Weisse Flecken auf dem Bild / NZZ 30.05.1996, S. 45

Friederike Kretzens Roman „Indiander“

„Wenn du anfaengst zu malen, dann musst du alles ausmalen, sagt meine Mutter, ich will keine weissen Flecken auf dem Bild sehen.“ Friederike Kretzens Buch mit dem geheimnisvollen Titel „Indiander“ gleicht einer Kinderzeichnung: es verweigert sich dem Ausmalen. Es beharrt auf weissen Flecken, auf der Vorstellungskraft. In der Schule malt die Tochter ihre Familie ueber das Blatt hinaus bis aufs Pult: „Auch noch auf dem Tisch ist meine Familie. Unsere Lehrerin hat Vater, Mutter, Kind und Schwester im Kopf. Es sind aber mehr, sage ich. Und sie bewegen sich alle. Staendig geht die Tuere auf und zu, stellen Sie sich das vor, sage ich der Lehrerin.“
Die Schuelerin heisst Friederike Kretzen. Lebte die Aushilfslehrerin Zimmermann noch, setzte es erneut Strafaufgaben. Auch in ihrem Buch geht alles ein und aus, stehen die Tueren immer offen, laufen Tanten und Onkel kreuz und quer ueber die Seiten des schreibenden Maedchens, das seinen Kopf in diesem Durcheinander oben behaelt, waehrend es in ihm versinkt. Jetzt sind wir aufgefordert, uns das vorzustellen.
Der Maedchenkopf ist am liebsten in Grossmutters Kueche. Da geht die Erdachse mitten durch die Kaffeemuehle, und die Schublade mit dem Kaffee ist das Bergwerk, in dem die sieben Zwerge arbeiten. „Nur Grossmutter hat die Kueche. In der Kueche kommen alle vor. Es sind viele, nicht nur die Familie. Auch die Schlafmaenner.“ Schlafmaenner sind Pensionaere. Einer von ihnen, Wilfred, genannt „der Berg“, soll die Tochter auf den rechten Weg der deutschen Orthographie bringen. Aber er bringt sie noch viel weiter: die diktierten Woerter bekommen „Arme und Beine“ und „beginnen zu hausen“ im Haus, das sie im Kopf des Maedchens schaffen. Dieses Haus im Haus, das geschriebene Haus, ist das Haus, in dem die Erzaehlerin Friederike Kretzen geboren wird.
Frau Zimmermann laesst die Kinder einen Aufsatz schreiben mit dem Titel „Was ist das Leben?“. Solche Fragen kennt man in Grossmutters Kueche nicht. Leben ist hier das, was „hereinschneit“. Das ist genauer und rechnet nicht mit dem, womit nicht zu rechnen ist. „Hereinschneien“ bewahrt die weissen Flecken auf dem Bild. „Und wie bei Schnee freuen wir uns darueber, oder wir bekommen nasse und anschliessend auch noch kalte Fuesse.“ Nimmt man beides zusammen, hat man auch eine Metapher fuer Friederike Kretzens Stil: Freude mit nasskalten Fuessen. „Meine Eltern sagen beide nichts. Aber nicht zusammen.“ So toent das dann.
