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Lass ihr Zeit, das hat sich Erica Pedretti vor vielen Jahren in ihre Engste Heimat voraus geschrieben.
Lass ihr Zeit, sagen die Tanten, Mütter, Erzieherinnen über das Kind Anna, meinen aber sich selbst. Und so geht der Satz vom Sich-Zeitlassen durch die Zeiten und Generationen immer weiter bis hierher. Denn sie haben sich daran gehalten, die guten Geister einer vergangenen Welt, die noch immer dafür sorgen, dass die, die heute ihren neunzigsten Geburtstag feiert, Zeit hat für uns, die wir hier sind um ihr zu gratulieren. Zeit aber auch, um weiterhin von dieser untergegangenen Welt zu zeugen, sie anwesend sein zu lassen, lesbar, anschaubar, in grosser Ferne ganz nah.
Als Erica Pedretti siebzig wurde, habe ich in einer kleinen Rede im Centre Pasqua von einem Erlebnis berichtet, das ich mit Erica und Gian in Venedig hatte. Wir waren in einem dieser
Andenkenläden, aus denen Venedig heutzutage nur noch besteht. Die beiden wollten für Ihre Enkel etwas mitbringen und führten aus Gründen der Diskretion ihr abwägendes Kaufgespräch in einer gänzlich wilden, verwunderlichen Sprache. Das kann nur die Sprache der Hirsche sein, dachte ich. Und sofort sah ich die beiden in der Landschaft der Berge, des Schnees, der Tiere und mit den Hirschen zwischen Wasserstellen unterwegs in der Höhe.
Zum achtzigsten Geburtstag habe ich von ein paar Lieblingssätzen aus Ericas Büchern geschrieben. Der eine, dass es in Plouda schneit, der andere, dass Mister Brown mit mir in die Stadt geht. Mister Brown aus der Engsten Heimat geht nach Plouda, das irgendwo in ‚Harmloses, bitte’, Deinem ersten Buch, liegen muss, wo es womöglich bis heute einfach weiter geschneit hat. Er wie Plouda und der Schnee, der da unablässig fällt als wäre er die Zeit, bewegen sich auf diese unnachahmliche Art wie die Wörter – oder soll ich sagen wie die Hirsche, – der Hirschsprache. Die wird auch in Plouda gesprochen, jenem Plouda oder Blauda, dessen Existenz so ungewiss ist wie sein Name. Nur der Schnee und dass es schneit ist so gewiss wie die Bewegung der Wörter in Ericas Büchern: allesamt vagabundieren sie. Sie kommen, genauso wie Du, liebe Erica, aus dem Draufgängertum, dem Geist des Ausschweifens und des Segelns. All das, was mich an Dir vom ersten Satz an, den ich Dich habe lesen hören, sofort eingenommen hat. Dafür möchte ich Dir danken. Kühnheit und Schönheit, wie sie Deine Kunst direkt überträgt, sie kommen von da, aus dem freien, aufrührerischen Geist der Nomaden, Vagabunden, Tramps, – all jener, die in
Unsesshaftigkeit sesshaft sind.
Nun zu Deinem neunzigsten Geburtstag möchte ich etwas von dem Glück berichten, mit Dir – und oft ist Gian dabei, die beiden sind ein Team, -irgendwo auf der Welt zu stehen und im gemeinsamen Sprechen, Schauen, Zeigen, im Aufmerksam machen und ganz langsam weitergehen, scheint alles, was da ist, zu leben anzufangen. Ja, als würde es mit einem Mal die Augen aufschlagen, uns anschauen und sagen, wie gut, dass wir endlich mal wieder vorbeikämen. Wie ein Zauberkasten wirkt dann der Himmel, der See, der Campingplatz, ein Garten in Berlin, die Wunderkammer in Innsbruck, die Gänge durch Venedig, immer wieder auf schwankendem Boden und wir wie Seefahrer an Land. Das Altersheim für Kapitäne in Londons Eastend mit den Schiffen aus Stein an beiden Portalen. Dort haben sie sich überlegt, in London zu bleiben. Ein Jahr lang ging ich täglich daran vorbei, und stelle mir die beiden in einem anderen Leben dort an Land gekommen vor, auf der Insel der Seefahrer, in einem Haus der Kapitäne.
