Essay Widerspruch Heft 83, 2025
1 «Alles, was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.» (Cosic 1994, 81)
2 Au revoir
Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution. Diesen Satz schrieb mir eine Freundin postlagernd ins Exildorf der Tibeter oberhalb von Dharamsala, wo ich während meiner Indienreise ein paar Wochen verbrachte und mich in den Tibetischen Buddhismus einführen liess. Das Jahr war 1976 und die Revolution nicht fern.
Vor kurzem ist ein alter Freund, Studienkollege, wilder Denker und Revolutionär gestorben. Ich schlug vor, dass wir am Ende der Traueranzeige schreiben könnten: Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution.
Die Reaktion der anderen Freunde und Freundinnen kam prompt: Bitte nichts Revolutionäres.
3 Scham, Schuld, Lächerlichkeit
Warum? Unser Freund war jemand, der so widerständig, so durch und durch revolutionär und aufrührerisch war, dass er es oft nur mit knapper Not geschafft hatte, am Leben und froh zu bleiben. Er war und blieb politisch aktiv, in seinen letzten Lebensjahren ein wenig gemässigter. An Bäume hat er sich allerdings immer noch gekettet, die ihn nun überleben werden.
Bloss nichts Revolutionäres! Was verbirgt sich in dieser Zurückweisung? War der vorgeschlagene Abschiedsgruss wegen der Revolution, zu der wir über den Tod hinaus verabredet bleiben, zu gefährlich? Doch für wen gefährlich? Für den Toten, für die Zurückbleibenden, die Erben? Oder verbirgt sich in dieser Zurückweisung das Einbekenntnis eines Scheiterns? Das Gefühl von Entwertung und Scham? Bloss keine Kinder von Marx und Coca-Cola sein. Sich keine andere Gesellschaft und Lebensform mehr vorstellen, wovon wir doch geträumt und woran wir auch gearbeitet hatten. Also nicht nochmal aufstehen, weiterkämpfen, auch wenn wir erneut scheitern würden? Hatten wir uns also disqualifiziert? Waren wir vom Spielfeld verwiesen worden? Des Irrtums, der Täuschung überführt worden? Waren wir etwa lächerlich?
Doch wer und was hätten uns das zu verstehen geben können? Wem und was gegenüber waren und sind wir verantwortlich? Tragen wir Schuld? Und wäre es so schlimm, lächerlich zu sein?
4 Rückruf – Nachruf
Ich möchte dem alten Freund dieses Au Revoir, das Abschiednehmen und Verabreden für später, wenn schon nicht in der Traueranzeige, so doch hier, in diesem Text, zurufen. Ihm, der uns kurz vor seinem Tod alle zu seinem Siebzigsten eingeladen hat. Kommt zu meinem Geburtstag, besser als zu meiner Beerdigung, sagte er am Telefon. Und wir sind alle gekommen, sind seiner Einladung, uns als Gemeinschaft einer bestimmten historischen Erfahrung zu versammeln, gefolgt. Damit wir ihn und uns in guter Erinnerung behalten, und ich wünsche uns allen viel Kraft und eine kleine, robuste Gesundheit, ihn und die nächste Revolution nicht zu vergessen, – ganz einfach, um gerecht zu sein.
5 Der Macht die Wahrheit sagen
Darum geht es mir in diesem Text, einer unruhigen Trauer und der Arbeit, die sie uns macht, nachzugehen. Und durchaus traurig weiter zu fragen: Wie können wir den Mut aufbringen, unserer Verpflichtung nachzukommen, der Macht die Wahrheit zu sagen? Und wie können wir uns einerseits von Täuschungen, Enttäuschungen, Verlusten, Irrtümern verabschieden, und andererseits uns immer wieder versammeln, um zusammen zu sammeln, was geblieben ist, was weiterhin gilt, was nicht erledigt, nicht vergangen ist.
Jean-Luc Godard versucht genau das in seinem Film «Film Socialisme», der auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, das die Küsten der europäischen Zivilisation abfährt: Ägypten, Palästina, Odessa, Hellas, Neapel, Barcelona. Es geht ihm in dem Film darum, Splitter und Reste einer anderen, vielleicht immer schon utopischen europäischen Kultur aus dem grossen Malstrom von Vernichtungen und Leugnungen herauszulösen. Am Ende des Films, in dem sich wie immer bei Godard alles in seinen hochkomplexen Zusammenhängen offenbart – (und das ist ja auch der Sozialismus, den er uns im Film als ästhetische Praxis vormacht, indem er immer zwei Fotos, immer zwei Versionen einer Sache zeigt und so die Gleichwertigkeit verschiedener Bedeutungen sichtbar macht, um für eine Gerechtigkeit von Fiktion und Wirklichkeit zu sorgen) –, kommen wir am Vorabend des Generalstreiks nach Barcelona, wo sich alle versammelt haben. «Alle waren da Hemingway Dos Passos Orwelll» (Godard 2011, 91), voller Kraft und Überschwang. So wie wir auf der Geburtstagsparty unseres Freunds, der dann tatsächlich zwei Monate später starb. Allerdings nicht, bevor er uns alle versammelt hatte.
