Alle Beiträge von friederike

Im Schlafsaal der Geschichte, Andrea Köhler, 24.4.07, NZZ

Was ist das? Ein surreales Kopfkissenbuch, ein spätmodernes Familienalbum, das Traumbild einer Epoche? So viel steht fest: Friederike Kretzens neues Buch erzählt keine Geschichte von A nach Z. „Weisses Album“ hat die Basler Autorin ihren siebten Roman genannt. Es ist ein Rätselbuch, das uns wie Hänsel und Gretel ins Hexenhaus der Geschichte lockt, in den langen Schlaf der Vernunft. In diesem Wald voller Finster- und Fährnisse sollen wir uns verirren. Ein Märchenbuch von der unpädagogischen Sorte. Hier werden Albträume dick gefüttert, hier liegen drei Töchter im hundertjährigen Schlaf. Friederike Kretzens „Album“ über die Nachkriegszeit und ihre deutschen Provinzen ist ein Roman über das allnächtliche Stillhalteabkommen mit der Zeit. Das liest man nicht in einem Zug. Aber in einem Sog, der uns tief in die Seiten zieht, hinab, hinein, unter die Oberfläche der Welt.
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Besprechung Weisses Album: Freitag 12 / 23.3.07 / Werner Jung

Zunächst und zumeist: ein schwieriger Text, den Friederike Kretzen da vorgelegt hat, sperrig und irritierend, ja verwirrend. Und daher anstrengend. Kein Pageturner, nichts, um darin ab- und wegzutauchen. Sondern ein Erzähltext, wenn man so will: ein Roman, der höchste Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt, aber auch dann noch ob seiner kaskadischen Bilderfluten den Leser arg strapaziert. Doch dann steigen aus dem Wörtermeer Szenen und Bilder von geradezu betörender Sinnlichkeit und schmerzhafter Schönheit auf. Besprechung Weisses Album: Freitag 12 / 23.3.07 / Werner Jung weiterlesen

Einführung von Samuel Moser zur Lesung aus „Weisses Album“

Literaturhaus Basel, 13. März 2007

Ich möchte hier nicht etwas sagen zur Jugend Friederike Kretzens und zu den 60er/70er Jahren. Auch nicht zu Leverkusen, Bayer-Leverkusen. Darüber redet das Buch. Wie übrigens andere Bücher von Friederike Kretzen auch schon. Weder Eltern, noch Grosseltern, noch Geschwister, noch Tanten, Onkel, Cousinen, weder Orte und Zeiten noch Handlungen sind neu. Und auch viele Motive nicht. Was aber dann? Das Buch, seine Sprache. Einführung von Samuel Moser zur Lesung aus „Weisses Album“ weiterlesen

Im grossen Schlafsaal der Geschichte: Buchkritik von Christine Richard, BAZ

5.3.07: Die Basler Autorin Friederike Kretzen und ihr wahnwitziges „Weisses Album“

Wer den Orientierungsverlust schätzt, um eine neue Richtung einschlagen zu können, ist hier genau richtig. Friederike Kretzens „Weisses Album“ ist ein Hit für Abenteurer-Naturen unter den Lesern.

Die Sonne scheint. Die Welt scheint schön. Die Autorin strahlt. Ihr neuer Roman indes ist der helle Wahn. Ein Zombie-Thriller der seltsamen Art – geistvoll, voller Geister. Drei junge Frauen sprechen. Sprechen im Wechsel von ihrem Leben. Von der Mutter, hundert Jahre tot. Von Bäumen und Bauernhöfen, verschlungen von den Chemie-Werken, bis auch die Industrie-Landschaft verödete. Sie reden und reden. Vom Nachbarskind – ein Gerippe im Bettchen. Die verflossenen Freunde – Trotzkisten, Maoisten. Reisen nach Griechenland, Marokko, Paris, Indien – Totentänze. Die Roxy-Bar nebenan, Zirkustiere, zwei Weltkriege, ein paar Märchen, die Studentenrevolte, die Bombe im Auto, keine Lust zur Aktion, das Theater im Kopf. Spielen, schlafen, spielen, alpträumen, schlafen. So zwitschern sie dahin, Elschen, Gitti und Hannah. Wie Vögelchen, die in verfallenen Theatern nisten. Oder in offenen Grabkammern flattern. Oder vom Rauch in den Lüften getrieben werden. Geisterhaft. Im grossen Schlafsaal der Geschichte: Buchkritik von Christine Richard, BAZ weiterlesen

