Handbuch der Ratlosigkeit

37 Einträge, herausgegeben von Elfriede Czurda, Friederike Kretzen und Suzann-Viola Renninger

Mit Texten von Jochen A. Bär, Anton Bruhin, Ann Cotten, Franz Josef Czernin, Elfriede Czurda, Dorothea Dieckmann, Franz Dodel, Oswald Egger, Dorothee Elmiger, Elke Erb, Michael Fehr, Eleonore Frey, Hans-Jost Frey, Zsuzsanna Gahse, Bodo Hell, Norbert Hummelt, Felix Philipp Ingold, Hanna Johansen, Barbara Köhler, Margret Kreidl, Friederike Kretzen, Ludger Lütkehaus, Klaus Merz, Walter Morgenthaler, Erica Pedretti, Sabine Peters, Suzann-Viola Renninger, Beat Schläpfer, Hannes Schüpbach, Farhad Showghi, Christian Steinbacher, Yoko Tawada, Christina Viragh, Peter Waterhouse, Uwe Wirth, Sandro Zanetti, Martin Zingg

War es nicht eben noch so einfach? Wo ist nur die Ordnung geblieben? Doch welche Ordnung war da gleich? Guter Rat ist teuer, die Ratlosigkeit gross. 37 Autorinnen und Autoren ergreifen die Flucht nach vorn, stürzen sich mit Lust in die Unordnung, ins Unbekannte, Unbenannte. Sie jonglieren mit Borges’ «Chinesischer Enzyklopädie», vertiefen sich in «Begriffe, die von weitem wie Fliegen aussehen», in «herrenlose Muster» und in «Wörter, die dem Autor gehören», überschreiben die alte Enzyklopädie «mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar» zu einem Palimpsest jener Ordnung, die in unseren Augen keine ist, sondern nur auf den grossen Zusammenhang verzichtet.
Wer sich auf «Das Handbuch der Ratlosigkeit» einlässt, begibt sich in «zusammenkrachende Möglichkeitsräume». Denn «hier schwankts» – wie in der Restwelt auch.

Fundsachen für Melancholiker

Phantasievolle Bücher erweitern unser Bewusstsein.
Alexander Cammann / DIE ZEIT Nº 26/201418. Juni 2014
 

Sie, liebe Leserinnen und Leser, glauben wahrscheinlich, dass Literaturredakteur ein Traumberuf ist. Immer auf der Couch liegen und schöne Bücher lesen, dann darüber ein bisschen schreiben – und dafür auch noch mehr oder minder anständig bezahlt werden: Das klingt zugegebenermaßen paradiesisch. Diesen Glücksverdacht muss man jedoch ganz realistisch relativieren: Die Bücher sind erstens so schön oft nicht, zweitens stapeln sie sich in Unmassen in unseren Büros, eine nicht enden wollende, reißende Flut, in der wir jeden Tag ums Überleben kämpfen, drittens gibt es ja leider die völlig inkompetenten Kollegen, die mit absurden Meinungen und noch viel absurderen Texten viertens bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aufgrund Ihres, Sie sehen mir meine Offenheit bitte nach, eher schlichten Gemüts enormen Erfolg haben.
Melancholisch ist folglich unsere Grundstimmung – umso dankbarer also ziehen wir aus den turmhohen Stapeln jene Bücher hervor, die uns vielleicht trösten können. Das Handbuch der Ratlosigkeit ist so eines, der Einband aus ungewohntem grauen Schmirgelpapier: 37 kurze, alphabetisch geordnete, allesamt geniale Einträge, verfasst von ebenso vielen Autoren, unter dem Motto „Voraussetzung für das Gelingen von Ratlosigkeit ist das Bewusstsein von der Unmöglichkeit des Gelingens“ (Limmat Verlag, Zürich 2014).

Überschreibungen mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar

Am Anfang unserer Gruppe war Veronique. Sie war Französin, kam aus Paris und eine Liebe hatte sie nach Köln gebracht. Die Liebe flog schnell. Er hiess Paul und sah wie ein grosser Argentinier aus mit dunklen, langen Locken. Dabei kam er aus dem Ruhrgebiet, studierte Medizin und fuhr für sein Leben gern in einem weissen Peugeot um die Stadt. So als wäre er ein Indianer am Amazonas, machte er grosse Bögen, immer auf der Jagd, immer bereit. Sie fuhren, kaum waren sie aus der Stadt heraus, durch Wälder, durch Auen, machten an den Ufern von Sieg und Ahr Rast. Es war noch Sommer, die Hitze konnte drückend und feucht sein. In den Gärten stand der eiserne Heinrich hoch und leuchtete gelb. Überschreibungen mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar weiterlesen

ÜBER DAS UNVERFÜGBARE

»Man kann alles machen / ausgenommen die Geschichte dessen, was man / macht.« Das sagt Godard und wirft ein schönes Licht auf folgende Überlegungen: Was hat das Vergegenwärtigen der Literatur mit dem zu tun, was wir Gegenwart nennen? Was bedeutet der Ruf nach dem Gegenwartsroman, der Bezug der Literatur auf das, was wir Gegenwart nennen? Was ist das, was kann das sein hinsichtlich des grundlegenden Vermögens der Literatur zu vergegenwärtigen? ÜBER DAS UNVERFÜGBARE weiterlesen

RASANTES PROJEKT

STARKE ERFAHRUNGEN SIND NIEMALS BESÄNFTIGEND.