Denn zur See fährst Du auch, liebe Erica. Nimmst Hirsche, Berge, Schnee und allerengste Heimat mit dir, verstehst dich aufs Herumtreiben in Campingwagen, Hütten, bringst kleine Gärten mit links zum Wuchern und Blühen. Nie werde ich eine Bootsfahrt zwischen Bieler und Neuenburger See vergessen, in der schönen Gesellschaft von Ruth und Heinz Schafroth, Samuel Moser und in La Neuveville kamen noch Erica und Gian an Bord. Es muss in den späten neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein, ein Sonntag, es gab Kaffee und Kuchen, als Erica anfing uns von einem jungen Mann zu erzählen, der bei ihr vor der Türe gestanden hatte. Er war gerade aus dem Gefängnis oder aus der nahegelegenen Psychiatrie geflohen oder entlassen, das war nicht so klar. Er brauchte jedenfalls etwas zu essen, vielleicht auch ein paar Kleider, ein bisschen Schlafen und zur Ruhe kommen, das wollte er auch. All das wurde ihm gewährt, sie
hiessen ihn willkommen. Er hat ihnen dafür aus seinem Leben erzählt, er war schon ganz schön rumgekommen und sein neuer Plan war, nach Istanbul zu reisen, er müsse nach Istanbul, da wäre sein Bruder oder ein Freund, sein Onkel, eine Freundin, er habe Beziehungen da hin. Und überhaupt, habe er gesagt, sie sollten doch mitkommen, mal ein bisschen raus, was unternehmen, die Kinder, klar, auch die. Sie könnten zusammen in ihrem Auto losfahren, bisschen was zu essen mitnehmen, Schlafsack, eine Angel, vielleicht ein paar Zitronen. Also ja, klar, das ist ein guter Plan, wollten auch immer schon mal nach Istanbul und die Kinder mitnehmen, auch ein Zelt vielleicht und Pilze sammeln unterwegs, Beeren, sie hätten auch Freunde auf der Strecke, bei denen sie vorbeifahren könnten. Ihnen guten Tag sagen, vielleicht hier alles abschliessen, ein bisschen länger unterwegs bleiben, kann nie schaden, die Welt ist so schön und gross, ein Jahr oder zwei, einen kleinen Laden aufmachen in Istanbul, gleich am Wasser, wieder ein bisschen Schmuck machen, Teller, das Material viel schöner da, das Licht, die Farben. Geht in Ordnung, wann fahren wir? Gut, sagte der junge Mann, er würde seinem Bruder schreiben und dann würden sie losfahren, vielleicht noch ein, zwei Tage warten, und dann los. Erzählte Erica ohne jede Aufregung, so, wie es sich wohl abgespielt hatte und wir auf dem Schiff, mitten in diesem schnurgeraden Kanal zwischen den Seen, uns war als kämen wir gleich am Bosporus an, wären dabei, die Grenze von Okzident und Orient zu queren, ach was, es gab die Grenze gar nicht mehr. Wir lauschten Ercia und ihren Plänen nach Istanbul zu reisen mit dem jungen Mann, der eines Morgens verschwunden war, er hat auch irgendwas mitgenommen von ihnen, was ihm nicht gehörte. Aber was war das gegen Istanbul, wohin Du noch immer ein bisschen unterwegs zu sein schienst, nie wirklich zurück gekommen, hattest in Deinen Plänen einfach weitergemacht, vielleicht einen kleinen orientalischen Garten schon mal ausgelegt. Und während ich jetzt hier spreche, werde auch ich das Gefühl nicht los, da in diesem Boot an einem schönen Sonntag zwischen Neuenburger- und Bieler See mit Dir und Deinen Sätzen unterwegs zu sein. Noch immer Richtung Istanbul, dem Orient entgegen, dem Aufschub der Zeit.
