Von Friederike Kretzen
Hilda Doolittles „Hermione“ gehört als kunstvoll verfremdetes Selbstporträt der jungen Autorin zu den faszinierendsten Texten der literarischen Moderne; die Schriftstellerin Friederike Kretzen sucht eine kongeniale Annäherung an das Werk.
„Camerado, dies ist kein Buch; wer dies berührt, berührt einen Mann.“ Schrieb einst Walt Whitman als Warnung an den Anfang seines Buchs und meinte es durchaus programmatisch. Ersetzen wir Mann durch Frau, und seien wir also vor der Berührung mit Hilda Doolittles „Hermione“ gewarnt. Denn in diesem Buch steckt ein Textkörper, der sich nicht einfach lesen lässt. Einfacher wird es uns vielleicht, wenn wir uns daran erinnern, wie wir als Kinder im Kindergarten oft im Kreis standen und sangen oder im Kreis herumgingen und die sogenannten Kreisspiele machten. Immerhin wussten wir in dieser Zeit des Lebens, dass, wenn wir etwas empfanden, dessen Wirklichkeit wir beschwören wollten, wir dazu im Kreis gehen mussten. Damit wahr würde, was wir wünschten und wussten und was doch so unmöglich schien.
In Hilda Doolittles „Hermione“ geht schon der erste Satz im Kreis herum. Und er tut es nicht allein. Mit ihm zusammen geht Her Gart, die Erzählerin des Buches, die zu sich sagt: „Ich bin Her.“ Und wie sie weiter im Kreis geht, sagt sie sich auch immer wieder im Kreis ihren Namen. Der genaugenommen Hermione Gart lautet. Auch das versucht sie zu sein, Hermione Gart, „aber Her Gart war das nicht“. Und weiter gehen Erzählerin und erzählter Text im Kreis um Her herum, die Abkürzung von Hermione, die nicht zu bezeichnen ist, nur zu umkreisen. „Irgendwo tief in ihr wiederholte sich etwas unablässig, ohne Worte, harmonisierte mit Worten.“
Her ist also da. Aber wie? In Worten? In Bildern? Steht sie geschrieben? Auch darum gehen die Sätze der Erzählerin. Die, auch wenn sie im Kreis geht und alles nach Beschwörung aussieht, feststellt, dass sie keine Prophetin ist. Die also nichts in der Form des Wissens weiss und über keine Weitsicht verfügt. Dennoch beschwört sie, und sie beschwört sich selbst.
So liesse sich auch fürs erste das Verhältnis des vorliegenden Buches zu dem in ihm erscheinenden Textkörper beschreiben. Das Buch in seiner Kreisbewegung bezeichnet eine Umgrenzung, in der ein Textgewebe entsteht, in dem Bilder auftauchen und wieder verschwinden. Bilder allerdings, die sich zwischen Sprache und Sehen formulieren, Bilder, in denen sich das Unsichtbare abdrückt.
Das klingt nun womöglich sehr kompliziert und abstrakt. Leicht ist die Lektüre nicht, das Buch ist nicht ohne einen gewissen Willen zur Komplexität zu lesen. Doch wenn wir uns nochmal ans Kreisgehen in der Kindheit erinnern und uns vorstellen, dass Texte mit diesen eingeübten Bewegungen oder Rhythmen zu verstehen sind, ja damit gar korrespondieren – dann ist „Hermione“ ein einfaches, ein spielerisches Buch. Ein Buch zudem, in dem das, was unsere Moderne zwischen Amerika und Europa in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts bewegte, geschrieben steht. Diese Moderne, der wir heutzutage mit unserem Willen zum idyllischen Lesen weit hinterher hinken.
ANDERE WELTEN
Im übrigen gehen ja nicht nur Kinder und Hunde im Kreis, sondern auch die Sterne. Hilda Doolittle, 1896 in Bethlehem, Pennsylvania, geboren, ist die Tochter des in seiner Zeit berühmten Astronomieprofessors Charles Doolittle, von dem seine Tochter in „The Gift“, einem Text über ihre frühe Kindheit, schreibt: „He came from another world, another country. He looked at the sky as the sons of the sea must always look. His text book on Practical Astronomy was used for many years“.“.“. , he would say, “
Ihre Familie mütterlicherseits gehörte der aus Sachsen kommenden Herrenhuter Glaubensgemeinschaft an, die 1741 Bethlehem gründete. Nach Hilda Doolittles Tod 1961 in Zürich wurde sie auf dem Friedhof Nisky Hill begraben, zu dem sie ihre Grossmutter als Kind oft mitgenommen hatte, um ihr dort, quasi vor Ort, die Geschichte Amerikas anhand der Gräber zu erzählen. Unter anderem lag auf diesem Friedhof der Indianer Chingachgook begraben, den J.“F. Cooper in „The Pioneers“ beschrieben hat.
