Von Friederike Kretzen
Hasen schlafen mit offenen Augen, sagt Flaubert. Flughasen schlafen zudem mit hochgestellten Ohren. Und nur in London. Der Flughase ist ein Tier in London. Seit ich ein Jahr dort gelebt habe, schaue ich noch immer so unbestimmt in den Himmel. Noch immer suche ich nach dem Sternbild, dem Sternbild des Flughasen.
Die Londoner sprechen auch vom Hasenflug und meinen damit einen besonders wankelmuetigen Gang. Diese leicht abfaellige Rede vom Hasenflug kaschiert aber nur ihren Stolz ueber den Londoner Flughasen, den sie fest in ihr Herz geschlossen haben. Sie haben ueberhaupt eine besondere Art, mit Tieren und auch mit Pflanzen umzugehen. Sie wissen, dass man den Tieren ihre Traeume lassen muss. Speziell den Hasen den, zu fliegen. Waehrend sie mit offenen Augen schlafen. Das ewige Traeumen. Kann auch eine Krankheit sein. Auch bei Hasen. Sie sitzen am Rand des Rollfelds London Heathrow und sehen den grossen Voegeln zu. Ganz apathisch bereits von den Gasen, die die Dinger ausstossen. Den Flugplan haben sie im Blut. Da, die Maschine nach Bombay und weiter nach Kalkutta, steigt hoch, in diesem orangen Licht. Das orange Licht Londons. Wer braucht da noch einen Mond, oder Sonne und Sterne. Kalkutta sehen sie am Himmel stehen, und ihre Ohren zittern, wollen winken, ach, die sehen ja nicht, denken sie und sind betruebt, hier unten festzusitzen, zu muemmeln, wie Hasen tun, und doch so hoch oben zu traeumen, ach.
Die Hilflosigkeit der Flughasen ist besonders gross, sie aehneln kleinen Flugzeugen, sind aber Hasen. Manchmal sieht man sie, vom Flugzeug aus, am Pistenrand ganz schnell laufen, wenn sie naemlich traeumen zu fliegen, rennen sie ganz schnell. Manchmal werden sie ohnmaechtig und verlieren das Augenlicht. Dann muessen sie sich in einen der vielen Parks in London zurueckziehen und von was anderem traeumen. Die Londoner wissen auch ueber das Schicksal der blind gewordenen Flughasen Bescheid. Und sie haben Mitleid. So kommt es, dass sie, wenn sie nachts, genauer gesagt, kurz nach der Schliessung der Pubs, einen Mann am Boden sitzen sehen, der sich an einem Strassenschild festhaelt, sich windet und irgendwie, er hat wirkliche keine Ahnung wie, wieder auf die Beine zu kommen versucht – soll er sich ziehen, soll er die Stange wegdruecken, was soll er tun -, zu ihm eilen und ihn fragen, ob er blind sei.
Ich wusste auch nicht, dass es sie gibt. Sie sassen, noch frueh am Morgen, auf einer Wiese voller Rauhreif, gleich hinter Heathrow. Ich war gerade mit dem ersten Flugzeug von Basel gekommen. Rot und ungeheuer dick hatte mich die Sonne im Flug eingeholt. Und nun sass ich in der U-Bahn Richtung East-end. Ich fand, sie sahen anders aus als normale Hasen, sie hatten weissen Pelz angesetzt, und ich versuchte, sie zu zaehlen. Ich glaube, es waren hundertvier. Und mir fiel ein Bild ein, das ich in einem Gartenbuch gesehen hatte, auf dem ein Garten abgebildet war, der nur aus Hasen bestand. Und auch auf diesem Bild, so schien es mir jedenfalls in der Erinnerung, leuchtete dieses orange-gelbe Licht, das sich in London, sobald es anfaengt, dunkel zu werden, breitmacht. Es ist das Licht des O’Leary Square, gleich um die Ecke Smithy Street und dahinter der Durchgang zur Whitechapel Road, wo ich beim Baecker die juedischen Feiertage kennenlernte. Das gelb-orange Licht des O’Leary Square, am Abend einer jener seltenen Tage, an denen es geschneit hatte, und nur wenige waren zur Arbeit gekommen, wie der Radiosender berichtete, der sich „The Voice of London“ nennt, und die Schulkinder rutschten und fielen auf ihren duennen Sohlen ueber den Strassenuebergang vorm Fenster, der zusaetzliches Gelblicht spendete. Ich stand an der gelben Ziegelsteinwand eines Chicken-Shops und hatte Zeit, mir den Himmel genau zu besehen. Dies Licht, dachte ich, in diesen Himmel gestreut, ist genau das Fluidum – um es behelfsmaessig mal so zu nennen -, das die Flughasen brauchen. Denn sie sind, da London ja eine alte Seefahrerstadt ist – Seetiere, ich meine, Seefahrertiere. Ja, sie gleiten auf Sternenbahnen, die sie mit ihren hochgestellten Ohren, so dass sich die Lichtstrahlen daran brechen, fuer die Seefahrer deutlich sichtbar machen. Hier London, London funken sie mit Licht in den Himmel, und auf den Meeren wissen sie wieder Bescheid. Darum schlafen sie auch mit offenen Augen, wegen der Reflexion des Sternenlichts am Boden fuer die grossen Voegel und aus Vorsicht natuerlich.
Friederike Kretzen, 1956 in Leverkusen geboren, lebt in Basel. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Die alten Weiber“. Der vorliegende Text entstand waehrend eines Werkjahres 1994 in London.
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