Friederike Kretzen Februar 2020
]]>Die Eiscafés hiessen Monti und Adria. An zierlichen geschwungenen Tischen sassen dort die schönsten und klügsten jungen Männer, die es in der Stadt gab. Sie tranken aus italienischen Espressotassen unaufhörlich Kaffee und rauchten wie die Irren. Mit ihnen war es fast wie in Paris und nichts schien uns wünschenswerter, wenn wir uns als kleine Delegation junger Frauen mittags nach der Schule in Bewegung setzten, und das Adria oder Monti mit seiner leichten Fracht aufsuchten.
Es waren die frühen siebziger Jahre, wir waren furchtlos, und wenn wir schon nicht auf dem Kopf gehen konnten, wollten wir zumindest alles auf den Kopf stellen. Der Mai 68 war vorbei. Er war verraucht. Das machte uns erfahrener, wir ahnten etwas vom eigenen Scheitern. Umso intensiver brannten in unserem Himmel die „Laternen des Unmöglichen“, wie das der französische Dichter Maurice Blanchot nennt. Höher als Sterne trugen wir sie mit uns. In ihrem Glanz konnten wir erkennen, dass es etwas anderes gab als die Schule, die schmutzige kleine Industriestadt am Rhein, die Eltern, denen, nach allem, was sie erlebt hatten, nicht über den Weg zu trauen war, die ganze grässliche deutsche Geschichte.
Franz war einer von diesen hellen Köpfen. Ich konnte ihn schon von weitem durch das grosse Fenster des Adria erkennen, mit den Händen in der Luft gestikulierend, rauchend. Oft stand er auf, um seinen Worten Nachdruck zu geben wie ein Redner. Wenn er mal nichts sagte, biss er auf den Strähnen seiner roten Locken herum. Die Freunde nannte ihn Abriss der Psychoanalyse Band eins bis fünf. Dabei war er erklärter Trotzkist.
Das erste Mal sprach ich mit ihm auf einer holländischen Insel. Ich war dort mit einer Freundin zelten, unsere erste Reise ohne Eltern. Er betreute eine Jugendgruppe. Die Insel war klein und wir trafen uns bei einem Ausflug, den er mit seiner Gruppe in den nächst grösseren Ort machte. Wir begrüssten uns, sprachen von den Holländern, wie anders sie waren, Seefahrer, Schlittschuhfahrer, sprachen von den Teppichen, die auf den Tischen der Cafés lagen. Beim Abschied sagten wir, ahoi und auf ein andermal.
Zurück in der kleinen schmutzigen Industriestadt, die Schule hatte schon längst wieder angefangen, sass ich dann eines Nachmittags im Adria. Das war um diese Zeit am Tag fast leer. Die Jukebox, die neben der Theke unter der Garderobe stand, spielte Janis Joplin „Ball and Chain“. Ich wusste nicht, wer das Lied gedrückt hatte. Vielleicht war es Herr Andreotti, dem das Adria gehörte. Meistens sass er auf einem Hocker hinter der Theke und lächelte wie eine Sphinx. Das Lied beunruhigte mich, ich hatte das Gefühl, es nicht auszuhalten, versuchte aber, mich zu konzentrieren, denn ich sass über einem Gedicht von Ingeborg Bachmann, zu dem ich für den nächsten Tag eine Interpretation zu schreiben hatte. Es war ein Gedicht von der Liebe, wie ich dachte. Von Grenzen und wie es ist, an etwas zu grenzen. Beispielsweise an Wörter zu grenzen wie an ein Meer. Es handelte auch von Böhmen, das am Meer liegt, zugrunde gegangen und unverloren. Während ich am grossen Fenster zur Strasse sass, durch das die Sonne in flachen Strahlen schien und den Raum mit einem Licht aus vielen Blautönen mit einzelnen rötlichen Punkten erfüllte, wurde ich von diesem Lied durcheinander gewirbelt. Ich stellte mir vor, am Ufer der Wörter zu liegen, die sich vor mir im Gedicht ausbreiteten und sehr schnell atmeten, wie Janis Joplin, die gar nicht mehr aufhören konnte zu singen oder zu atmen, das war bei ihr eins. An welches Meer grenzte sie? War sie da? Alter Ozean? „Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe/ unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,/und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen/Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,/wie ich mich irrte und Proben nicht bestand, doch hab ich sie bestanden, ein ums andere Mal.“ Da sah ich Franz, wie er hinter der gegenüberliegenden Häuserecke auftauchte, die Strasse überquerte und schon betrat er das Adria. Er setzte sich zu mir an den Tisch, wollte wissen, was ich las, und in dem Moment hörte Janis Joplin auf zu singen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, zu versinken. Schneller als der letzte Ton des Lieds, doch dann sagte ich: Ein Gedicht über die Liebe.