1922 in London geschrieben, spielt „Hermione“ in den ersten Jahren des Jahrhunderts in Pennsylvania und verflicht die Verwandlung eines Mädchens zur jungen Frau mit ihrer Flucht aus Amerika. „Her Gart hatte das Gefühl, dass sie herumirrend nach einem unleserlich beschrifteten Wegweiser suchte, nach einem Pfad, der aus diesem gefährlich introvertierten Pennsylvania herausführte; sie war ein Pfadfinder, der in einer neuen, unberührten Welt von Gedanken und Sehnsüchten umherirrte.“ Am Ende des Buchs entscheidet sich Hermione, nach Europa zu gehen. Ein Europa, das sie sich wie einen Tanzsaal für Erwachsene vorstellt, wo heitere Stimmung herrscht, im Unterschied zu einem karnevalesken Amerika, in dem es in ihrer Vorstellung sonst nur über Schreibtische gebeugte Jungenschultern gibt.
Die Geschichte Hermiones ist schnell erzählt. Die Lieblingstochter des Astronomieprofessors fällt durch die Prüfungen des renommierten Bryn Mawr College. Mit diesem Versagen ist nicht nur ihr Wunsch, Naturwissenschaften zu studieren, verunmöglicht, sondern auch ihr Bruch mit der Familie unausweichlich geworden. „Sie fühlte nur, dass sie für ihren Vater eine Enttäuschung und für ihre Mutter ein hässliches Entlein war, ein lästig hochgeschossenes, unwirkliches Wesen, das hier keinen Platz hatte.“ Hermione will nicht und kann nicht, was für sie vorgesehen ist. Sie vergleicht sich mit dem Quecksilber in einem Thermometer, das in seiner Säule steigt und steigt. „Was mag es für ein Gefühl sein, wenn es ganz oben angelangt ist, nicht weiter kann und klopft und pulsiert, um Grade auszudrücken, die weit über den Graden liegen, die mit feinen Silberstrichen sorgfältig auf der gläsernen Röhre markiert sind? .“.“. ich kann Grade fühlen, für die es keinen Massstab mehr gibt.“
In diese Krise der Unbestimmtheit gerät der Dichter George Lowndes, dem realen Ezra Pound nachgebildet, der „Hochwassermarke der damaligen Intelligenzija“, der sie mit Shaw, Swinburne, Maeterlinck, Bertrand de Born und dem unbedingten Drang zum Kunstschaffen überhäuft, wozu auch Liebe gehört. Die beiden verloben sich sogar, obwohl ihre Eltern dem jungen Mann mit den Allüren des Dichters ablehnend begegnen. Doch noch heftiger lehnen sie die andere Liebesgeschichte Hermiones mit Fayne Rabb ab. Auch für sie gibt es ein reales Vorbild, Frances Gregg, mit der Hilda Doolittle 1911 auf den Spuren von Ezra Pound nach Europa übersetzt, um von dort nicht mehr zurückzukehren.
George Lowndes, „Puncinello, ein Harlekin mit zusammengeflickten Kleidern und zusammengeflickten Sprachen“, ist zwar nicht der Richtige, weiss Hermione, doch öffnet bzw. vergrössert er ihren Einblick in das Unausdenkbare.
Als sie in seine Augen aufsah, die grau und grün waren, erinnerte sie sich an den strahlenden Glanz der funkelnden Augen eines Spielers, .“.“. sie erinnerte sich an den geneigten Spiegel in ihrem Hinterkopf .“.“. Sie drehte den vorderen Teil ihres Kopfes und blickte in den hinteren Teil, war erstaunt wie ein Kind, alles spiegelverkehrt zu finden. Diese Entdeckung war ihr Spielguthaben. Sie ahnte nicht, dass sie ihr Leben lang mit der starren Unbeweglichkeit der Worte spielen würde, die Worte waren ihre Münzen“.“.“. Worte werden mein Reichtum sein, und mit Worten werde ich beweisen“.“.“., dass die Sterne, die sich drehen und konzentrische Systeme bilden, einfach nur Sterne sind, oder Edelsteine, ein Geschenk, .“.“. ein Wagen oder einfach eine Frau. Ich werde eine Frau in den Himmel setzen.