In unserer Trauer um ihn, um uns, um das Vergehen und den Verlust von Hoffnung, waren wir schon an diesem Geburtstagsfest froh, dass wir da waren. So dass wir uns nun erinnern können, und uns so, wie wir uns von ihm verabschieden konnten, auch nochmal anders sehen können. Wenn auch nur für einen Nachmittag, einen Abend – da war er wieder, der Traum, der uns träumt, die alte Lust am Aufstand. Da waren wir mit ihm, standen auf und flüsterten uns wie der Lehrer in dem schönen, traurigen Film von Louis Malle am Ende zu: Au Revoir, Kinder.
Diese Kinder, die sterben würden, waren wir, die sind wir geblieben, ihnen bleiben wir auch weiterhin verpflichtet. Denn dass der Kaiser nackt ist, wer sonst als Kinder könnte das sehen und sagen!
6 Das andere Wissen
«Soll die Welt zugrunde gehen, das ist die einzige Politik.» (Duras 1987, 86) Diesen Satz sagt die schon etwas ältere Frau, die von einem Lastwagenfahrer auf seiner Fahrt durch ein dunkles, kaltes Land mitgenommen wird. Ein unheimliches Land, in dem es den Lastwagen gibt, der mal durch städtische, mal durch ländliche Gegenden fährt. Ein blauer Fünfachser, am Steuer ein Kommunist, Lastwagenfahrer, die Frau neben ihm erzählt von ihrem Leben. Er fragt sie, ob sie aus der Irrenanstalt kommt. Sie antwortet, vielleicht.
Das Ganze ist ein Film von Duras – «Le Camion», in dem wir den Lastwagen sehen, diese schwere, bewegliche Masse, die durch ein stilles, ausgestorbenes Land fährt. Und dann sehen wir Duras und Depardieu, die an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer der Duras sitzen und den Text lesen, den wir vorher gehört haben. Den Text der Fahrt einer Frau, die sich jeden Tag mitnehmen lässt, erzählt, wo sie hinwill, wo sie herkommt, sich erfindet, und vielleicht ist daran gar nichts ausgedacht.
Das Ganze – Erzählung, Film, Lesung, Fahrt – ist in einem spielerischen Konjunktiv verfasst, in dem auch dieses «Soll die Welt zugrunde gehen» seinen Schrecken verliert und einen Realismus annimmt, der fröhlich stimmt. Wir sehen die Szene im Film, die Duras liest den Satz vor, dann lesen sie und Depardieu den Satz zusammen, schauen sich an, heiter, gelöst, und sie sagen: genau.
Wie Kinder. Ich meine, mich erinnern zu können – ich erinnere mich –, dass wir uns als Kinder manchmal ganz fürchterliche Untergänge und Verhängnisse ausgedacht haben. Dass wir sie uns wiederholten, vorsagten, nochmal bedachten, ausmalten, und dann in einem grossen Furor aus Wut, Trotz und Todesmut sagten: genau.
Dieses «Genau» war Bejahung und Akzeptanz, dass es das Schreckliche, das Furchterregende, das Grausame gibt, und dass wir es wissen können. Also wissen können, dass es real ist, dass wir es erfahren, auch als Phantasie, auch als verrückte Erfindung; also wirklich. So wirklich wie wir Kinder, die es kennen, denen keiner was vormacht. Kinder können das. Sie sind den Toten immer noch näher als denen, die sich vor ihnen so sehr fürchten, dass sie alles tun, sie nicht wahrzunehmen.
7 Gedächtnis und Gerechtigkeit
Wenn, wie Yosef Hayim Yerushalmi schreibt, der Gegenbegriff zum Vergessen nicht Erinnern ist, sondern Gerechtigkeit, dann ist die Frage der Tradierung, die Frage nach dem Gedächtnis eine Frage der Gerechtigkeit. Also eine Frage danach, wie sich gerecht tradieren lässt. Denn nur so lässt sich Gerechtigkeit tradieren – also nicht vergessen.
