Friederike Kretzens „Übungen zu einem Aufstand“
Jeder kennt das Bild des Mädchens mit der Keksdose, auf der ein kleineres Mädchen eine noch kleinere Keksdose in der Hand hält, bis beide auf dieser winzigen Keksdose in unsere Vorstellung verschwinden. Wenn dieser Prozess rückgängig zu machen wäre, wenn sich aus einem Loch der Imagination das Mädchen mit der Keksdose locken liesse, das immer von der nächsten Keksdose getragen wird, könnte das ein mögliches Bild sein für die Bewegung des Erinnerns selbst. Denn jedes Mal kommen Bilder von Bildern, an die wir uns schon erinnert haben. In ihrer sich weitenden Flucht zeigt und entzieht sich zugleich, was war.
Friederike Kretzen wagt mit „Übungen zu einem Aufstand“ einen autobiographischen Roman aus eben jenem Prinzip. Ihre Keksdose ist eine Studentenbühne, auf der heute zum letzten Mal die Szenen gespielt werden, die gespielt wurden, wie sie gespielt worden waren, so vergangenheitstiefenscharf und daseinsecht, wie das Leben der zehn Schauspieler nie gewesen ist. Deshalb kommen sie zusammen.
Die Verweigerung der Vergangenheit
Der Roman handelt von Kindern, die Mitte der fünfziger Jahre geboren wurden und die Anfang der siebziger in Giessen studierten, in jener nicht eben inspirierenden deutschen Stadt, die „einem ausgebombten Suppenteller“ gleicht, der „schnell wieder gefüllt worden ist“. An seinen Rändern stehen die Kasernen der amerikanischen Schutzmacht. Und sie sind die Indianer. Indien ist ein Reiseziel, ein Wort für die Sehnsucht und eine Chiffre des Entzugs. Es geht um jene Studentengeneration, für die das Kernkraftwerk im badischen Wyhl zum ethnologischen Grund wurde, wo sie in Zeltlagern Widerstand und Anarchie am Lagerfeuer erforschten, und die ihre ersten Scheine in Soziologie oder Jura machten, als Ulrike Meinhof starb.
So viel verhaltene Zukunft war nie wie in den Jahren dieser flügge gewordenen Indianer, die ein Land mit ihren Namen riefen, weil sie dort fehlten. Um eine vermisste Kindheit also geht es und um davongekommene Eltern, die, indem sie nicht über das Zurückliegende sprachen, ihren Kindern Vergangenheit verweigerten und eine Zukunft verdächtig machten. „Die Geschichten unserer Väter und Mütter haben bis heute kein Ende gefunden. Es gab keine Rückkehr, nicht nach dem Krieg. Stattdessen bedeuteten sie uns, wir haben keine Geschichte, auch uns hat es gar nicht gegeben.“ Wenn sie also sein wollen, diese Niemands-Kinder von Nicht-Nazis, Nicht-Mördern, Nichts-Wissenden, müssen sie sich erfinden. Notgedrungen werden sie Schauspieler ihres Lebens.
Das lastende Vakuum einer Kindheit ohne Geschichte und das Gefühlsgewitter eigentümlicher Vagheit des Erwachsenwerdens bleiben eingebunden in einen Kleinfamilien-Kokon, der keinen Raum gewährt für den notwendigen Luxus von Leichtsinn und Poesie. „Nie hat einer gesagt, unsere Kinder sind unsere Blumen (.“.“.) Warum eigentlich nicht?“
So erlebt die deutsche Provinz die hohe Zeit ihrer Blumenkinder. Im Sommer gehen sie in Batik-Unterröcken, im Winter in bestickten Fellmänteln aus Afghanistan. Sie riechen nach Patschuli und hinterlassen in den Wirtschaftswohlstandswohnzimmern einen dunklen Geruch, der stärker ist als das Aroma der besten Bohne von Tchibo, um den die immer gerechten Mütter und Tanten zusammenrücken.
Der Text setzt ein, als die Protagonisten in etwa ihr Studium abgeschlossen oder abgebrochen haben und dabei sind, sich zwischen aufzumöbelnden Schrottautos und elektrischen Gitarren aufs Windelwickeln einzustellen oder sonst einer Idee nachzugehen, die keiner universitären Schutzräume mehr bedarf.
Man trifft sich noch einmal im hessischen Hüttenberg zu einer letzten Theateraufführung. Die Probe findet beim blau flackernden Licht einer Gasheizung im Hinterzimmer eines Gasthofs statt. Noch im letzten Herbst hat man in der Teestube einer Drogenberatungsstelle geprobt, das Finale vom Theater vom Theater vom Leben beginnt. Im Verlauf des Abends wird deutlich, dass diese Schauspielgruppe eine rührende, witzige, skurrile, eine tapfere und unsinnige sinnstiftende Lebensgemeinschaft war, die immer wieder spielen musste, wie sie sich spielte: Protestaktionen in Fussgängerzonen, die zwischen provokanter Inszenierung und kriminellem Krawall lavierten und nie glückten, Selbstvergewisserungsszenen, die um Wirklichkeit rangen. Denn der gelebte Augenblick war zuallerletzt eine Sache der Evidenz. Authentizität musste mühsam errungen werden.
Dies ist ein Bericht. Der wandert in die Zeit. Er handelt davon, dass, wenn wir träumen, wir müssten alles noch einmal machen, das kein Traum gewesen war, sondern Arbeit.
Erst spät im Buch erhellt sich das hermetische Diktum: „Ihr habt es gut, sagen die Träume zu den Traumata, und wir haben die Arbeit mit euch.“ Die Träume sind nur die Rückseite der Schocks, sie geben sich furchtbar Mühe mit einem befreienden Möglichkeitssinn.
Üben heisst Erzählen
Das Buch spricht von den Zeiten, da das Reden noch geholfen hat: Hier ist eine Bühne, hier eine gruppendynamische Truppe. Üben heisst Erzählen, und der Aufstand ist die Evokation von Wörtern, von Bildern. Sie endlich versprechen den Freispruch, wann, wenn nicht jetzt.
In ihrem radikalen Stil durchbricht Friederike Kretzen den Mief des deutschen Wirtschaftswunders, dessen Zeitgeistikonen sie heraufbeschwört; mit ihrem kühlen Humor unterläuft sie das Laura-Ashley-weiche Pathos einer Studentengeneration, die nach den Rebellen von 68 verloren war und als aktive RAF-Sympathisanten nicht taugte.
Sie ritten mit dem Wohnzimmer-Ungestüm des Fury-Fernsehpferds und der Sehnsuchtsparole: „Die Serengeti darf nicht sterben.“ An der letzten Schwelle hinein ins Reich der Verantwortung kommen sie noch einmal auf die Bühne und zitieren den alten Neger-, den Indianeraufstand einer vergangenen Wildnis. Vielleicht sind sie auch die letzten Ritter einer modernen Artusrunde, die den Gral einer Kindheit suchen, der nicht verloren ist, weil es ihn, so wie sie ihn gewünscht hätten, nie gegeben hat. Und man teilt rotbackig und vielleicht auch wehmütig ihre Gemeinschaft, wenn sie den Galopp nach dem Glück deshalb immer wieder neu inszenieren müssen oder erzählen – oder eben „üben“, damit es so was noch gibt.
Friederike Kretzen: Übungen zu einem Aufstand. Roman. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 195″S., Fr. 32.70.
Angelika Overath