Franz überflog es mit seinen grossen Augen. Er lachte.
Es geht nicht über die Liebe, sagte er.
Was denn, sagte ich.
Böhmische Dörfer, sagte er.
Das sagt meine Mutter immer, wenn sie nicht versteht, wovon ich rede, sagte ich.
Wie du, wie das Gedicht, das ja vielleicht auch nicht versteht, sagte er. Schreib das. Vom Nichtverstehen und Zugrundegehen, davon, zum Meer zu werden.
Du meinst auch von mère, auch von meiner, sagte ich?
Davon, wo alles herkommt und hingeht und von wo es wiederkommt, sagte er.
Das Meer, sagte ich, das alles mitnimmt und zugrunde richtet? Er schaute mich an. Flüsterte dann: Sie ist wiedergefunden. Was? Die Ewigkeit. Es ist das Meer, kommt und geht mit der Sonne. Arthur Rimbaud.
Gut, sagte ich, und die Grenzen?
Wittgenstein, sagte er, den Kopf nun leicht gesenkt. Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Er rührte in seiner Kaffeetasse.
Die ist leer, sagte ich.
Stimmt.
Wir schauten am Fenster hinaus, wir sprachen nicht mehr.
Auch das ist Wittgenstein, sagte er nach einer Weile, berührte mich leicht am Arm.
Hough, sagte ich, der Mann hat gesprochen. Wir mussten lachen. Dann war er wieder weg.
Bald darauf schrieb ich ihm einen Brief, wie wir uns in dieser Zeit alle Briefe schrieben. Jeden Tag und viele. Die Wenigsten von uns hatten ein Telefon. Wenn wir uns verabreden wollten, schickten wir schnell eine Postkarte. Wir waren das Abschicken und Warten und Antworten und wieder Losschicken von Briefen gewohnt. Wir lebten in einem korrespondierenden Netz von Sendungen, Erwartungen, Anrufen, alles auf Papier gebannt und losgeschickt durch eine ungewisse Zone, von der wir uns alle möglichen Wendungen erhofften. Anders kann ich mir die Aufregung und Lust nicht erklären, die mit dem Briefeschreiben verbunden war. Kaum war die Anrede geschrieben, schon hatte ich das Gefühl, eine andere geworden zu sein. Und die schrieb nun: Lieber Franz, das waren schöne Sätze, die du mir gesagt hast. Ich kannte sie nicht und habe sie mitgenommen auf meine Reise nach Böhmen. Ich suche das Meer. Wenn ich es gefunden habe, schreibe ich dir wieder.
Zwei Tage später bekam ich eine Ansichtskarte von ihm. Vorne drauf war ein Holländer in seiner Tracht mit Holzschuhen und einem geringeltem Hemd zu sehen. Seine Schrift rannte über die Karte bis an die Ränder, wo sie sich staute. Klein, gedrungen, schoben sich die Bögen der Buchstaben ineinander und ich konnte sie so gut wie nicht entziffern. Er hatte eine Sauklaue. Mühsam las ich: Meine Liebe, der Herr mit den Holzschuhen ist ein Holländer, vielleicht sogar ein fliegender, er heisst Franz und grüsst aus grosser Ferne. Schreiben kann er nicht und setzt darum bloss sein Zeichen X X X.
