Von Angelika Overath
„Es gab das Meer. Wir schwammen.“ So ruhig und klar beginnt der jüngste Roman der 41jährigen Friederike Kretzen, um sofort einzutauchen in eine sehr viel dunklere Bildlichkeit: „Wir schwammen Kopf voran in der Hühnerfuttertonne.“ In einer Tonne mit weggeworfenen Essensresten lässt sich nicht schwimmen. Ein Kind jedoch kann sich darüberbeugen, hineinspiegeln und in der Imagination forttauchen: „Zusammen mit den ein wenig zerstückelten silbergrauen Fischen. Und rote Krabben streckten ihre Fühler aus, die, trocken, wie sie waren, stachen.“ Dieses „Meer“ nun wird zu den Hühnern gebracht, die es aufpicken: „Und wir sahen zu, wie sich in ihren Bäuchen das Wort Meer abzeichnete. Und so, wie in Hühnern Meer stecken kann und sichtbar wird, ist es mit dem Mädchen. Das in der Hühnertonne schwamm.“
Was steckt in diesem Mädchen, in dieser Hühnertonnenschwimmerin? In den kommenden modernen Zeiten, da die Böden der Hühnerställe betoniert werden und sich in den Vorratsschränken bald Ananasdosen stapeln neben Hühnerkonserven, wird es eine junge Frau geworden sein, die die polnischen Dosenhühner singen hört. Vom Meer.
Der in siebenunddreissig Kurzkapitel gegliederte Roman „Ich bin ein Hügel“ folgt einem doppelten Horizont. Zum einen geht es um ein konkretes Mädchen, das autobiographische Züge trägt. Die Geschichte spielt in Leverkusen, dem Geburtsort der Autorin. Wie sie ist das Mädchen 1970 vierzehn Jahre alt. Der Leser begleitet es nun zurück in die Kindheit der späten sechziger Jahre in jener deutschen Kleinstadt, wo das Bayerkreuz des Chemiekonzerns („das erste Kreuz, . . . das ich gesehen habe“) den Himmel des wirtschaftlichen Aufschwungs bestimmt, und er folgt ihm in die siebziger hinein zu den Raucherecken der Gymnasiasten, den erotisch-politischen Versammlungen, wo im Schaffellmantel Mao Tsetung ausgerufen wird als verbale Ikone einer Jugendkultur. Er lernt die Sehnsuchtsorte kennen, Bushaltestellen und Waldböden, und die Liebe in den Zeiten der Wohngemeinschaft; er gerät in die ersten Wärmezonen lesbisch getönter Frauengruppen.
Wo Friederike Kretzen konkret ist, zeichnet sie noch einmal verlorene Details einer jungen bundesdeutschen und persönlichen Vergangenheit. „Die rote Holzbank am Fenster mir gegenüber, der Tisch mit dem Wachstuch, das süsslich riecht. Nach Muttermilch und Wischlappen.“ So gerinnt ein allein erfahrener Augenblick in der Küche der Grossmutter dem Mädchen, das nicht mit auf die Beerdigung der alten Frau gegangen ist, zu einem persönlichen Andenken.
Neben dieser konkreten biographischen Spur geht es in dem Buch aber zugleich um Entwicklungsphasen weiblicher Pubertät, die gleichsam in dichterischen Destillaten eingefangen werden sollen. Die Bildbereiche von Meer und Hügel stehen dabei (in einer ihrer vielen Lesarten) für Unendlichkeit und Grenze oder für den Strandbereich des heiklen Übergangs. Einer der späten Bestimmungsversuche des „Hügels“ heisst: „Aber kann ein Hügel flach sein? Solange das Meer da war, ja. Das sich jetzt in Luft aufgelöst hat.“
Im letzten Kapitel scheint dann mit dem Tod des geliebten Vaters die Pubertät abgeschlossen. Während die Tochter die Blumen aus dem Krankenhaus wieder aufs Feld wirft, gehört das Abschiedswort den Städtern, die im Frühtau durch diese Landschaft voranschreiten – ein Ort, ein Seelenbereich und ein „Namensfeld“ zugleich: „Hügel, sagen sie, sind kleine Fische.“
Was also ist ein Hügel? Friederike Kretzen entwickelt während ihres Romans ein Sprachennetz, das zwar Bezüge zur konventionellen Bildlichkeit haben kann, sich aber oft nur aus dem Roman selbst verstehen lässt. Das gibt dem Buch manchmal den Charakter eines meditativen Spiels.
„Es ist Nacht. Hoch oben in meinem Hügelbewusstsein gehe ich in bestem Hügelgefühl herum. Ich bin ein Hügel. Ich bin im Wort Hügel. Von Hühnern aufgepickt.“
Das Vage des Übergangs vom Kind zur Frau wird am Wort Hügel zwischen den assonierenden Wörtern Lüge, Küche, Gefühl, Hühnern moduliert und wieder verwischt. Die Eltern sind Berge, klar konturiert. Aber Hügel ändern sich wie Dünen, sie grenzen ans Meer, dessen Horizont in die Luft übergeht. So sind Schwimmen und Fliegen verwandte Such- und Fluchtbewegungen: „Und ist fühlen schwimmen? Auch. Und fliegen. Fliehen auch.“
Das Buch ist behutsam geschrieben, und es verdient behutsame Leser. Empfindlich sind nicht die Passagen von leichter Ironie und überraschender atmosphärischer Fülle oder die artistischen, sich gegenseitig steigernden Wort-Bild-Einfälle, die auch aus dem Fundus von Märchen, Kinderliedern, Schlagern oder Protestsongs schöpfen. Manche poetische Gänge aber, mit Wörtern wie Wünschelruten, auf der Suche nach einem Klang- Sinn oder Bild-Sinn, bleiben Versuche. Andere hingegen gelingen, finden und erfinden unerwartete Koinzidenzen zwischen Benennung des Gegenstandes („Bett“) und nahem Wort („Blatt“) in der dichterischen Belebung einer erstarrten Metapher („Kniekehle“): „Ein Bett ist ein gewendetes Blatt. Auf dem sich das Geschriebene abdrückt. Auf dem ich die Beine, die Briefe sind, gehen sehe. Und die Kehlen der Knie schliesslich, singen.“
Friederike Kretzen: Ich bin ein Hügel. Roman. Verlag Nagel & Kimche, Zürich. 174 S., Fr. 35.-.