Birdland / NZZ 03.03.1997, S. 44

Die blutrünstigen englischen Hunde werden friedlich, Babys hören auf zu schreien, und es geschehen Wunder: Die Parks sind Londons Umkehrorte.

Von Friederike Kretzen
NEIN, SAGT DIE JUNGE FRAU, Nein, und sie geht weiter. Sie schaut sich noch nicht einmal um. Immer sagt sie Nein. Und vor und nach jedem Nein macht sie eine Pause. Quer durch den Regent’s Park spricht sie ihre Nein-Girlande in die frische, winterliche Luft. Birdland / NZZ 03.03.1997, S. 44 weiterlesen

Gesang des vergeblichen Wartens /Die ungeheure Textwelt der Catherine Colomb. Eine Annäherung / NZZ 08.08.1998, S. 62

Von Friederike Kretzen
In dem Kosmos der Westschweizer Autorin Catherine Colomb (1892-1965) sind die Lebenden und die Toten gleichermassen zu Hause. Ihre Romane sind so etwas wie ein Haus, das in der Gleichzeitigkeit errichtet ist, es gibt in ihnen kein Früher und Später, kein Oben und Unten. Die Texte öffnen sich auf ein „fernerhin“, das sich räumlich und zeitlich ausdehnt. In einer poetischen Annäherung an ihr literarisches Vorbild versucht die Schriftstellerin Friederike Kretzen die Bewegung der Texte nachzuvollziehen. Gesang des vergeblichen Wartens /Die ungeheure Textwelt der Catherine Colomb. Eine Annäherung / NZZ 08.08.1998, S. 62 weiterlesen

Die Kehlen der Knie /Friederike Kretzens Roman „Ich bin ein Hügel“ / NZZ 12.09.1998, S. 68

Von Angelika Overath
„Es gab das Meer. Wir schwammen.“ So ruhig und klar beginnt der jüngste Roman der 41jährigen Friederike
Kretzen, um sofort einzutauchen in eine sehr viel dunklere Bildlichkeit: „Wir schwammen Kopf voran in der Hühnerfuttertonne.“ In einer Tonne mit weggeworfenen Essensresten lässt sich nicht schwimmen. Ein Kind jedoch kann sich darüberbeugen, hineinspiegeln und in der Imagination forttauchen: Die Kehlen der Knie /Friederike Kretzens Roman „Ich bin ein Hügel“ / NZZ 12.09.1998, S. 68 weiterlesen

Der schräge Spiegel im Hinterkopf /Hilda Doolittles Roman „Hermione“ / NZZ, 19.06.1999

Von Friederike Kretzen
Hilda Doolittles „Hermione“ gehört als kunstvoll verfremdetes Selbstporträt der jungen Autorin zu den faszinierendsten Texten der literarischen Moderne; die Schriftstellerin Friederike Kretzen sucht eine kongeniale Annäherung an das Werk. Der schräge Spiegel im Hinterkopf /Hilda Doolittles Roman „Hermione“ / NZZ, 19.06.1999 weiterlesen

Bewegte Bilder /L’oeil du tigre – Ein Bildband von Bernard Voïta / NZZ, 19.08.2000, S. 86

köh. Was sieht der Tiger im Sprung? Wird aus der Wiese ein Meer, aus Hügeln ein Fell? Von Bildern und Schatten, Aus- und Lichtblicken handelt der Fotoband „L’oeil du tigre“ von Bernard Voïta, zu dem die Schriftstellerin Friederike Kretzen einen schönen Text über die Zimmer der Kindheit und die Dunkelkammer der Erinnerung geschrieben hat. „Das Auge des Tigers“ ist ein doppelt belichtetes Buch über die Poesie der Bilder-Sprache und „das ungemachte Bett der Zeiten“. Bewegte Bilder /L’oeil du tigre – Ein Bildband von Bernard Voïta / NZZ, 19.08.2000, S. 86 weiterlesen

Blick in Zeitschriften /Literarischer Reigen / Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2000, S. 60

Das Spiel ist so einfach wie reizvoll: Man nehme einen literarischen Text und lasse die Spuren, die er legt, von Autorinnen und Autoren lesen. Oder deuten. Oder beschreiben. Denn eigentlich ist Schreiben ja immer ein Versuch, sich mit der eigenen Erfahrung, zu der das gelesene Fremde selbstredend gehört, auf einem imaginären Weg fortzubewegen. Vielleicht seien Texte „Koffer oder ganze Gepäckwagen“, meint Friederike Kretzen, und Schreiben wäre dann ein „einziges Kofferpacken, Umziehen auch“. Blick in Zeitschriften /Literarischer Reigen / Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2000, S. 60 weiterlesen