Gleich setzte ich mich hin und schrieb: Bitte schreib schöner. Noch bin ich nicht am Meer. Woraufhin er mir einen Brief schickte. Den konnte ich noch viel weniger lesen als die Karte. Die wenigen Wörter, die ich schliesslich lesen konnte, waren seine drei X X X und: Deine Schrift sieht aus wie das Meer, bist du schon auf die andere Seite übergesetzt? Bitte schreib deutlicher. Ich kann dich fast nicht lesen. Denn auch ich war bekannt für meine schwer zu lesende Schrift. Irgendwann zwischen zwölf und dreizehn war sie zu mir gekommen und hatte mich seither nicht mehr verlassen. Es war eine wütende, sich tarnende Schrift. Vor allem die Lehrer litten. Wahrscheinlich war es meine Rache an ihnen. Und nun schickten Franz und ich einander Briefe, in denen wir uns baten, leserlicher zu schreiben. Was nicht half. Alle Versuche, mir wieder eine andere Schrift anzugewöhnen, verliefen nach den ersten schön geschriebenen Zeilen nach unten. Dann stürzten die Wörter über ihre eigenen Beine in die Leere des Blatts, wo sie nicht untergingen, nur ausfransten, und sich schliesslich wie Wellen legten. Von weitem sah das schön aus, war nur unlesbar. Schon als Kind hatte ich Briefe in einfacher Wellenschrift geschrieben. An meine Grossmutter, an den Krieg, an den toten Hasen, den meine Grossmutter nach einem Bombenangriff, als sie auf freiem Feld unterwegs war und nachdem sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, in ihren Armen gefunden hatte. Mit diesen Briefen wollte ich ihr sagen, dass sie lebte und kein Hase war. Auch dem Hasen schrieb ich. Auch er sollte wissen, dass er tot war und nicht etwa anstelle meiner Grossmutter weiterlebte. Damals gab es noch Gespenster. Ihre Anwesenheit, auch wenn es sie nicht gab, war mir vorstellbar. Sie lebten zwischen den Wellen der Schrift, mit der ich der Grossmutter und dem toten Hasen schrieb. Das änderte sich erst, als ich das richtige Schreiben lernte. Das mit den Buchstaben. Plötzlich waren sie weg. Oder ich hatte sie nicht mehr so leicht bei der Hand. Dazu kam nun die Liebe, die noch keine war, aber dabei, uns zuzuwachsen. Franz und ich schrieben uns weiter Briefe. Wir waren hilflos. Wir schrieben drauf los und dachten, unsere Hände seien unsere Hände. Was war es, was sich uns zu lesen gab in unseren unentzifferbaren Briefen, wohin schrieben wir einander unsere Unlesbarkeit?
Nun war es schon bald Winter geworden. Schnee war noch keiner gefallen. Wir trafen uns wieder im Adria. So geht es nicht weiter, sagten wir. Wir schwiegen. Schauten auf die Strasse hinaus, wo die Menschen in Wintermänteln mit Pelzbesatz herumliefen. Die Kinder trugen Mützen und Stiefelchen. Gut, sagte Franz, wir lesen sie uns vor. Jeder die eigenen Briefe. Er sah blass aus. Gut, sagte da auch ich, jeder dem anderen die eigenen Briefe.
Es gab in der Stadt ein Lokal mit Jazzmusik, Live-Konzerten und dem Namen Topos. Ein enger dunkler Raum, in dem sich eine Art psychedelische Marslandschaft aus roten Bänken und Tischen, die wie Pilze geformt waren, ausbreitete. An den Wänden hingen Monitore, auf denen Andy Warhols langsame Filme flimmerten. In der Mitte des Lokals, hinter einer Säule, stand ein niedriger Gasofen. Auf dem hockten wir, Schulter an Schulter eng nebeneinander, jeder die Briefe des anderen in der Hand. Unsicher, schüchtern zögerten wir den Moment hinaus, sie dem anderen zurückzugeben. Wie wenn wir fürchteten, sie so für immer zu verlieren. Wir wollten sie aber haben, unbedingt, je unlesbarer sie waren, umso mehr. Dafür aber brauchten wir den anderen, dass er sie uns vorlas. Seine eigenen. Die doch davon lebten, dass sie vom anderen gelesen wurden, weit weg von dem, der sie geschrieben hatte.
