Vom Anlachen der Besinnung | WOZ vom 13.10.11

Es soll Gegenden geben, die der Mensch im Herzen trägt, die noch nicht existieren. Gegenden, in die der Schmerz eintreten muss, damit es sie gibt. Ob sie etwas mit Besinnung zu tun haben? Wie kommen wir zur Gegenwart und zur Besinnung? Gibt es ein Erkennungszeichen dafür? Offensichtlich braucht es Aufmerksamkeit, Bereitschaft für Bedeutungen, die offen sind, noch nicht festliegen. Ein Text über die Kraft der Fantasie und die Arbeit der Literatur.

Vor kurzem sass ich mit meiner Kollegin Eleonore Frey zusammen. Wir sprachen über das Leben, das Schreiben und was dabei die Gegenwart sein könnte. Da ich gerade ein Manuskript abgeschlossen habe, mich also plötzlich ausserhalb eines Textes wiederfinde, in dem ich ein paar Jahre gelebt habe, und da sie mich und diesen Zustand gut kennt, sagte sie mir: Du musst dir jetzt erst einmal wieder Löcher in die Gegenwart beissen. Was stimmt.
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Giacomettis Zimmer | Surrealismus in Paris, Expo Beyeler | 1.10.11 BAZ

Ist dies eine Zeichnung? Oder ein Plan zur Begehung des Unzugänglichen? Auf André Bretons Frage, was sein Atelier sei, soll Giacometti gesagt haben: Zwei kleine Füsse. Hier gehen sie. Rue Hippolyte Maindron, Weltraum. Von hier laufen Linien aus, hierher kehren sie zurück, kreuzen sich, bilden Flächen, empfindliche Häutchen, Schleier, Fetzen des grossen Segels. In ihrer Mitte wacht der Palast der Winde, Leuchtturm der Artisten. In seiner Takelage hängt eine unzulässige Mannschaft: ein Wurm, eine Sängerin, ein Trapezkünstler, und einer, in der obersten Kammer, übt den Aufflug. Es sind die Nachfahren von Hieronymus im Gehäuse, dessen Löwe liegt als Blitz getarnt auf dem Boden. Er wird niemanden hinauslassen.
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Das Übel der Prosa ist nicht das Übel der Prosa

Zählen und leben, heisst es irgendwo bei Handke, und das ist, was Prosa macht. Sie zählt und lebt und das ist, was zählt und was lebt, wenn wir Prosa schreiben. Oder an Prosa denken. Das Übel lassen wir hier mal beiseite, weil es nicht das der Prosa ist, sondern eine Art Heimweh, das die Prosa heimsucht und dann wird sie ganz eng und fürchtet sich, den Leser aus den Augen zu verlieren oder den Plot nicht im Griff zu haben, wo doch Augen und Griffe für ganz was anderes gebraucht würden beim Schreiben und Zählen von Prosa, die lebt oder der es ums Leben geht, was auch immer das sein mag. (more…)

Schreibarbeit: Präzision der Sprache als Forschungsfeld der Literatur

In den Natur- und Technikwissenschaften werden Experimente aufgestellt, Gleichungssysteme analysiert und Theorien formuliert. Ergänzend dazu soll in der Veranstaltung „Schreibarbeit“ der Präzision einer literarischen Textanlage, ihrer Wortwahl und Evidenz nachgegangen werden.
Mit einem literarisch verfassten Text unterwerfen wir uns ebenfalls einer Versuchsanordnung und wir erforschen, was sich aus der spezifischen Anordnung seiner Teile in der Durchführung des Textganzen ergibt. Diese Form der Schreibarbeit führt von der Frage „Über was will ich schreiben?“ zur Frage „Was schreibe ich?“ (more…)

Schnee von heute

© Basler Zeitung|24.02.2010|Seite: bazab43
Schnee von heute
Friederike Kretzen*

Die Schweizer Schriftstellerin und bildende Künstlerin Erica Pedrettiwurde am 25. Februar 1930 in Tschechien geboren. Sie kam 1945 in die Schweiz, ins Land ihrer Grossmutter. Die Basler Schriftstellerin Friederike Kretzen schickt ihrer Kollegin einen Geburtstagsgruss, beschwingt, beflügelt von zwei Sätzen aus dem Werk der Erica Pedretti.

