben ohne Widerspruch?
«Ah, die alten Fragen, die alten Antworten, es gibt nichts Vergleichbares!» Das sagt Hamm aus Becketts Endspiel, das nicht aufgehört hat, uns das Ende zu spielen. Play it again, so möchte ich hier gleich am Anfang sagen – denn auch das Endspiel ist, wie Casablanca und der Widerspruch, eine alte Liebesgeschichte.
Als ersten Widerspruch möchte ich meinen Kollegen Peter Kurzeck zitieren: «Ich bin Schriftsteller. Ich glaube nicht an den Tod und auch nicht an die Vergänglichkeit … Wir können Menschen, die von uns gehen, nicht austauschen und auch nicht ersetzen. Wir müssen sie uns, genauso wie die eigene Lebensgeschichte, aus der Erinnerung jeden Tag neu erschaffen. Dann sehen wir, dass die Toten nicht wirklich gegangen sind. Sie sind nicht gestorben. Sie leben mit uns. Keiner stirbt.»
Rede Widerspruch-Heft 82/24 weiterlesenDas Resistente grösser machen
Am 28.4.24 hat Friederike Kretzen im Kunstmuseum Basel zu ihrem Projekt einer literarischen Annäherung an Japan einen Vortrag gehalten.
«Die Ferne, schreibt Walter Benjamin, sei das Land der erfüllten Wünsche. Wir alle wissen, dass Wünsche davon leben, unerfüllt zu bleiben. Ähnlich verhält es sich mit der Ferne.
Basho, der berühmte japanische Haikudichter schreibt dazu:
In Kyoto,
hearing the cuckoo,
I long for Kyoto.
Womit er uns augenblicklich in die Zwischenräume und Leerstellen führt, von denen die japanische Kunst und Kultur leben. Denn wenn es selbst in Kyoto Kyoto nicht gibt – was zugleich Kyoto ist, – dann ist die Reise dorthin eine zwischen Abstände, die alle Kyoto heissen.
Sein Haiku besteht aus den Aufschüben und Vervielfachungen, die es für die Suche nach der Ferne braucht. Einer Ferne, der wir uns nur so weit nähern können, wie wir bereit sind, uns selbst fern zu werden.
In meiner literarischen Annäherung an Japan versuche ich, mich genau dem auszusetzen: Mir abhanden zu kommen und so vielleicht eine andere Version meiner selbst zu erfinden.»
