„Pest ist die Frau“ „Weiberjahnn“ – eine Polemik / NZZ , 17.12.1994, S. 68

Ursula Vogel
„Mag Jahnn Anstoss erregen bei anderen, nicht bei mir, dem das kuenstlerisch Kuehne immer ein Hauptspass ist.“ Thomas Manns „Hauptspass“ an Hans Henny Jahnns Romanen und Dramen moegen nicht alle mit ihm teilen. Leserinnen vor allem vergeht mitunter das Vergnuegen an der Lektuere angesichts der verstuemmelten weiblichen Koerper, die Jahnns Romane und Dramen bevoelkern.
Zu seinem hundertsten Geburtstag in diesem Jahr wird der Autor, der so etwas wie ein Geheimtip unter Literaturwissenschaftern und Schriftstellern ist, bedacht mit mancherlei Ehrungen.
Fuer mindestens einen Missklang im Jubelchor will der „Weiberjahnn“ sorgen. „Eine Polemik zu Hans Henny Jahnn“, so der Untertitel, versammelt in sechs Beitraegen sechs Lesarten unterschiedlichster Genres von Wissenschafterinnen, Publizistinnen und Schriftstellerinnen.

EIGENE DESTRUKTIVITAT

Erste Begegnung mit Jahnn war fuer Sabine Peters die Begegnung mit Jahnn-Lesern. Sie schreibt von ihrer Irritation angesichts glaenzender Maenneraugen und der – maennlichen – Faszination, mit der ueber Gewalt und Tod, Raserei, Exzess und Obsession, ueber Grenzueberschreitung und Aufloesung in Jahnns Texten gesprochen wurde. In einem Brief an die Herausgeberin probiert Peters verschiedene Moeglichkeiten einer Auseinandersetzung mit Jahnn. Ihr Beitrag ist vielleicht der produktivste in diesem Band, wagt sie doch, inspiriert von der Lektuere eines Kollegen, eine Exkursion in eigene Abgruende. Eine katholische Erziehung, Geschichten von gefolterten und misshandelten Maertyrern, Geschichten, in denen Gewalt mit Erotik sich verbindet; Stoffe wie in literarischen Texten Hans Henny Jahnns haben ihre Bedeutung in der eigenen Sozialisation, die – darueber hinaus – fuer einen Abschnitt der bundesdeutschen Wirklichkeit steht. Es gibt also, „in aller Vorsicht“, bei Jahnn etwas ueber die eigene Destruktivitaet zu lernen.
Die Dramaturgin und Romanautorin Friederike Kretzen hat mit „Pest ist die Frau“ ein Stueck geschrieben, in dem neben Hans Henny Jahnn und Artaud, beide als Engel, „eine wirkliche Frau und Dauer-Jahnn-Schauspielerin“ auftritt. Der Geist, der den Jahnn-Herausgeber spielt, hat die beiden Theatermaenner herbeizitiert. Und so besteht das Stueck aus einem Pingpong von Jahnn- und Artaud-Zitaten. Die Dauer-Jahnn-Schauspielerin wird verspottet, betrinkt sich und liefert schliesslich originelle Jahnn-Interpretationen: „Er wuehlt in der Sprache, ebenso laesst er seine Maennerfiguren in den Eingeweiden der Frauen wuehlen.“ Ihr legt Kretzen auch die Theweleitsche Erkenntnis von der maennlichen Kunstproduktion in den Mund, die Frauenopfer braucht. „Orpheus ist die Literatur, die Eurydike dem Tod weiht.“
Witzig ironisiert die Autorin gaengige Lesarten. „Dichter sind eben so, nicht wahr. Was sie nicht zu tun vermoegen, sollen die anderen tun, die sie darum hinschreiben. . . . So sehen sie die Welt mit sich darin auf dem Papier in der Schrift, die zurueckschaut. Nur dass sie sehen, duerfen sie nicht sehen. Dafuer schreiben sie: Schreiben ist nicht sehen.“
Sehen koennen die anderen. Die Leserinnen. Als eine sehr hellsichtige erweist sich Frauke Hamann, eine der Herausgeberinnen. Ihre Polemik nimmt den Gegenstand ernst. Sie erkundet die Person Hans Henny Jahnn, seine Homosexualitaet und die Probleme, die er mit der althergebrachten Mann/Frau-Zuordnung hat. In seinem Leiden an den biologischen Unzulaenglichkeiten – Jahnn imaginiert sich als Frau des Liebespaares, die aber nicht gebaeren kann – sieht Hamann Jahnns Frauenhass begruendet, der damit immer auch ein Selbsthass ist. „Die Frau kann gebaeren, der Mann kann toeten. Im Toeten kann er die Festlegung seines Geschlechts bekaempfen und zugleich das gebaerfaehige Geschlecht vernichten. In dieser Zurichtung der Frau bestraft Jahnn die eigene Sehnsucht nach der OEffnung.“

BUENDEL AUS FLEISCH

Das Frauenopfer hat noch eine weitere Funktion; es bringt das Maennerpaar zusammen. Erst wenn aus der schoenen Frau ein Buendel aus Sacktuch, Teer und Fleisch geworden ist, kann es eine erotische Partnerschaft der Maenner geben, koennen sie sich Illusionen eigenen Gebaervermoegens hingeben. Hamanns knappe und klare Lesart von Tagebuechern, Romanen und Dramen Jahnns ueberzeugt. Diese Leserin hat sich nicht abschrecken lassen von schwuelstigem Stil und schockierenden Bildern. Sie behaelt den UEberblick, deckt auf, enthuellt und entschleiert, wo sich andere empoert oder entsetzt abwenden.
Frauke Hamann, Regula Venske (Hrsg.): Weiberjahnn. Eine Polemik zu Hans Henny Jahnn. Europaeische Verlagsanstalt Hamburg 1994. 161 S., Fr. 29.-.