Sprechabgewandte Gegend / Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2000, S. 83

Das Selbstgespräch ist zunächst eine Übung zum Warmwerden. Es hilft immer, um in etwas hineinzukommen. Sei es Wut, Liebe oder Angst. Sogar Vernunft öffnet ihre Türen, drauflos redend rennst du sie ein. Hier wird selbst gesprochen, steht an der Tür, die offen steht, und du bist sie eingerannt und hast schon angefangen zu zetern. Du willst vom selben sprechen, sagst du und zeterst weiter. Traut ist es hier nicht. Kein Selbstgespräch versteht sich von selbst. Das liegt am Selbst des Gesprächs, das anders ist, und es spricht, als wäre es der Mond. Sprechabgewandte Gegend / Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2000, S. 83 weiterlesen

Wie geht Verwandlung?

Ausschreibung SS 03 24.3.-28.3.03

Wie geht Verwandlung?

Verwandlung ist anders als Veränderung. Wer zu einem Baum geworden ist, ist deutlich verwandelt. Doch auch wer eine Mutter geworden ist, oder ein Vater. Hier noch von einer Veränderung zu sprechen, wäre ein Verkennen der Gewalt, die da gewirkt hat. Ovids Metamorphosen handeln von dieser Gewalt, bei ihm eignet sie den Göttern.
Auch die Märchen sind voll mit Verwandlungen, die der Arbeit der Wünsche entwachsen. Sowohl die Metamorphosen als auch die Märchen sind Sammlungen von Lebensverläufen, in die unterschiedliche Verwandlungen jäh eingebrochen sind. Deren innerste Gesetzmässigkeit ist die Unumkehrbarkeit des Verwandelten. Dem ist nur mit erneuter Verwandlung zu begegnen. Wege zurück gibt es nicht, nur Rekonstruktionen im Medium von Sprache und Erzählung.
Was uns als Sammlungen von Märchen und Geschichten der Verwandlung von Menschen in Tiere und Blumen und Pflanzen so leicht daher kommt, gibt uns einen tiefen Einblick in das, was nicht umzukehren ist, was unbestimmt in uns und an unserem Leben wirkt, was uns darin aber auch in einem
weiteren Kontext erscheinen lässt. Wir sind überall umgeben von und einbegriffen in Bedingungen, Möglichkeiten, Zuständen und Wirkungen, die wir vielleicht genauer fassen können, wenn wir wahrnehmen, dass ein Mensch ein Baum sein kann und ein Vogel einmal ein verräterischer Mensch war. Gewiss, dies sind sprachliche Formen und keine Vögel oder Bäume oder Menschen, und doch sagen wir zu Menschen und Vögeln und Bäumen, Menschen, Vögel, Bäume. Sind wir mit Sprache und Benennen und Schreiben und Erzählen nicht ständig in einem Verwandeln tätig, das uns als solches, – nämlich unumkehrbar und in gewisse Weise nicht vorhersehbar, allerdings alles mit sich reissend, – gar nicht bewusst ist?

Vielleicht sollte uns unsere vielfältige und auch oft unbedingte Bedingtheit deutlicher sein. Vielleicht können wir sie zu denken versuchen. Probeweise, eine Woche lang, würde ich gerne mit Ihnen zusammen aufnehmen, was wir tun, und was wir meinen zu tun, und wieviel anderes dazwischen steckt, das wir nicht wissen, aber doch kennen. Was das sein kann, und wie das ist, dem würde ich gerne mit Ihnen durch Aufschreiben, Sammeln und Lesen nachforschen. Denn was wir in den Sammlungen von Verwandlungsgeschicken vor uns haben, sind in gewisser Weise systematisierte Bewegungsverläufe von Leben. Einige Biegungen und Schräglagen hinzuzufügen, das würde ich gerne mit Ihnen erproben.

Empfohlene Literatur:
Ovid: Metamorphosen, Stuttgart 1958, Uebsersetzt und Herausgegeben von Hermann Breitenbach
Aby Warburg: Schlangenritual, Berlin 1996
Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen
Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien, Die Sonette an Orpheus,
Stuttgart, 1997