Seminar: „Vorbereitung des Romans“ von Roland Barthes

Was ist es, was uns zum Schreiben bringt? Was geschieht, wenn wir schreiben? Schreiben wir oder werden wir in Worten und Sätzen von etwas ergriffen, das uns schreibt? Was ist die Phantasie des Schreibens, was der Augenblick der Evidenz und welcher Notwendigkeit sind wir schreibend unterworfen? Dies sind nur einige wenige der Themenkomplexe, denen Roland Barthes in seinen letzten zwei grossen Vorlesungsreihen, die er unter dem Titel „Die Vorbereitung des Romans“ zwischen 1978-1980 am College de France gehalten hat, nachgegangen ist.

Jede Theorie eines Romans muss selbst ein Roman sein, forderten die Romantiker, deren Forderung sich Barthes zu eigen macht. Und in der Tat handelt es sich bei seinen Vorlesungen um die Vorbereitungen eines Romans, den er zu schreiben gedachte. Doch wann bereiten wir noch vor und wann haben wir bereits begonnen? Seine uns in Form seiner Vorlesungen hinterlassene Vorbereitungen sind ein ganz einzigartig zusammengelesener Roman, in dem wir vor allem Proust, Flaubert, Mallarmè, Rimbaud bei der Arbeit zusehen können.

„Roman: Praxis des Kampfes gegen die Trockenheit des Herzens“, heisst es an einer Stelle in den Vorlesungen, die sich dieser Praxis, – zumindest ihrer Vorbereitung – mit Haut und Haar verschrieben haben.
Ich möchte mit Ihnen die Vorlesungen studieren und an der Vorbereitung von Romanen arbeiten.

Ausschreibung Projektwoche 9.-13.11.09: Wiederholung

Wenn wir uns wiederholen, holen wir uns dann wieder? Aber waren wir denn fort? Wo waren wir denn und warum holen wir uns wieder? Kann es sein, dass wenn wir uns wiederholen, wir zugleich erfahren, weggewesen zu sein? Ist eine Wiederholung also sowohl eine Erfahrung des Wiederkommen wie des Ausbleibens? Und sind wir es, die sich wiederholen oder werden nicht eher wir wiederholt? Beispielsweise, wenn uns etwas einfällt, an das wir seit Jahren nicht mehr gedacht haben. Woher kommt plötzlich der Einfall, die Erinnerung und warum gerade jetzt? Andersherum geschieht es oft, dass wenn wir auf andere Gedanken kommen wollen, sie uns nur um so hartnäckiger umtreiben. So oder so scheint in der Wiederholung etwas uns treu zu bleiben und fordert uns auf, ihm treu zu bleiben.
Sich zu wiederholen, gilt als unoriginell. Doch zugleich ist Originalität substanziell an Wiederholung gebunden, ja, erschafft sich in der Wiederholung. Erst in der Wiederholung ergibt sich die Möglichkeit, dass sich im Gleichen das andere bildet. Roland Barthes schreibt in seinen Vorlesungen zur Vorbereitung des Romans:“…was das Gedächtnis bewahren muss, ist nicht die Sache, sondern ihre Wiederkehr, denn diese Wiederkehr hat bereits etwas von einer Form.“ Womit er genau die Differenz in unseren Begriff von Erinnerung, Gedächtnis, Wiederholung einführt, die uns das Neue, das Abweichende an der Wiederholung deutlich zu machen vermag.

