Alle Beiträge von Mischa Schaub

Shakespeares Schwester und wir

Virginia Woolfs Essay ‘A Room of One’s Own’ endet mit ihrer eindringlichen Bitte an zukünftige Generationen schreibender Frauen, der toten Dichterin, die Shakespeares Schwester war, die Gelegenheit zu geben, dass sie sich endlich den Leib anlegen kann, den sie so oft gezwungen war, abzuwerfen.
Was für ein Bild ist das? Was für ein Leib?
Abgeworfen und doch vorhanden, anlegbar und zu neuem Leben fähig. Ein Leib, der mit der Arbeit des Schreibens zu tun hat, das aus den traditionell zugestandenen Formen und Bezüglichkeiten von Frauen ausbricht; das sich auf eine Welt der Wirklichkeit bezieht, nicht nur die der Männer und Frauen, wie Woolf schreibt.
Der Bezug zur Welt der Wirklichkeit verläuft quer zu binären Ordnungen, zu klaren Einteilungen und Urteilen. Erst in dieser Querung, in den Bezügen zu den Dingen an sich, dem Himmel und den Bäumen, lässt sich der abgelegte Leib von Shakespeares Schwester auffinden, dort überlebt er, mag er auch noch so vergessen sein. Denn er ist der Leib des Vergessens. Und das Vergessen, so formuliert es Marguerite Duras, ist das noch nicht Geschriebene: Das Schreiben selbst.

Ich frage mich, ob sich für Shakespeares Schwester so viel verändert hat. Freie Menschen und Frauen werden wie Verrückte behandelt, sagt Duras. Wie Woolf eine, die genau weiss, wie viel zu schnell wieder vergessen wird, was von all dem zu schreiben versucht, das den Leib von Shakespears Schwester ausmacht.

Zusammen mit Ihnen möchte ich mich mit dem Werk von Duras auseinandersetzen. Nachschauen, was wir von ihren Texten und Filmen gebrauchen können. Um die Arbeit am Leib von Shakespeares Schwester nicht zum Stillstand kommen zu lassen. Es ist an uns darauf zu achten, dass sie nicht wieder da, wo die Omnibusse an der Station Elephant and Castle abfahren, wie Woolf vermutet, begraben bleibt.

Rezension Christina Viragh

Die Katze sagt, wo die Reise hingeht

Friederike Kretzen findet in ihrem neuen Roman die Wege zurück

Christina Viragh

Am Ende von Lévi-Strauss’ Traurigen Tropen heisst es: „… während der kurzen Intervalle, in denen es unsere Spezies verträgt, ihr bienenemsiges Treiben zu unterbrechen, um im Wesen zu erfassen, was sie war und weiterhin ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: in der Betrachtung eines Minerals, schöner als alle unsere Werke, im Duft, weiser als alle unsere Bücher, geatmet im Kelch einer Lilie; oder im Blick, schwer von Geduld, Gelassenheit und gegenseitiger Vergebung, den ein unwillkürliches Einverständnis manchmal auszutauschen erlaubt mit einer Katze.“

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Lange Nacht Duvanel

Non-Stop Lesung | Schweizerisches Literaturinstitut HKB Bern

Samstag 3.12.22 zur Einführung

EIN ABEND DER GASTREUNDSCHAFT UND EINE NACHT IM ZIRKUS

Denn: „WIR ARTISTEN AN DER WERKBANK, IN DER WISSENSCHAFT, IN LIEBESDINGEN, IN DEN LEBENSLÄUFEN UND IM ZIRKUS, GEBEN UNSER LEBEN FÜR ETWAS, DAS SEINE TOTEN WERT IST…“ Sagt Kluge.
Und, das sagt er zu Benjamin, was ich gerne auch zu Duvanel sagen möchte: Tatsächlich schrieb sie für die Ewigkeit. Das ist der Beruf der kritischen Autorin.

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Einführung Buchvernissage von Samuel Moser: Bild vom Bild vom grossen Mond 

Literaturhaus Basel, 8. September 2022

Vor vier Jahren, nach dem letzten Buch von Friederike Kretzen, der «Schule der Indienfahrer», dachte ich: das ist nun das Ende. Weiter geht’s nicht mehr. Die mehr oder minder muntere Truppe, die wir schon aus vielen ihrer Bücher kannten, hatte ihre letzte Mission erfüllt, wenn auch ohne Erfolg, aber doch. Zeit sich zu trennen. 

Und nun schreibt Friederike Kretzen in ihrem «Bild vom Bild vom grossen Mond», es habe doch über dem Ende der «Schule der Indienfahrer» gestanden: «Fortsetzung folgt». Immerhin formuliert sie es als Frage. So ganz sicher ist sie sich auch nicht. Vielleicht legt sie sich das ja bloss zurecht. Einfach weil sie erfahren musste, dass sie nichts losgeworden ist seither, dass sie aus der Schule der Fahrenden immer noch nicht rausgekommen ist.

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