Wir sagten, wir machen die Augen zu, und geben sie uns über Kreuz. Unsere Hände fühlten sich für einen Moment ununterscheidbar. Dann öffneten wir wieder die Augen. Das Licht war düster hinter der Säule, wo wir sassen, der Gasofen unter uns angenehm warm. Franz fing an. Er las seinen ersten Brief an mich. Ich neigte den Kopf ihm zu, mein Ohr nah an seinen Lippen und wusste bald nicht mehr, ob es mich gab.
Wem waren seine Zeilen über das Wetter, das Meer und ein Buch über das Nichts, das er gelesen hatte, zugeeignet. Sollte ich das gewesen sein? Wann, in welchem Leben? Jetzt du, sagte er und ich las meinen Brief an ihn vom Wetter, von der Schule, vom Licht und wie es draussen dunkel wird. Dicht an seinem Ohr, den Haaren. Die Musik war laut. Wir hockten da wie Schauspieler eines Stücks, das wir verfasst hatten, aber etwas war geschehen und nun konnten wir es nicht mehr erkennen. Waren wir die, denen unsere Briefe galten? An wen hatten wir sie geschrieben? Konnte das er, konnte ich das gewesen sein? Die hier beieinander sassen? Manchmal schauten wir, wenn wir im Lesen innehielten, auf die Bilder, die über die Monitore flackerten, unscharf, wackelig, mit viel Zeit aufgenommene Einstellungen des Empire State Building. Dann hörten wir uns, wieder weiter vorlesend, zu uns sprechen als den anderen der Briefe und doch denen, die hier sassen an einem unsagbaren Ort, plötzlich selbst wie Briefe geworden; geschrieben, abgeschickt, und nicht angekommen. Wo waren wir?
Auf unheimliche Weise waren wir zusammen dorthin geraten, wo der andere nicht ist, wo er abwesend ist, und wo das Schreiben, auch das der Briefe beginnt. Wie wenn wir, anstelle zur Liebe zu kommen, zum Schreiben, seiner Einsamkeit und Ausschliesslichkeit gekommen wären. Da wir das aber an diesem Ort gemeinsam taten, unsere Unlesbarkeiten voreinander ausbreiteten, geschah nun das, was Böhmen ans Meer grenzen lässt: Dort, wo der andere nicht ist, wo er durch nichts ersetzbar ist, durch keine Anrufung, keine Briefsendung, wird er zugleich auch allererst möglich.
Wir waren zugrunde gegangen in unseren Briefen und tauchten hier auf dem Gasofen sitzend wieder auf. Unverloren und von Grund auf. Und während wir uns noch an unseren Zeilen festhielten, ihnen entlang uns bewegten und lasen, regten sich unsere Schwingen, die Federn, wie sie über das Blatt geglitten waren als wir schrieben, ich denk an dich, ich hab dir nichts zu sagen als dieses „nichts“.
Bald war ein Rauschen zwischen den Zeilen wie ein sanfter Wind, mischte sich zwischen unsere Stimmen. Wir schauten uns nicht an, lauschten nur, lauschten nicht, lasen nur, fanden uns tief versunken am Faden der Schrift, aufgehoben vom Zug der Federn, die Schwingen erhoben sich zum Flug.