„Meine Mutter sagt, schau die Leute nicht so an, du bist nicht durchsichtig.“ Also darf immerhin hinschauen, wer sich durchsichtig zu machen versteht. Friederike Kretzens erzaehlendes Kinder-Ich ist, ein witziges Paradox, die Durchsichtigkeit in Person: koerperloses Auge, Loch. Es ist schon da, wenn es geboren wird. Es schreit nicht, sondern sagt gleich: „Ich werde im Behelfskrankenhaus Leverkusen-Schlebusch geboren.“ Friederike Kretzen rueckt ihr Ich weg und unterlaeuft jede Sentimentalitaet und Verharmlosung, die im Erinnern liegen koennte. Was bleibt, ist ein Konzentrat: das Schauen des Schauens des Schauens. „Wir sehen uns nicht an im Spiegel, sind aber darin; wir schauen durch unsere Augen im Spiegel die Tuer zum Zimmer der Schwerster an, wovon uns der Ruecken brennt.“ Manchmal ist das Ich ein Brennspiegel. Ein Loch, das Loecher hinterlaesst: „Ich ueberlege, wie ich sterben kann, dass es sie lange reut.“
Schwer ist diese Jugend nicht. Sie wird es auch nicht. Souveraen balanciert sie auf dem Seil des Unausgesprochenen. Die Mutter wirft die Tuere hinter sich zu, und der Vater bleibt den ganzen Sonntag weg – aber das Wort „zerruettet“ braucht sie nicht. Man muss deswegen auch nicht gleich von einer gluecklichen Jugend sprechen. Geborgenheit gibt es gerade in Grossmutters Kueche am allerwenigsten. Sie ist bloss die richtige Kueche in all dem Falschen. In ihr laesst sich schreiben – und deshalb vielleicht auch leben.
Die sechziger Jahre sind in Friederike Kretzens Buch nicht Historie. Sie sind gegenwaertig. So wie Dinge, die aus dem Rahmen gefallen sind – uns vor die Fuesse. Kuhlenkampff und die Erfindung des Kippgaragentors, Hippies, Kuechenmixer, Birkin- Haarwasser und Juergen Bartsch, der Knabenschaender. Vielleicht ist das alles so unwirklich, weil es gar nie wirklich war. Die sechziger Jahre sind die Jahre des Fernsehens. Tagsueber bleibt der Apparat in der Familie Kretzen von einem blauen Tuch verhaengt, damit er abends um so unwiderstehlicher sein wirklichkeitszerstoerendes Werk vollbringen kann.
Leverkusen, besser bekannt als: Bayer Leverkusen, ist Teil des deutschen „Wirtschaftswunders“. Auch Tante Luzi ist ein Teil davon: alles, was sie anfasst, wird zur Baustelle. Und auch die Mutter: „Wenn du etwas brauchst, musst du erst dafuer sorgen, dass es auch ohne geht.“ Der Krieg sitzt ihnen noch in den Knochen. Fuer Zaertlichkeit, Trauer und Verzweiflung gibt es keinen Platz. „Meine Mutter sagt, keiner schaut sich mit mir die Welt an. Aber ich, sage ich. Ach, sagt sie, du kennst doch nichts. Am naechsten Tag schreibe ich fuer sie auf, was ich kenne.“ Auch das Wort „Musenkuss“ braucht Friederike Kretzen in diesem Zusammenhang nicht. Die trockene Kaelte ihrer Prosa verdankt sie diesem Milieu. Aber die Kunst, der Haerte dieser Nachkriegsmenschen zumindest „fleckenweise“ mit unbeirrbarer Heiterkeit und rasierklingenscharfem Witz das Gewicht zu nehmen, verdanken wir nur ihr selbst.
Im letzten Teil des Buches tritt das heranwachsende Maedchen erstmals hinaus in eine andere Welt. Die neue Freundin Elsemarie ist eine Bauerntochter. Bauern sind das Gegenteil von Indiandern, warnt auch schon die Mutter. Darauf laesst sich die Tochter nicht ein. Sie vertraut in dieser neuen Umgebung, in der hinter jeder Tuer die finsteren Geheimnisse des Lebens und des Todes lauern, auf ihre nunmehr schon alte Faehigkeit, Genauigkeit mit Vorstellungskraft zu vereinen. Mit Elsemarie baut sie im Bach einen Staudamm, „und bald reicht uns das Wasser in der klebrigen Mulde bis zum Kinn. So stellen wir uns vor, dass wir Frauen werden.“ Indiander koennten sie heissen.
Friederike Kretzen: Indiander. Bruckner & Thuenker, Basel 1996. 170 S., Fr. 36.-.