Poes Brief /Klarheit der Sprache – eine Intervention

NZZ 19.08.00 / Von Friederike Kretzen

Klarheit wird gerne als Ordnung, und zwar im Sinne vorsätzlicher Regeln, verstanden. Doch lässt sich, was klar zu sein scheint, nicht abstrakt bestimmen. Denn Klarheit ist eine Frage der Verhältnisse. Und eine der Sprache.

Ist Klarheit einfach. Kommt sie allein. Oder ist sie ein einfacher Auftritt von vielen. Und gibt es Grade von Klarheit. Mehr oder weniger Klarheit, aber auch nähere und entferntere Klarheit. Ist Klarheit also ein Geschehen. Und tritt in den Raum. Wofür ist Klarheit klar. Und was macht all das andere.

Klarheit ist eine Frage der Verhältnisse. Und eben selber ein Verhältnis. Das uns, wenn alle Verhältnisse gelöst sind, als Durchsichtigkeit erscheint. Und eine Durchsicht bedeutet auf eben die Verhältnisse, die sie ist. Durchsichtigkeit ist fast nichts. Bis auf so eine gewisse Helligkeit, durch die sie als nicht nichts zu unterscheiden ist. Und gewiss, Durchsichtigkeit bedeutet, das sehen zu können. All die vielen Verhältnisse, die auf keine Kuhhaut passen, aber in eine Klarheit. Plötzlich liegen sie offen vor uns. Und was offen vor uns liegt, ist eine Öffnung. Kommt also Licht rein. Luft auch. Und anderes Denken.

NICHT FISCH, NICHT VOGEL

Aber hat Klarheit etwa etwas mit „weder dies noch das“ zu tun? Nicht Fisch, nicht Vogel? Nicht Fliegen, nicht Schwimmen? Schweben aber, was dazwischen steckt. Wohlgemerkt, dazwischen ist nicht der Mittelweg. Denn der bringt in allerhöchster Not den Tod. Ist Schweben der Zustand, wenn einem die Erkenntnis buchstäblich vom Himmel fällt? Kann also eine Arbeit an der Klarheit von Sprache und der sie durchdringenden Verhältnisse eine Arbeit am Erkennen dessen sein, was vom Himmel fällt? Ich meine, eine Arbeit am Unbestimmten?
Oft wird Klarheit mit Ordnung, und zwar Ordnung im Sinne vorsätzlicher Regeln, verstanden. Als ob Klarheit zu ordnen wäre. Ein wunderbares Beispiel für die Unordnung von Ordnung ist die klare Rede des Staatsanwalts in Alexander Kluges Film „Die Patriotin“, der folgende Lösung der winterlichen Verkehrsprobleme und überhaupt aller Verkehrsprobleme vorschlägt. Denn es ist eine Frage der Verhältnisse. Die müssen geordnet werden, sagt er. Nämlich die Autos müssen von der Strasse getrennt werden und Schnee und Eis wiederum von Strasse und Autos. Also hier die Autos, dort die Strassen und noch woanders der Winter. Schon ist kein Problem mehr da. Er dehnt diese Art Problemlösung auch noch auf historische Situationen aus. Beispielsweise Stalingrad. Er sagt, man müsse die Soldaten aus dem Krieg herausnehmen, den Krieg aus Russland und alles aus dem Winter. Schon gäbe es kein Problem mehr. Jedenfalls hätte Stalingrad so verhindert werden können.

Es gibt für Klarheit keine Ordnung. Höchstens so viel Unordnung wie möglich. Die Rede des Staatsanwalts zeigt klar die Unordnung der Mittel der Ordnung. Und die Genauigkeit dieser Unordnung in bezug auf die ihr zugrundeliegenden Verhältnisse. Klarheit ist eine Arbeit an den Zusammenhängen. Da ein Haufen Krieg, da ein Haufen Soldaten, da ein Haufen Russland öffnet das Denken und macht durchsichtig, dass Krieg nicht mit den vorgegebenen Formen der Ordnung gedacht werden kann. Auch nicht beschrieben.