Gerechtigkeit als Anstrengung und Form, nicht zu vergessen, bedeutet auch, wahrnehmen zu können, dass vieles, wovor wir uns fürchten, längst überlebt ist. Dass es hinter uns, nicht vor uns liegt. Doch wie können wir wissen, dass etwas hinter uns liegt, dass es vergangen sein kann? Was können wir in diesem Zusammenhang überhaupt wissen? Und ist das nicht auch die Frage nach Gerechtigkeit? Gerechtigkeit als bestimmte Möglichkeit zu wissen und auch nicht? Vielleicht als Erinnerung des nicht zu Vergessenden?
Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung kann demnach weniger eine Frage nach «Bewältigung» als nach Gerechtigkeit sein. Gerechtigkeit gegenüber dem, was nicht zu bewältigen ist. Nur dann könnte eine Form der Gerechtigkeit darin bestehen, wissen zu können, dass wir überlebt haben, was wir überlebt haben. Und zwar so, dass es gewesen sein konnte, in seiner ganzen unmöglichen Möglichkeit, dass es stattfand, und da ist als Geschehenes.
8 Spezialisten in schwachen Mitteln
Die kleine Schar der Kinder, zu denen auch wir zählten, mit denen wir uns ins Gebiet der Tagträume erhoben, mit denen wir den Sätzen mit dem langen Atem, die oft sehr kurz waren, folgten und ausprobierten, wie weit wir reichen, was wir bewirken können: Soll doch die Welt zugrunde gehen, sollen sie doch zu unserer Beerdigung kommen, uns schmerzlich vermissen, uns endlich wahrnehmen, für «voll nehmen», wie meine Mutter das nannte, sollen sie doch endlich wissen, was für ein Schatz, was für eine Kostbarkeit, wie weise und gerecht wir sind! Diese kleine Schar mit den kurzen Sätzen und langen Tagträumen, die zu Beginn des Lebens so wichtig ist: Sie bitte nicht vergessen! Sie nicht und die Kindheit von allem, was wird, was wächst, – alles hat eine Kindheit, auch Orte und Zeiten. Und immer wieder geht es darum, uns und die Frage nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem Tribunal einer erbarmungslos fragenden Kindheit auszusetzen.
9 Gespensterarbeit
«Kunst ist Trauerarbeit» lautet die Überschrift von Kapitel 5 im gerade erschienenen Buch Vom Auswildern der Gespenster von Alexander Kluge und Rainer Stollmann.
Kluge erwähnt dieses Projekt bereits in seinem Buch der Kommentare. Unruhe im Garten der Seele. Es geht ihm dabei um das Auswildern und Rückansiedeln von all dem, was in unserem oft nur halbwegs aufgeklärten Bewusstsein nicht vorkommt, und was dennoch da ist. All das Ungewisse, Unbewiesene, Unheimliche, das nicht aufgehört hat, unsere Pläne und Träume zu durchkreuzen, und uns mit seinen unverhofften Zwischenfällen heimzusuchen. Eben wie Gespenster das tun. Die Trauerarbeit der Kunst ist also immer auch eine Gespensterarbeit. Eine Arbeit daran, ihnen zuzuhören; was nur dann eine Arbeit und eine Trauer sein kann, wenn wir die Gespenster an unseren Tisch einladen.
10 Gastmahl mit Gespenstern
Auch hier haben wir wieder die kleine Schar der Kinder, ihre Erfahrenheit im Umgang mit den anderen phantastischen und magischen Kräften des Geistes und der Geister. Ilse Aichinger schreibt ihnen zu: «Hier liegen wir, wir Hasen. Unverlangt, aber doch. Wir hören nicht auf, aufzugeben. Kein einziger Kleiner von uns, unserer hellen Schar. Hell ist wahr. Die Schutzfarben sind schlecht verteilt. Man könnte es auch so nennen: Wir nahmen sie nicht, zeigten uns unbestechlich, benützten die Stimmlosigkeit, Gabel der Weisen, die Fehler liegen offen. Intra muros. Sind da.» (Aichinger 1991, 83)
Gewiss ist einzig die Notwendigkeit, immer wieder aufzugeben, sogar das Aufgeben. Daraus besteht Widerstand: aus der Lust und Möglichkeit, Garantien zurückzuweisen und Abweichungen, Fehler, Täuschungen als Potentiale und Äusserungen einer anderen Anwesenheit wahrzunehmen. Und sich eben nicht als gescheitert, gar besiegt zu empfinden, sondern an dem gearbeitet zu haben, was nicht aufgehört hat, jede Menge Schwierigkeiten zu machen. Lächerlich sind dabei weniger die, die weiter an ihrem Widerstand festhalten, ihn füttern und nähren, als all die vielen Trainings und Lehrgänge richtig zu trauern, richtig zu leben, richtig aufmerksam zu sein, richtig glücklich zu sein und was es nicht noch alles an Trainierbarkeiten gibt. Das sind die tatsächlichen Lächerlichkeiten, an denen wir uns abarbeiten sollen, anstelle uns sagen zu können: Soll die Welt zugrunde gehen! («Hegel bemerkt irgendwo, dass alle grossen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als grosse Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.» (Marx 1972, 115))
11 Reitende Tote
In einem frühen Wim Wenders Film aus den siebziger Jahren – einer Verfilmung von Peter Handkes Falsche Bewegung, der Geschichte von einem, der auszog, das Schreiben zu lernen – gibt es eine Anfangsszene, in der Wilhelm (Wilhelm Meister lässt grüssen) am Kino der kleinen Stadt, in der er gross geworden ist, vorbeigeht. Wir sehen ein Filmplakat von einem damals sehr populären Film: Die Rückkehr der reitenden Toten.
Gewisse deutsche Politiker, ich kann mir nicht helfen, sahen schon damals und sehen heute erst recht wie diese zurückkehrenden reitenden Toten aus. Und ich fürchte, sie haben nie aufgehört zurückzukehren, und in ihrer ganzen untoten Aufgeräumtheit, ihrer Gier nach Rache, ihrer Mordlust begleiten sie jede Utopie, jede Vorstellung eines gerechten Lebens, einer anderen, der Sache des Widerstands verpflichteten Kritik. Sie sind so gefrässig wie unheimlich, sie leben von der Hoffnung der Lebenden, lebendig zu sein. Sie vertreten niemanden und nichts, denn sie sind das tote Leben, das nicht so genannt werden darf. Auch sie eine Sorte Gespenster, die tunlichst darum bemüht ist, alles Gespenstische nach draussen, über die Grenze, aus dem Land und dem Haus zu verweisen. Klar, um nicht bemerkt zu werden, um ihre eigene gespenstische Bedrohung, ihre Unheimlichkeit nicht wahrzunehmen.
12 Keine Trauerarbeit, aber Trauer und Arbeit in der Schule der Zukunft
Etel Adnan, libanesische Künstlerin und Schriftstellerin, schreibt: «Es sollte nur eine Schule geben, die, in der man die Zukunft lernt… ohne irgendwelche Schüler sogar. Angesiedelt in den Eingeweiden der Menschheit. In dieser Schule würden die Schülerinnen und Schüler endlich das lernen, was sie schon wissen.» (Adnan 2018, 23) Zum
Beispiel, dass die Toten nicht die Toten beerdigen können. Das ist, was wir wissen und was wir gelernt haben, nicht zu wissen.
Nach wie vor brauchen wir eine Arbeit an und mit den Verschwundenen, eine Suche nach den Toten. Auch um ihnen sagen zu können, dass sie tot sind. Und dass das, was sie suchten, das ist, woran wir weiter arbeiten. Mit allen Schwierigkeiten und Ungewissheiten, die das mit sich bringt.
13 Schmerz, Wunde, Gewalt
Wenn von Gewalt und Vernichtung geschrieben wird, wird selten von Wunden und Schmerz geschrieben; Erfahrungen, die sich der Sprache und der Zeit widersetzen. Verwundungen sind Erfahrungen, deren Ausmass und Wirkung eine andere Zeit haben. Oft genug äussern sich diese Erfahrungen Jahre, Jahrzehnte später. Allerdings wirken sie ständig; sie schmerzen, aber oft an anderen Stellen, die wir nicht in Verbindung bringen können, die uns zuzustossen scheinen.
Die Wirkung von Leugnungen ist nicht zu unterschätzen. Gerade wenn es um Schmerz geht. Doch wie und als was kann Schmerz sich äussern? Äussert er sich? Was sagt er? Studierende des literarischen Schreibens lernen, wie von Gewalt an Frauen zu schreiben ist. Es gibt dazu Bücher, Seminare, Übungen. Als wäre dieses Schreiben eine Frage des Knowhows und nicht eher eine Frage der Sprachlosigkeit, und damit verbunden eine Frage nach der vielfachen Gewalt von und in Sprache. Darüber hinaus und vielleicht vor allem wäre das eine Frage der Trauer und des Widerstands gegen diese Gewalt. Was durch das Lernen, wie davon zu schreiben sei, einmal mehr zum Schweigen gebracht wird.