Zu diesem Unausdenkbaren gehört aber auch, dass Fayne Rabb – die, wie Hermione, „wegen Hexerei verbrannt“ werden müsste, sagt George Lowndes – mit eben diesem George Lowndes ein Verhältnis hat. Hermione bricht zusammen, sie fällt in einen Schneewittchenschlaf, aus dem sie einerseits verwirrt erwacht, andererseits klar vor sich sieht, dass es für sie nur den Ausgang Europa gibt. Und den Ausgang des Schreibens.
FRAUENWISSEN, MÄNNERGEIST
Ein bestimmender Aspekt des Buches und nicht eindeutig entzifferbar ist die Beziehung der Tochter zur Mutter, die im Buch Eugenia heisst. Bis auf eine Szene bleibt sie der Tochter gegenüber unnahbar, wenn nicht gar abweisend. Doch ist sie die Vorsteherin und Verwalterin des Wissensbestandes, der dem naturwissenschaftlichen Geist des Vaters und des geliebten Bruders entgegensteht. „Eugenias Worte hatten mehr Kraft als die Worte aus Lehrbüchern, als die Geometrie, als alle Worte von Carl Gart“.“.“.“ Durch sie kommt eine Art der Wahrnehmung zur Geltung, die die Welt als Zeichen ungeahnter Bedeutung zu lesen vermag. Wobei sich das Verhältnis von Bedeutung und Zeichen stets auch umkehren kann. Beispielsweise reagiert sie auf zu heftiges Lachen ihrer Tochter mit der Bemerkung: „Wenn ich mich so benommen habe wie du (Eugenia hatte sich also auch so benommen), sagte deine Grossmutter immer zu mir: Eine schwarze Rose blüht in deinem Garten.“ Von dieser Grossmutter wird an anderer Stelle im Buch erzählt, dass sie im Garten neben dem Rosenstock starb, den sie aus Europa mitgebracht hatte. Und es bleibt uns überlassen, der Rose die entsprechende Farbe zu geben.
In einer der wenigen harmonischen Szenen zwischen Mutter und Tochter sitzen sie wie in einer präfigurierten Einheit von Erzählen (Erzähltem) und Ernähren (Ernährtem) im Frühstückszimmer. Hermione folgt der Aufforderung ihrer Mutter zu essen, der sie sonst nur mit Widerstand begegnet. Während draussen ein tropischer Regen niedergeht und durchaus an Sintflut denken lässt. Bezeichnenderweise erzählt nun die Mutter der Tochter, wie sie sie am frühen Morgen geboren hat. Allerdings erzählt sie so, als wäre die Geburt Hermiones auch die Geburt ihrer selbst gewesen. Worte hat sie nur für die Hebamme, die ihr eine so gute Mutter gewesen war, dass sie ihr Schrecken und Schmerzen der Geburt hatte nehmen können.
Diese Dichte, diese erzählerische Fusion mit der Mutter bewirkt bei der Tochter das Gefühl, nicht mehr sehen zu können, nicht mehr scharf erfassen zu können. Doch nimmt sie zugleich hinter dem scharfen Augensinn einen umfassenderen stumpfen Sinn wahr. Hat sie vorher mit den Augen wahrgenommen, so nimmt sie nun mit den Augenhöhlen wahr, in denen sich das Gesehene nicht abzeichnet, sondern abdrückt. Und diesen Abdrücken nachzugehen, ahnt die Tochter, bedeutet, das Wissen der Mutter zu verwirklichen. Mandy, das schwarze Dienstmädchen, gehört auch zu diesem Wissensbereich: „Mandy bestand aus lauter Grundsätzen. Diesem, jenem, noch einem. An manchen Tagen war Fisch ungeniessbar. An bestimmten Tagen lohnte es sich nicht, Obst zu pflücken“.“.“. Das Erscheinen der Plejaden, Geschichten von Vergil oder Hesiod beeinflussten Mandy“.“.“. veranlassten Mandy dazu, Bohnen nur donnerstags zu kochen.“
Als eine Verbindung beider Familienprägungen – der naturwissenschaftlichen des Vaters und der magisch-gläubigen der Mutter – probiert Hermione ihre immer wieder wie kleine Strudel auftauchenden Grund- und Wahrnehmungssätze aus: „Namen sind ein Teil von Menschen. Menschen sind ein Teil von Namen.“ Oder andersherum: „Menschen sind ein Teil von Namen. Namen sind ein Teil von Menschen.“ Folglich ist Hermione die Tochter des Menelaos und der Helena. Sie ist auch die Königin in Shakespeares „Wintermärchen“. Sie selbst nennt sich Dryade, Baumgöttin (Eurydike war auch eine). Für sie steht das Wort Baum. Bäume, sagten die Griechen, sind Buchstaben, Hermione ist eine Tochter von Bäumen. Sie steht also neben anderen Buchstaben im Wald. Sie nennt sich Her. Sie ist „ihr“, steht geschrieben. Sie ist „ihr“ eigener Baum und ihr eigenes „Ihr“. Daher kann, wer Bäume nicht liebt, auch sie nicht lieben. Wie George Lowndes. Er kann sie nicht lieben, weil er keinen Baum lieben kann, stellt sie immer wieder fest. Aber lesen kann er sie und ihren „tree-born spirit“. Er sagt von ihr, dass sie entweder wie eine griechische Göttin aussieht oder wie eine Kohlenkiste.