Klarheit ist eine Frage der Verhältnisse. Mal die zwischen Menschen, mal die zwischen Gefühlen, auch die zwischen Landschaften und Gegenden. Klarheit ist ja ein Sehwort. Also eine räumliche Ausbreitung. Und bezogen auf einen Text kann Klarheit ja nur eine Frage der Verhältnisse zwischen Wörtern sein.

Wörter haben Verhältnisse miteinander. Familiäre und weniger familiäre. So gibt es in Sätzen Mütter, Väter und Kinder. Es gibt aber auch Tanten in Sätzen und Onkel. Feinde natürlich auch. Die Liebe sowieso und die Verführung erst recht. Nun versuchen wir einmal, solche Verhältnisse zu ordnen. Vergessen sollten wir dabei die Waisenkinder unter den Wortkindern und auch die Kriegsverletzten nicht.

Meine Grossmutter beispielsweise verkörperte das Haus. Und was ich auch schreibe, ich baue mir zuerst einmal ein Haus aus Sätzen. Erst dann fange ich richtig an zu schreiben. Übrigens heisst meine Grossmutter Frau Stein. Jedenfalls träumte ich das, und seitdem tut sie es. Das Wort Haus ist eine gute Grossmutter. Aber auch all die Wörter, die helfen, ein Schreibhaus zu bauen. Zumindest eine Küche. In der Küche schreibe ich am liebsten.

Hier, in den Sätzen, wie auch in tatsächlichen Familien gilt – je eindeutiger die Verhältnisse, desto klarer. Wesen, wenn nicht gar Seele, Motor allemal von Familien ist allerdings die Ambivalenz. Vielfache Ambivalenzen. Und zur ungeheuren Möglichkeit von Sprache gehört – und vor allem -, diese darstellbar zu machen. Also in ein Verhältnis zu bringen.

Womit ich nur verdeutlichen möchte, wie Arbeit an der Sprache und ihrer Klarheit immer auch Arbeit an der Realität ist. Und diese Arbeit geschieht immer. Ich meine ständig. Es gibt keinen Bereich, in dem Sprache nicht Realität wäre. Und wo sie unklar erscheint, liegt eine Unklarheit im Denken vor. Das also nicht weit genug gegangen ist. Sätze aber, nun, Sätze müssen gehen.
Mein klarstes Bild der Sprache – meine Grossmutter ist sofort zu erkennen – ist ein Raum, in dem steht ein Tisch und ein Stuhl. Darin hausen die Wörter. Auf dem Tisch liegt ein Blatt, darauf steht: ein Bild ist kein Bild. Und kein Bild ist ein Bild. An diesen Sätzen gehen die Wörter rein und raus. Gehen fort und kehren zurück. Denn hier in diesem Zimmerchen nimmt das Schreiben für mich immer wieder seinen Anfang. Dieses Zimmerchen selber ist ein Blatt, und darauf steht, es ist ein Zimmerchen.

Im Grimmschen Wörterbuch steht, dass Klarheit zunächst Licht bedeutet. Eben die Helligkeit, durch die deutlich wird, dass da was ist, beispielsweise Durchsichtigkeit. Oder ein Scheinen. Die goldnen Sternlein prangen“/“am Himmel hell und klar. Klarheit der Sonnen, Klarheit des Himmels, der Luft, der Augen. Dann die Klarheit der Erkenntnis und die Klarheit des inneren Schauens. Es gibt auch die grosse Klarheit der Hirngespinste. Mit der Zeit verliert sich der Himmelsglanz, und klar wird mehr und mehr zum Gegenteil von trüb. In „klar wie Wurstsuppe, klar wie Klossbrühe und klar wie Tinte“ liegen schliesslich, wo einst Sterne standen, die Gemeinheiten klar auf dem Tisch. Aber ist Klarheit so klar sichtbar? Denken wir nur an Poes Brief, den alle suchen, den keiner findet. Denn er liegt offen und für jeden sichtbar im Schein der Lampe auf dem Tisch. Kommt diese Blindheit daher, dass wir, um Klarheit erkennen zu können und klar erkennen zu können, zunächst eine offene Vorstellung von dem haben müssen, was unklar ist? Zumindest eine, die nicht alles Unklare ausschliesst und nicht von vornherein weiss, was klar ist. Am Beispiel von Poes Brief wird deutlich, dass Klarheit selbst eines der sichersten Verstecke ist.