Viel zu schnell bekommen wir Umgangsformen mit Gewalterfahrungen beigebracht, die weder Zeit mit sich bringen, noch sie uns einräumen. Sich Zeit lassen, Zeit zu sich einladen, zusammen mit den Gespenstern, wäre Voraussetzung für ein anderes Wahrnehmen dessen, was uns beängstigt. So dass wir dann lieber sagen: Bitte nichts Revolutionäres! Wem und was gehorchen wir dann? Dem toten Leben?
14 Keine Lösungen, unterwegs bleiben, offen für alles, was kommt
Können wir aus der Reihe der zum Sieg Verpflichteten treten? Können wir unheldisch sein? Nicht Erste oder Erster werden wollen? Können wir über Illusionen, Fehleinschätzungen, Irrtümer, über Fehler sprechen, uns mit ihnen austauschen? Sie zu uns nehmen? Können wir uns aus dem Denken in Lösungen befreien? Uns ein Leben vorstellen, für das es keine Lösung gibt? Für was sollten Lösungen gut sein? Doch nur, um noch unlösbarere Bereiche des Lebens wahrzunehmen. Um uns erneut und anders täuschen zu können, weiter zu arbeiten, zu trauern und uns mit all dem ins Vernehmen setzen, was da ist, was spricht, was uns ansieht; nur sehen wir es nicht, haben wir keine Sprache, uns mit ihm ins Vernehmen zu setzen. Um so wieder dazu zu kommen, dass alles, was wir versucht haben, gilt. Wir, nur wir selbst können unsere Erfahrungen gültig machen. Ob sie gescheitert sind oder nicht, sie galten, sie waren, sie sind und werden sein.
15 Nochmal die schwachen Mittel
Abbas Kiarostami, persischer Filmemacher, hat noch unter dem Schah-Regime die schönsten und genauesten Filme von Kindern gedreht. Wäre ich von einem Filmer so gesehen worden, wie er Kinder sieht, ihnen zuhört, sich von ihnen ergreifen lässt, ich wäre ein anderes Kind geworden, hätte ein anderen Leben gehabt. In einem späten Gespräch mit Jean Luc Nancy (Kiarostami / Nancy 2005, 87) äussert er, dass wir in den Kampf gegen eine Übermacht nur mit schwachen Mitteln ziehen können. Doch was sind schwache Mittel? Sind sie eine Kraft, nicht nur eine Delegitimation? Wie oft und immer wieder werden sie lächerlich gemacht! Es ist die immer gleiche Rhetorik, die gegen die Mittel der möglichst genauen Unterscheidung, der Vermehrung von Unterschieden und Schwierigkeiten, der feinsten Nuancierungen ins Spiel gebracht wird.
Schwache Mittel in Zeiten, in denen nur immer noch gewaltigere Mittel im Einsatz sind für unseren sogenannten Schutz, je mittelloser wir demgegenüber werden, was mit uns und um uns geschieht? Sind sie das, was uns erlauben würde, «in Feindschaft mit der Unwirklichkeit zu leben?», wie Virginia Woolf schreibt (Woolf 2012,108). Die uns erlauben würden, unserer Aufgabe als denkende, reflektierende Mitanwesende nachzukommen, und der Macht die Wahrheit zu sagen? Ihr die Stirn zu bieten? Wir brauchen viel mehr Widersprüche, vielmehr Denken in Ambivalenzen, und Gespenster, die in Europa umgehen und überall da sind, wo es wacht.
P.S.
Go ask Alice
I think she’ll know
When logic and proportion
Have fallen sloppy dead
And the White Knight is talking backwards
And the Red Queen’s off with her head
Remember what the dormouse said
Feed your head
Feed your head
Feed your head!
(Grace Slick / Jefferson Airplane, 1967)
Literatur
Adnan, Etel, 2018: Im Herzen des Herzens eines anderen Landes. Frankfurt a.M.
Aichinger, Ilse, 1991: Schlechte Wörter. Frankfurt a.M.
Cosic, Bora, 1994: Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution. Berlin
Duras, Marguerite, 1987: Der Lastwagen. Frankfurt a.M.
Godard, Jean-Luc, 2011: Film Socialisme. Zürich
Kluge, Alexander / Stollmann, Rainer, 2024: Vom Auswildern der Gespenster. Berlin
Marx, Karl / Engels, Friedrich, 1972: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Werke, Band 8. Berlin
Nancy, Jean-Luc / Kiarostami, Abbas, 2005: Evidenz des Films. Berlin
Slick, Grace, 1967: White Rabbit, von dem Album «Surrealistic Pillow» der Band Jefferson Airplane
Woolf, Virginia, 2012: Ein eigenes Zimmer. Frankfurt a.M.
Yerushalmi, Yosef Hayim, 2020, Zitat aus: Boehm, Omri: Israel – eine Utopie. Berlin