Von Friederike Kretzen
Und für die Spaghetti war er gerne bereit, ihr Spiel zu spielen, was sie doch so liebte. Sie spielten dann Sir und Lady. How is the Empire, Sir? fragte sie und er bellte dann: Well, well, Mylady.
Es war einmal ein Hund, der hiess Panther. He’s a mechanical boy, sagte seine Besitzerin über ihn, obwohl sie in Italien lebten. Genauer gesagt, sie lebten in Venedig. Aber wie sich ja auch denken lässt, war seine Besitzerin ein Kindermädchen. Und Kindermädchen kommen aus England. Was sich nie verliert. Panther, nun ja, hiess wirklich so. In Venedig ist Panther ein anderes Wort für Hund. So wie „Amarcord“ ein anderes Wort für Sich-Erinnern ist. Ja.
Panther wachte spät am Morgen auf und ging als erstes die Katze suchen. Denn sie hatte rotes Fell und das erinnerte ihn an England. Obwohl er kein englischer Hund war. Aber seine Herrin hatte es ihm beigebracht.
Wenn man nämlich bei ihnen aus der Tür kam, hatten sie da gleich so eine ganz dunkle Ecke. Und hinter der Ecke das Wasser. In Venedig fängt das Wasser nirgendwo an und hört auch nicht auf, denn es ist gleichzeitig. Mal mehr, mal weniger, aber gleichzeitig. Und bei ihnen gleich um die Ecke musste auch irgendwo die Katze stecken. Und zugleich dachte er, wenn er erst einmal gestorben wäre, dass er dann nicht mehr grösser sein müsste als Hund, Meer, dunkle Ecke und Stadt und Via Garibaldi zusammen.
Seine Herrin fand, er sähe irgendwie schlampig aus.
Sie hatte nicht unrecht. Panther als Mann hätte einen Bierbauch gehabt. So aber konnte man von einem Pantherbauch sprechen, was sich doch netter anhört. Wie lange das allerdings noch so möglich sein würde, das stand in den venezianischen Sternen. Von denen man ja weiss, dass sie, wenn’s abends Spaghetti gibt, ganz länglich werden können. Und fast bis auf die Tische runterhängen. Und von eben diesen Spaghetti hatte sich Panther auch seinen Pantherbauch angefressen. Nur bei Mick Jaegger setzten die nicht an. Der ein Star aus England ist. Seine Herrin jedenfalls glaubte an ihn. Alle Kinder lachten, wenn er mit ihr ankam, und wenn sie dann sagte: Sitz, Panther, verloren sie die Fassung. Oft machten die Mädchen in die Hose vor Lachen. Die Jungen hatten das nicht nötig. Na ja, sagte das Kindermädchen dann, ihr werdet es nie so weit bringen, dass ihr Panther heisst, und nahm ihn auf den Arm.
In Venedig ist man klein nichts. Vieles in Venedig erscheint grösser als es ist, nur weil Venedig am Meer liegt. Und viele Gebäude und Plätze tragen Namen, die sich die vielen Besucher vorsagen und mit nach Hause nehmen und sich im Kopf herumgehen lassen, und wenn die Namen da nicht gross genug sind, sind sie eines Tages einfach weg. Sogar die Namen. Und dann das Wasser überall in Venedig. Na und sein Name, der ist eben so angespült worden übers Wasser. Und das Kindermädchen, geschult im Hören dieser Töne, die sich nicht über die Wasseroberfläche ausbreiten, von denen die Kinderstuben voll sind, die Parks, die Jahrmärkte und Fähren. Diese Stimmen, die sich nicht richtig aussprechen, die nur stimmen. Denn wenn sie sich aussprechen würden, müssten sie gleich in die Schule. Und da gibt es keine Panther. Und so verstand seine Herrin, als sie am Meer stand, Panther, und schon lief Panther um sie herum, was ein O sein sollte. So wie wir „Oh“ sagen, wenn uns etwas sehr freut.
Auch als er schon ganz dick war, setzte er sich voller Anmut und Eleganz hin. Er verstand es, die Hinterbeine gerade auszustrecken und zwischen den aufgestellten Vorderbeinen nach vorne durchzuschieben. So dass er einem auf dem Sofa sitzenden Kind glich, dessen Beine rettungslos in die Luft ragen. Über den artig zwischen den Vorderbeinen vorgeschobenen Hinterbeinen wölbte sich sein Bauch, der getigert war.
Und dann, nun, Panther verlor die Zähne. Und als er gestorben war, schickte seine Herrin allen ihren Kindern, die bei ihr gross und grösser geworden waren, eine Danksagung, in der stand, dass sie die Geldspenden für Blumen für später verwenden würde.
Friederike Kretzen, geboren 1956, lebt als Schriftstellerin in Basel. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Indiander“ bei Bruckner & Thünker.
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