Vorwort zu A.K. Ulrich Schriftkindheiten, Zürich 2002

„Jedes kleine Spiel hilft.“

1″… jenes Sich-Verhüllen im Buchstabenschnee“

Je näher wir ein Wort anschauen, um so ferner schaut es zurück, sagt Karl Kraus.

Kindheit

Können Sie es sehen? Können Sie Kinder sehen in der Kindheit? Ist Kindheit eine weite Landschaft von Gefühlen? Grossen und kleinen Gefühlen? Und haben Gefühle eine Geschichte? Ist diese Geschichte vielleicht die weite Landschaft, die im Wort Kindheit steckt? Wer oder was steckt also in dem Wort Kindheit? Vorwort zu A.K. Ulrich Schriftkindheiten, Zürich 2002 weiterlesen

Vom Ende der Welt her, von der Kindheit aus. / Schritte ins Offene, Kindheit heft 6/2004

Friederike Kretzen

Nah und fassbar war mir als Kind die Vorstellung vom Ende der Welt. Was ich allerdings nicht mehr weiss, ist, wann und wie diese Vorstellung zu mir kam. Eines Tages war sie da und ist seitdem als Bretterzaun in einer wüsten, leeren Landschaft stehen geblieben. Nur eine Palme wuchs da noch, an deren Stamm ein Pappschild genagelt war, auf dem stand: Ende der Welt. Vom Ende der Welt her, von der Kindheit aus. / Schritte ins Offene, Kindheit heft 6/2004 weiterlesen

Wo der Hahnenfuss wächst / Zeitschrift DU 3/2004

Von Friederike Kretzen

Meine Mutter steht auf meinen Schultern. Wir sind riesenhaft. Wir ziehen durchs Land. Sie ist das Gebirge meines Lebens. Ueber uns spannt sich der Himmel, der Mond zieht auf und gleich da neben ihm diese winzige, verwischte Ausbuchtung, dort schläft die Verlorenheit, in der wir uns hier unten als ein schweres, unerträgliches Paar zu bewegen versuchen. Wir zwei, Mutter und Tochter, sind eine alte Geschichte und von lange her sind auch unsere Bewegungen, Ansichten und Aufgaben unterwegs, die immer wieder von neuem denen, die kommen und werden, aufgetragen sind. Seht zu, wie ihr euch einen Reim darauf macht, was euch verbindet und wie ihr es ertragt. Wo der Hahnenfuss wächst / Zeitschrift DU 3/2004 weiterlesen

Geschichte der Empfindlichkeit / Ausschreibung SS04

Sei nicht so empfindlich. Wer kennt sie nicht, diese Ermahnung. Und implizit ist es immer eine Ermahnung zum Vernünftigsein. Scheint so, dass im alltäglichen Wortgebrauch Empfindlichkeit und Vernünftigkeit nicht lange Hand in Hand gehen können, bald schon müssen sie sich voneinander lossagen, ja, geradezu einander abschwören. Warum heisst es so gut wie nie: Sei jetzt bitte einmal äusserst empfindlich? Stellen wir uns einen Politiker vor, der sagt, ich bitte um äusserste Empfindlichkeit? Und was würde geschehen, wenn gar eine Politikerin das sagen würde? Geschichte der Empfindlichkeit / Ausschreibung SS04 weiterlesen