Ein offenes Auge brauchen wir, ein gewitztes, das sehen kann, wo nichts ist. In gewisser Weise ist das ein unbestimmtes, schweifendes Auge. Oder können wir Klarheit nur dann sehen, ich meine, Sprache als klar empfinden, wenn wir jedem geschriebenen Wort zugleich all die anderen, nicht geschriebenen Wörter ablesen können.

Betreten wir noch mal das Zimmerchen, das das eben erwähnte Bild der Sprache beherbergt, und sagen uns: wir können etwas, das nicht da ist, hinschreiben. Wir können es als nicht da hinschreiben und als da. Dann ist es beide Male da. Einmal ist es als nicht da da und einmal als da da. Klar in diesem Beispiel ist einerseits die Lücke und andererseits ein Aufgehen im Nicht-da-Sein, das Da-Sein ist.

REISE NACH JERUSALEM

(Jedes Wort, das wir hier in diesem Zimmer sagen oder schreiben, ist zugleich ein Stuhl, der in einem anderen Zimmer der Wörtergemeinschaft fehlt. Also zuwenig ist. Das aber setzt die Sprache in Bewegung. Vielleicht Richtung Jerusalem, wohin schon die Reise des Kinderspiels ging. Jedenfalls die Treppen rauf und runter.)

Klarheit lässt sich nicht abstrakt bestimmen. Oder wie sollen wir Licht, Helligkeit, die Sonne, den Mond bestimmen können, wenn wir beim Sehen doch noch nicht einmal wissen, ob wir es sind, die sehen, oder schaut uns da das Angesehene an. Mit klaren Augen? Sieht also, was wir ansehen, uns an? Bei Roland Barthes heisst das einmal, das Konkrete, das Sinnvergessene. Dies Sinnvergessene ist, wo Klarheit haust. Wo Dinge und Namen passen, Verhältnisse und Sätze, Zustände und Geschichten. Ich glaube, das heisst Evidenz.

Je klarer wir Sprache verwenden, desto konkreter. Das heisst, desto wörtlicher. Denn Sprache sind Wörter, und Wörter sind, was da ist, wenn wir sie hinsetzen, hinschreiben. Je wörtlicher wir Sprache verwenden, desto sinnverlorener kommt sie uns oft vor. Dabei ist da ein Sinn in der Wörtlichkeit der Wörter zu entdecken, der so klar ist, dass er sich selbst ruhig vergessen kann. Und ist nicht, wenn sich etwas klärt, Auflösung im Spiel? Auflösung von all dem Äusseren, Fremden, Aufgetragenen, so dass es etwas anderes, Neues überhaupt erst geben kann.

Um Klarheit, wir kommen nicht drum herum, muss gekämpft werden. Um Auflösung. Und Klarheit kann nicht eine einfache sein. Sowenig wie Einfachheit je eine einfache ist. Klarheit bedeutet immer viele Klarheiten. Und für viele. Denn es sind immer mehrere an Sätzen und Abschnitten und Geschehen beteiligt, die sich in Sätzen und zwischen Abschnitten ereignen. Die grösstmögliche Klarheit ist vielleicht eine genauere Forderung, ein genauerer Wunsch. Denn ein Wunsch erschliesst Zusammenhänge und schliesst sie nicht aus. Da ist er anders als eine Forderung. Arbeit an der Klarheit ist Arbeit an den Zusammenhängen, haben wir schon gesagt. Es ist dies auch eine Arbeit an den Wünschen.

Die Bedeutung von Klarheit kann sich wiederum nur als ein Verhältnis von etwas zu etwas ergeben. Nämlich von Klarheit – und nun nicht im Gegensatz, in Negation zur Unklarheit – sondern im Verhältnis zur Unklarheit. So dass Klarheit es vermag, uns das Unklare näherzubringen. Klarheit – und da sitzt sie bei den Wünschen – sagt zum ausgesperrten Unklaren eben nicht, hau ab, sondern, komm rein. Und das sehen wir jetzt die Wörter im Zimmer hocken und schreiben.

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