„Hermione“ nun als ein autobiographisches Buch zu bezeichnen führt uns nicht weiter. Denn je mehr man sich mit Werk und Leben Hilda Doolittles vertraut macht, um so unabgrenzbarer und nichtssagender werden Begriffe wie Fiktion und Realität. So hiess Hilda Doolittles Mutter tatsächlich Helena, wie Ezra Pounds Vater tatsächlich Homer hiess. Woraus sich vielleicht in der Tat schliessen lässt, dass amerikanische Geschichte, seit sie sich als solche zu konsolidieren sucht, stets auch den Versuch unternahm, sich über Namen zu dem zu machen, wofür die Namen standen. Im wirklichen Leben machte sich Hilda Doolittle wie der Held ihres ersten Gedichts, „Hermes of the Ways“, auf den Weg. Es ist dies das Gedicht, mit dem sie durch Ezra Pound als Begründerin des Imagismus inthronisiert wurde, einer literarischen Bewegung, die sich gegen den französischen Symbolismus abzugrenzen versuchte und nur wenige Jahre hielt. Das geschah 1912 in London. Die Legende will es, dass Hilda Doolittle und Ezra Pound sich im Café des Britischen Museums trafen. Sie legte ihm – wie es ihnen zur Gewohnheit geworden war – ihr Notizheft mit dem Gedicht „Hermes of the Ways“ vor. Pound brachte ein paar Änderungen an, um sodann das Gedicht mit „H.“D. Imagiste“ zu unterschreiben.
SCHREIBEN ALS LEBEN
Hilda Doolittles Diktum vom Schreiben oder Sterben gewinnt seine Gültigkeit eben in der Unabgrenzbarkeit von Realität und Fiktion, die auch die von Leben als Schreiben und Schreiben als Leben bedeutet. Noch in ihrem letzten, 1960 abgeschlossenen Lyrikband „Hermetic Definition“ (wieder das H.“D. ihres Künstlerinnennamens) heisst es in dem Gedicht „Star of Day“: „that I must keep faith / with something, I called it writing, / write, write or die.“ Und in „End of Torment“, einer nochmaligen Erinnerung an die erste Begegnung mit Ezra Pound, nun fünfzig Jahre später, fügt sie dem Schreiben oder Sterben das „Paradies des Laisser-aller“ hinzu, „der Orangenhaine von Capri, der Arkaden und Bögen von Padua und Verona. Lass das Grandiose fahren, sagt es, lass den Ehrgeiz fahren; kritzle, schreibe, das ist dein Erbe, kein wilder Drang.“
Im Nachkriegs-London hatte Hilda Doolittle, Anfang der zwanziger Jahre, den Plan, die Geschichte ihres Lebens in vier Büchern zu schreiben. Eines davon ist „Hermione“. Ein anderes „Bid me to live“. „Asphodel“ und „Paint it Today“, die beiden anderen Bücher, sind im amerikanischen Buchhandel nicht zu beziehen, und auch „Bid me to live“ ist schwer erhältlich. Wenn es erlaubt ist, so sei hier dem Wagenbach-Verlag, der beispielsweise so viel für Djuna Barnes getan hat, der Wunsch gesandt, auch noch „Bid me to live“ dem deutschen Lesepublikum zugänglich zu machen.
Hilda Doolittle: Hermione. Aus dem Amerikanischen von Anja Lazarowicz. Vorwort von Kyra Stromberg. Wagenbach- Verlag, Berlin 1998. 288 S., Fr. 21.-.