«Es schneit in Plouda»: So hebt es in Erica Pedrettis erstem Buch «Harmloses, bitte» an, woraufhin sich auch schon einige Sätze weiter und vor unseren Augen das Schneien samt Plouda in diesen unwägbaren Schnee von gestern, vorvorgestern oder übermorgen verwandelt, unter dem sich jede Fassbarkeit auflöst, bis es schliesslich heisst: «… vielleicht gibt es gar keinen Ort Plouda. (…) Ist das wirklich Blauda?» (more…)

Laboratorium: Gegenwart schreiben | Erstes Treffen

Vom 8. bis 10. September 2006 findet im L’arc Romainmotier das erste Treffen eines von Friederike Kretzen initiierten Laboratoriums von Autorinnen und Autoren statt. Idee und Konzept des Laboratoriums ist eine Standortbeschreibung gegenwärtigen literarischen Arbeitens mit den Mitteln der Literatur. Das Labratorium bietet Anlass und Rahmen des Reflektierens und Forschens von Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit, an und durch das Material ihrer Arbeit, der Sprache. (more…)

Laboratorium: Gegenwart schreiben | Einladung an die KollegInnen

Das Laboratorium möchte einen internen Forschungsraum ermöglichen, in dem vor den wie auch immer projizierten Anforderungen einer phantomatischen Öffentlichkeit eine gewisse Ruhe und Schonung für Austausch und Verständigung mit und durch unsere Arbeit gewährleistet werden kann.
Die Idee zu einem Laboratorium reagiert auf das Verschwinden von Schutz- und Absonderungsräumen innerhalb des Literaturbetriebs im engeren Sinne und versucht, gegen den Vereinnahmungsdruck von Markt und Medien die Bedeutung spezifisch literarischer Verfahren des Denkens und Zusammenfügens sichtbar zu machen. Das kann Literatur allerdings nur als Literatur, und eben nicht durch Ausweichen in Gebiete der Kulturwissenschaften und/oder der von den Medien angebotenen Verkündigungspositionen für Gross- und Kleindeuter. (more…)

Bericht WEISSE SEITEN Treffen vom 11./12.12.09 in Romainmôtier

Nach langen Überlegungen, wie der Bericht über das erste Treffen der WEISSEN SEITEN so zu schreiben sein könnte, dass sich in ihm etwas von der Erfahrung, die wir bei unserem Treffen machen konnten, vermittelte, fiel mir die Arbeit von Hiroshi Sugimoto, die er THEATERS nennt, ein.
Er fotografierte in den glamourösen amerikanischen Lichtspieltheatern der 30er Jahre und in den Autokinos der 50er Jahre jeweils ganze Filme. Die Belichtungszeit dauerte so lange wie der Film. Dabei zogen tausende Einzelbilder vorbei und schwärzten das Negativ. Im Abzug erscheint dann die Filmleinwand als strahlende weisse Seite, die den Raum illuminiert.
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Überlegungen zu dem Projekt: WEISSE SEITEN im L’Arc Romainmotier 11./12.12.09

1. Künstler, Intellektuelle, Kulturvermittler arbeiten am Imaginären der Kultur. Wie ist es um diese Arbeit bestellt? Und natürlich schliesst das die Frage ein, wie ist es um das kulturelle Imaginäre bestellt, in welchem Zustand ist es und wie äussert es sich? Diese Fragen lassen sich nur als Auseinandersetzung, als Arbeit des Fragens und der Fragen beantworten, bzw. bewegen. Unser geplantes Zusammentreffen in Romainmotier möchte sich dieser Arbeit annehmen.
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Monatsgast im Magazin Reflexe 2010

In der neuen «Reflexe»-Serie «Monatsgast» von Radio DRS2 blicken Kulturschaffende auf ihren vergangenen Kulturmonat  zurück. Im Gespräch mit Karin Salm erzählt Friederike Kretzen, warum sie im Januar wieder Werke von Heinrich von Kleist hervorgeholt hat. Hier kann man die Sendung als Podcast abspeichern:  Podcast