Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution

Essay Widerspruch Heft 83, 2025

1 «Alles, was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.» (Cosic 1994, 81)

2 Au revoir

Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution. Diesen Satz schrieb mir eine Freundin postlagernd ins Exildorf der Tibeter oberhalb von Dharamsala, wo ich während meiner Indienreise ein paar Wochen verbrachte und mich in den Tibetischen Buddhismus einführen liess. Das Jahr war 1976 und die Revolution nicht fern.

Vor kurzem ist ein alter Freund, Studienkollege, wilder Denker und Revolutionär gestorben. Ich schlug vor, dass wir am Ende der Traueranzeige schreiben könnten: Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution. 

Die Reaktion der anderen Freunde und Freundinnen kam prompt: Bitte nichts Revolutionäres. 

Au revoir, spätestens bis zur nächsten Revolution weiterlesen

Film und Familie

Die Rolle meiner Familie bei der Weltrevolution, heisst ein früher Roman von Bora Cosic, der von seiner Familie und der sie umtosenden Weltrevolution handelt, und in dem es den Satz gibt: Alles, was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.Auch ohne Weltrevolution sind Familien etwas, das nur schwer – vielleicht auch gar nicht – zu verstehen ist. Eine der berühmtesten Familien der Weltgeschichte sind die Atriden. Sie geben uns schon mal ein gutes Mass an Dramatik und Tragik vor. Jedenfalls fordern sie die Götter heraus und die können nicht anders – selbst in Familienbande verstrickt, – als einzugreifen. 

Film und Familie weiterlesen

Ist die Kunst eine Küche?

Ist die Kunst eine Küche? Gar die des Teufels? Der bekanntlich im Detail steckt? Der Dichter Daniil Charms sagt: Die Kunst ist ein Schrank. Ich stelle mir vor, dass dieser Schrank in der Küche steht. In ihm wird das Küchenlatein aufgehoben, eine Sprache der Verwandlung, vor der nichts sicher ist. Also genau richtig für die Kunst und den Teufel. bKüchen sind Räume, wo vieles zusammenkommt, sich mischt, verbindet, überläuft. Nicht nur beim Kochen oder Essen. Sie sind oft das Herz des alltäglichen Lebens, das uns trägt und begleitet. 

Diesem täglichen Leben würde ich gerne mit Ihnen zusammen nachgehen, Küchen anschauen, sie aufschreiben, einstecken, mit uns nehmen. Es geht darum, empfindlicher und genauer wahrnehmen zu können, was sonst noch da ist. Auch um all dem, was uns begleitet, das in gewisser Weise mitschreibt, ein bisschen besser zuhören zu können. Denn wo wir sind, wenn wir sind, und was uns zusammenhält -, wer wüsste dies besser als unsere Küchen mit ihren Schränken voller Küchenlatein und einer Kunst, die uns am Leben erhält.

Lektüren: Marguerite Duras: Das tägliche Leben

George Perec: Träume von Räumen

Daniiel Charms: Die Kunst ist ein Schrank

Kretzen zu Duvanel SWR Kultur / Lesezeichen

In einer etwa einstündigen Reportage der Sendung SWR Kultur / Lesezeichen hat sich Friederike Kretzen ausführlich zu ihren Erfahrungen mit ihrer Kollegin Adelheid Duvanel geäussert. Ihr Gespräch mit Gisa Funck findet sich hier als Transkript und als Sounddatei. https://www.swr.de/swrkultur/literatur/von-traeumern-spinnern-aussenseitern-die-meisterzaehlerin-adelheid-duvanel-swr-kultur-lesenswert-feature-100.html

Das ist doch heute, und das bin doch ich!

Drei Schriftstellerinnen darüber, was Christa Wolf ihnen bedeutet

Am 16. Mai 24 trafen sich im bücherraum f die drei Schriftstellerinnen Friederike Kretzen, Melinda Nadj Abonji und Jasmine Keller zu einem Gespräch über Christa Wolf und darüber, was diese für ihr eigenes Schreiben bedeutet habe. Da sassen auf dem Podium drei Generationen. Alle drei waren ursprünglich durch Christa Wolfs “Kein Ort. Nirgends” (1979) über Heinrich von Kleist und Caroline von Günderrode persönlich berührt worden: Das ist doch heute, und das bin doch ich! Durch Christa Wolfs Werk wurde die Zerrissenheit der Welt und der Menschen in die Gegenwart geholt, körperlich und intellektuell.

Alle Autorinnen lasen je eine Passage aus einem Werk von Christa Wolf und einen eigenen Text, der sich mehr oder minder explizit mit Christa Wolf auseinander setzt. Leuchtend wurde deren “unverwechselbare Stimme” ebenso wie die je eigene der drei Autorinnen hörbar: