Von Friederike Kretzen
Als ich ihn das erste Mal sah, kam er mit seiner Herrin in den Zeitschriftenladen. Schon in der Tuer rief sie dem Ladenbesitzer ihr: Oh, I know, you are busy, Bob, zu. Das tat sie uebrigens in jedem Laden, in den ich sie seitdem eintreten sah. An diesem Tag hatte sie ihr Rouge eher heftig aufgetragen. Im Gegensatz zu ihrem Hund, der sich ganz dem Haus angepasst hatte, in dem er mit ihr in der Smithy Street mir gegenueber wohnte. Gelb wie die Ziegelsteine war auch sein Fell, und die paar schwarzen Haare verliefen sich darin wie die Dreckspuren in den Fugen. Er war ein kleiner Schaeferhund und machte einen irgendwie zugemauerten Eindruck, allerdings nicht unsympathisch. Im Gegenteil. Seine Nase war spitz, seine Beine nicht lang. Und das Gras wurde gruen, wenn er kam. Jeden Tag. Und blieb es auch.
Am Morgen sass er ganz aufrecht im Gras und wartete auf die Schule. Diesen grossen roten Kasten, der in einem See aus Asphalt stand, umgeben von Mauern, ueber denen der wilde Flieder in die Luft ragte und Schmetterlinge lockte. Oft dachte er so beim Warten am Morgen im Gruenen, was ist eine Wiese und dass er das gerne wissen wuerde. Dann kamen die Kinder. Er lief ihnen entgegen, sprang an ihnen hoch, wirbelte um sie herum und bellte die Schulglocke aus. Doggi, doggi sagten die Kinder, was ihm egal war, er lief mit, bis sie alle in der Schule verschwunden waren und eine elende Stille sich breitgemacht hatte. Er blieb noch ein wenig auf dem Schulhof sitzen, der einfach nicht gruen werden wollte, grau daliegen blieb. Nun denn. In seinem schoenen Gelb erhob er sich, den Kopf gesenkt, die Augen so angestrengt auf etwas vor ihm gerichtet, dass sie fast uebereinandergewandert waeren, und begann zu tigern. Ja. er tigerte los, Tatze vor, Hintertatze, naechste vorne, naechste hinten, seine Augen waren ein Herz und eine Seele, schoenes Lied das, englisch; God save the dog.
Und er erinnerte sich an C. F. Johnny, genannt der Chef. Ja. Ein beruehmter Hund hier in der Gegend. Und eben Chef. Stammte aus dem Norden Londons und war ein Nachbar. Selbst die Hecken und Buesche hatten Respekt vor ihm und wichen auseinander, wenn er aufkreuzte, und das, obwohl er ein Zwerg war von einem Hund. So in Erinnerungen tigernd, langte unser gelber Hund vor der Haustuer wieder an, die das einzige Nichtgelbe an dem Haus gegenueber war, und er kratzte mit seinen Tigertatzen, mit denen er ueber C. F. Johnnys legendaere Wege getrottet – ach was, geschwebt – war, an der roten Tuere, und ihm ward aufgetan. In der Ecke hinterm Fernseher ueberfiel es ihn, oh, nicht richtig gelb, es flimmerte ihm vor den Augen, Herz und Seele, grauses Licht da in der Ecke, und er sank um und schlief. Schulen sind rot, traeumte er, aber Wiesen nicht und Butterblumen auch nicht. Der Asphaltsee ist nicht tief und die Sonne auch nicht. Besser, sagte er sich dann im Traum, ich gehe auf die Wiese Wuermer essen, dicke, fette, wirbelig, wabbelig nette Wuermer, ja, ich gehe in den Garten, gruen, gruen. Und seine Herrin wunderte sich wie schon so oft, dass dieser doch sonst so kleine Hund, immer, wenn er schlief, auf dem Ruecken lag und mit den Beinen im Himmel ueber ihm wuehlte. Doch was kann ich dafuer?
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