Das sagt Henry James. Ich möchte darum und unter dem Segel einer nicht zu besänftigenden starken Erfahrung an dieser Stelle, wo wir uns etwas Endlosem zuwenden und am Ende stehen von etwas, das nicht das Ende ist und nicht zu Ende, von einem Projekt berichten, das unter diesem Dach stattgefunden hat, und das mir seither in seiner Gewagtheit und Tollkühnheit immer unwirklicher vorkommt. So dass ich mehr und mehr geneigt bin zu denken, ich hätte mir das alles nur ausgedacht und erträumt. Doch es hat dieses Projekt der WEISSEN SEITEN gegeben. Unser einziger Irrtum war, anzunehmen, so ein Projekt machen zu können. Dabei war es umgekehrt, es hat etwas mit uns gemacht. Was, das werden wir vielleicht eines Tages wissen, wenn wir schon lange nicht mehr da sind. RASANTES PROJEKT weiterlesen

Irre Parabel: NZZ am Sonntag vom 20.04.2014

Handbuch der Ratlosigkeit. L’arc/Limmat-Verlag, Zürich 2014
Wir kennen in Leder, Leinen, Pergament und Pappe eingebundene Bücher. So etwas haben wir aber noch nie gesehen: einen in Schmirgelpapier der Stärke 3M gebundenen Band, die raue, sandige Fläche selbstverständlich aussen. Ein Sammlerstück für Bibliomane, aber mehr als das: eine höchst originelle Anthologie mit 37 in die Sprache verguckten Texten. Seit zwanzig Jahren gibt es L’arc Romainmôtier – ein zum Migros-Kulturprozent gehöriges Künstlerhaus im Westschweizer Jura. Zu seinem Jubiläum haben Elfriede Czurda, Friederike Kretzen und Suzann-Viola Renninger dieses schöne Buch herausgebracht. Irre Parabel: NZZ am Sonntag vom 20.04.2014 weiterlesen

Böhmische Briefe

Mein erster Freund hiess Franz. Er war auch meine erste grosse Liebe. Ich war gerade sechzehn, er schon bald zwanzig und wir beide noch auf der Schule. Es war Ende Herbst in einer schmutzigen deutschen Industriestadt, in der sich ein paar junge Menschen aufgemacht hatten, eine andere Gesellschaft zu erfinden. Sie hatten einen Traum. In dieser Zeit schien er ihnen ganz nah, was auch die Stadt veränderte; sie leuchtete. Die Eiscafés rund um die Gymnasien in der Stadt – es gab noch solche für Mädchen und solche für Jungen – waren die Versammlungsorte für die, die nah waren und träumten. Von ihnen ging ein Licht aus, das summte. Gewiss, Licht macht Töne, wie Bienen, die aus Sonne und Flug Honig machen.
Böhmische Briefe weiterlesen

Die schöne Gefahr.

Für wen wir schreiben. Dritte Runde

‚Le beau danger’ ist der Titel eines kleinen Buchs, in dem Michel Foucault mit Claude Bonnefoy über die schöne Gefahr seines Schreibens und Denkens spricht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel ‚Das giftige Herz der Dinge.’ Dieser Wechsel von der schönen Gefahr zum giftigen Herz der Dinge gibt vielleicht schon eine Antwort auf die Frage, warum es uns nicht leicht fällt, Gefahr und Arbeit an der Schönheit zusammen zu denken. Doch was ist Gefahr, was Schönheit, wenn es ums Schreiben und Denken geht? Kann Schreiben gefährlich sein? Und Denken? Für wen? Sich in Gefahr begeben, ist das eine Möglichkeit, etwas zu erschaffen, das mit Schönheit zu tun hat?  Was an der Gefahr soll schön sein oder schön werden können? Die schöne Gefahr. weiterlesen

Mit dem Schreiben zurecht kommen; möglichst ohne Recht zu behalten.

 Für wen wir schreiben. Vierte Runde.

Sie haben alle schon erfahren, dass ein Wort alles verändern kann. Nicht nur in einem Text. Dass mühsames Arbeiten an einem Text ihn nicht gelungener macht, dass es aber manchmal der Mühe lohnt und sich so eine ganz neue, unerwartete Wendung ergibt. Wie können wir wissen, woran wir sind im Scheiben, wenn wir mittendrin stecken und keinen Überblick haben. Mit dem Schreiben zurecht kommen; möglichst ohne Recht zu behalten. weiterlesen