Ich möchte mit Ihnen in dieser Woche an Wiederholungen arbeiten. Schreibend, lesend, sprechend möchte ich Aspekte, Verfahren, Methoden der Wiederholung als grundlegende künstlerische Praxis anschauen, erfahrbar machen und bedenken. Versuchen wir, uns in eigenen und fremden Texten und Bildern wieder zu holen und uns bereitzuhalten für das, was geschehen mag.
Empfohlene Literatur, von der mindestens ein Buch gelesen worden sein sollte:
Hilda Doolittle „Tribute to Freud“
Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“, Gertrude Stein „Erzählen“

Andenken

Onkel Karl war, lange nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war, eines Tages in die Schweiz gereist und hatte mir etwas mitgebracht. Eine Kiste zum Hineinschauen, wie es sie damals von allen als schön bekannten Orten gab, und sie sollten an diese erinnern. Meine Kiste war rot, und als ich später Howling Wolf das Lied ‚Little Red Rooster’ singen hörte, musste ich an sie denken. Auf der Rückseite befand sich das winzige Guckloch, durch das in die Kiste hineinzuschauen war. Als erstes Bild zeigte sich darin gleich der schöne Vierwaldstätter See. Auf Knopfdruck kam das nächste Bild zum Vorschein. Das war das Hotel Sonne, dem das Hotel Mond, auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gelegen, folgte.
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Räume von hier und da.

Sobald etwas eintritt, und sei es ein Stimmungsumschwung, ein Gedanke oder ein Textanfang, haben wir einen Raum, in den etwas eintritt und einen anderen Raum, von wo etwas kommt. Selbst wenn etwas aus dem Nichts hereinschneit oder vom Himmel fällt. Dann schneit es aus dem Nichts und fällt vom Himmel. Sollten wir das, von wo etwas herkommt, was dann hier reinschneit oder einfällt, als Aussenraum im Unterschied zu einem Innenraum bezeichnen wollen, so könnten wir auch sagen: Die Erde ist der Innenraum des Himmels. Oder das Nichts ist der Aussenraum der Erde. Was allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass das Eingetretene, während es uns hier Gesellschaft leistet, nun woanders fehlt. Und wer weiss, ob sein Fehlen dort nicht beweint wird. Räume von hier und da. weiterlesen

Was ist schweizerisch?

Lange Zeit habe ich ohne jeden Begriff oder Vorstellung, was die Schweiz und das Schweizerische wären, verbracht. Ich fuhr auch nicht hin, sondern nach Indien. Das änderte sich erst am Ende des Studiums, als ich mit zwei Freunden eine kurz entschlossene Reise nach Italien unternahm. Und diesmal fuhren wir durch die Schweiz. Einer meiner Freunde kannte einen Musiker in Luzern und wir dachten, dass wäre doch eine prima Idee, bei ihm zu übernachten. Wo genau er wohnte, wussten wir nicht. Wir fuhren erst mal hin. Als wir am späten Abend in Luzern ankamen, gingen wir zielstrebig in ein Kellerlokal, wo wir denn gleich auf den Musiker trafen, und wir konnten auch bei ihm in der Wohngemeinschaft übernachten. Am Morgen, wir wollten früh weiter, sassen wir in der Küche, tranken Kaffee, als die Türe aufging und eine junge, nackte Frau eintrat. Was ist schweizerisch? weiterlesen

Schreiben wir für die Katz, für Hollywood?

Schreib-Projekt, Zürich, Schule für Gestaltung, Filmklasse 13.4. – 15.4.1993

Was geschieht, wenn wir Gesehenes, Gehörtes in Sprache zu fassen und in Schrift zu fixieren versuchen? Welche Bilder, welche Vorstellungen sind mit dem Schreiben verbunden und engen unseren Blick und unsere Umgangsweise ein, ohne dass wir es wissen? Wie verhält sich unsere Zielvorstellung von dem, was wir schreiben wollen, zu dem, was Schreiben überhaupt zu leisten vermag? Welche Idee von Realität und zielgerichtetem Verhalten liegt unserem Verständnis von Schreiben, Sprache und ihrem Gegenstand zugrunde?Wird dadurch die Erfahrung von Sprache als Wirklichkeit nicht eher verunmöglicht? Und mit Sprache als Wirklichkeit meine ich die unerbittliche Dimension von Sprache, die mit einfachem Willen und Konzepten nicht zu erwischen ist,-möglicherweise jedoch mit einem kleinen, zufälligen Blick beiseite. Schreiben wir für die Katz, für Hollywood? weiterlesen