
Im Arbeitszimmer der Angst
Essay von Friederike Kretzen aus Widerspruch 73 „Angst, Wut, Mut“
https://kretzen.info/wp-content/uploads/KretzenArbeitszimmerDerAngst.pdf
Räuberische Verschleppung
Vortrag gehalten am 1.9.2019 Walser-Skulptur Biel
Von Räubern und ihren Verschleppungen

Kleine Vorrede
Vor kurzem habe ich im Rahmen einer Sommerakademie in Schrobenhausen ein Schreibseminar gegeben. Schrobenhausen gibt es wirklich, es ist eine Stadt in Bayern mit geschlossener Ringanlage um den alten Stadtkern. Der grosse Ethnopoet Hubert Fichte (er schrieb den unvollendet gebliebenen Romanzyklus ‚Die Geschichte der Empfindlichkeit’) war gegen Ende des zweiten Weltkriegs dort als Halbjude in einem Waisenhaus untergebracht, über das er ein Buch geschrieben hat, mit dem Titel: Das Waisenhaus.

Friederike Kretzen bei ihrer Lesung in der Walser - Skulptur.Räuberische Verschleppung weiterlesen
Walser-Skulptur Biel, 1.9.19
Vor ihrem Vortrag „Räuberische Verschleppungen“ hat Friederike Kretzen noch ein Statement im improvierten Videostudio der sozialen Skulptur von Thomas Hirschhorn abgegeben.
Nicht vergessen, dass wir leben müssen
Erschienen im Cinema-Jahrbuch 2019 als „Noch ein bisschen bleiben“
Wir treten ein, der schmale Flur ins Dunkle, durch den Spiegel. Bald steigen sie aus der Dunkelheit auf, sie sitzen in einem Auto, ihre Worte fliegen im Rhythmus der Strassenlampen über sie hinweg. Sie fahren gen Süden und haben den Norden verloren. Sie suchen die Liebe. Die dreht die Zeit um, wie der Tod. Sie sind in einem Film. Ein Film ist ein Kampfplatz. Liebe, Hass, Gewalt, Tod. Ja. Gefühle. Sie fahren in der Nacht. Sie schauen uns an. Während sie fahren, kommen wir ihnen entgegen. Sie sprechen. Wir sehen sie sprechen, Wörter steigen aus ihren Kehlen auf wie aus der Unterwelt, kommen aus ihrem Mund und wandern über ihre Köpfe zurück in die Entfernung, die sie hinter sich lassen.
Womit Romane anfangen und wie wir uns dahin aufmachen können
Sommerakademie Schrobenhausen 2019
„Ich glaube, alle Romane beginnen mit einer alten Frau in der Ecke gegenüber.“ Das schreibt Virginia Woolf und sie meint es ernst. Denn diese alte Frau ist nichts anderes als das Leben. Es könnte also so leicht sein, einen Roman mit dem Leben anfangen zu lassen. Wäre da nur nicht unsere Ignoranz, Blindheit, unser ganzes vermeintliches Wissen, was wichtig wäre und was nicht. Es ist ein Irrtum, zu glauben, das Besondere sei im Besonderen zu finden, also beispielsweise in New York, und nicht eben um die Ecke in Schrobenhausen.
Womit Romane anfangen und wie wir uns dahin aufmachen können weiterlesenDu musst den Mond erst aufhängen, bevor du ihn anheulen kannst
Sommerakademie Schrobenhausen 2018 / Schreiben und Schreiben wollen.
Wollen wir schreiben oder wollen wir schreiben wollen? Dazwischen liegt ein entscheidender Unterschied. Schreiben wollen fällt mit dem Schreiben in eins, ist aber etwas anderes. Und es ist dieses andere, das unser Schreiben mit all den zusammengewünschten, erträumten, zweiten, dritten und vierten Leben, die uns die Literatur über die Jahrhunderte hinweg zu lesen und weiterzuschreiben gibt, verbindet.
Ich möchte in diesem Seminar nach dem Wünschen und Wollen des Schreibens fragen, um schreibend, sprechend, das, was über das jeweils konkrete Schreiben notwendig hinausgeht beim Schreiben, genauer anzuschauen.
Der Wunsch zu schreiben und das Schreiben
Literaturinstitut Biel / HS 17 / Für wen wir schreiben. Siebte Runde.
„Ja: nicht schreiben ist das Bedürfnis, sondern schreiben wollen.“ So steht es in Handkes frühem Text „Falsche Bewegung“ und zieht sich als grundlegende Ausrichtung seines Schreibens durch sein gesamtes Werk.
Der Wunsch zu schreiben und das Schreiben weiterlesenUNENDLICHER SPASS
Literaturinstitut Biel / Ausschreibung HS19 / Für wen wir schreiben, zehnte Runde.
David Foster Wallace UNENDLICHER SPASS ist ein beunruhigendes, unheimliches Stück Literatur. Ein Gegenwartsroman, der uns das Fürchten lehren kann. Geschrieben von einem, der die Angst kennt. Denn Wallace ist bei den Gescheiterten in die Lehre gegangen und er lehrt uns, dass wir von ihnen lernen können – vielleicht nur von ihnen. Von ihnen und dann wieder von uns, die wir mit ihren Lehren auch nur scheitern können.
UNENDLICHER SPASS weiterlesenWarum das Glück der Artisten ein ratloses ist und wie wir es lernen können
Für wen wir schreiben. Achte Runde / Literaturinstitut Biel Ausschreibung HS 18
Seit Alexander Kluges Film „Die Artisten in der Zirkuskuppel; ratlos“ sind Artisten ratlos und zwar, weil sie Artisten sind. Es heisst im Film, dass sie als Artisten nur so tun, als könnten sie fliegen. Während sie im wirklichen Leben natürlich fliegen können.
In diesem Widerspruch zweier Vermögen hält sich die ganze schöne widersprüchliche Spannung von Leben und Kunst auf, die wir nicht reduzieren können, nur immer wieder durchqueren und vermehren.
Warum das Glück der Artisten ein ratloses ist und wie wir es lernen können weiterlesen