Erschienen in: „Landolt-Arbenz“ – Schreiben 14/15
]]>Auf ihrer vierten Reise, deren erste Etappe sie auf dem Frachter Concordia Tatj zurücklegten, gab es immer wieder lange Wartezeiten. Ihre Gesellschaft auf dem Frachter bestand aus dem Kapitän des Schiffs, einem stummem, gehemmten Norweger, seinem ersten Offizier, nicht viel gesprächiger, einer traurigen jungen Frau, die gegen ihren Willen unterwegs in den Missionsdienst war, und einem Italiener, Signor Garbani, der schon lange in Eritrea lebte. Parin und Morgenthaler, um der bedrückten Stille beim Essen zu entgehen, fingen bald an, dieser kleinen Schiffsgesesllschaft von ihren Reisen in Afrika zu erzählen. Wenn der eine von ihnen eine Geschichte erzählt hatte, fing der andere gleich die nächste an. So dass sie noch lange nach dem Essen zusammensassen, rauchten, Kaffee tranken und Afrika erschufen. Von dem der Kapitän und sein erster Offizier so gut wie nichts gesehen hatten. Parin erwähnt in dieser Erzählung auch, dass es stets er und Morgenthaler waren, die erzählten, ihre Frauen hätten ihnen nur jeweils Stichworte zugeworfen, kleine Anmerkungen hinzugefügt und schon wäre es weiter gegangen mit dem Erzählen und Erfinden. Ganz so wie auf der Condordia Tatj geschah es dann auch bei der Lesung. Parin fragte seine Frau, die im Publikum sass, nach einem Detail, dessen er sich nicht mehr sicher war, ich glaube, es ging um die Reise nach Tabou, und sie sagte nein, es war anders, und er sagte ja, erzählte dann weiter, bis sie nochmal ein Stichwort einwarf, durch den Raum und er fragte sie, ob es Tag war oder Nacht als sie ankamen und schon hatte sich etwas anderes in die Erinnerung geschlichen und wollte auch noch erzählt werden. Was Parin sofort in Angriff nahm, so dass wir uns so langsam aber sicher auf einem schwankenden Kahn aus Erzähltem und Erinnertem
aufmachten Richtung Afrika. Mühelos bewegten wir uns in fremden Ländern als wären wir in ihnen zuhause und die Zeit dehnte sich und das Erzählen wurde ganz unmittelbar zur geretteten Zeit. Um uns der ferne Kontinent, über dem, wie es in Parins Buch heisst, ein Verhängnis liegt. Das die Reisenden dazu gebracht hat, nicht mehr nach Afrika zu reisen. Zu furchtbar, zu traurig wurde ihnen die Begegnung mit dem Kontinent, den sie so gerne bereist und erforscht hatten. „Die liebenswürdigen schwarzen Männer, Frauen und Kinder sind Opfer einer Katastrophe, mit der Europa, die Missionare, Soldaten, Händler und Maschinen den ganzen Kontinent überzogen haben. Und wir selber sind ein Teil und späte Boten des Grauens, von dem niemand spricht.“ Heute sind diese Worte vielleicht noch erschütternder, weil wir sie in dieser Schlichtheit und Empathie nicht mehr zu sagen in der Lage sind. Zu viele teuflische Geschichten haben sich seitdem zwischen die Wahrnehmung dieses kolonialen Verhängnisses und uns gedrängt, was uns kälter und unempfindlicher gemacht hat. Für uns und jenen gegenüber, deren Kontinent wir zerstört haben über viele Jahrhunderte.
Als ob das von Parin immer miterzählte Unheimliche, das in Afrika die Lebensbedingungen der Menschen bedrängt, zerstört, wie wenn diese Offenheit des Schilderns und Wahrnehmens eine Einladung für die Äusserung des Schreckens in uns gewesen wäre, fing plötzlich einer der Zuhörer an, kleine Schreie auszustossen, spitz und hoch. Seine Hand fuhr zum Himmel, er hatte sie geballt und er stiess zwischen den Schreien Flüche aus, böse, wütende. Sofort hatten wir Angst. Da drehte einer durch, schnappte über, hier mitten unter uns, war das nicht ansteckend? Betretenes Schweigen, was würde mit ihm geschehen? Und was mit uns? In diesem Raum flirrender Geschichten von einem Kontinent, in dem zu viele Teufel ihr Unwesen trieben? Doch Parin war ein erfahrener Reisender, offen für das, was als nächstes geschah, das hatten wir schon in seinen Texten erfahren. Auch jetzt wandte er sich heiter und freundlich an den nicht mehr jungen Mann mit seinen Flüchen und forderte ihn auf, zu erzählen. Ob er denn auch schon mal in Afrika gewesen sei und wie er denn heisse? Dann bat er ihn, sich zu ihm zu setzen, so dass sie miteinander sprechen könnten. Der so Angesprochene wurde gleich ruhig. Er stand auf, ging nach vorne. Sie gaben sich die Hand. Parin fragte ihn nach seinem Namen. Ich glaube, er hiess Karl und er wurde ein Lamm.
Dann sassen die beiden nebeneinander und Parin erzählte noch ein bisschen weiter, bis sie endlich in Tabou angekommen waren. Das war im Jahr 1956/1957 und es ging schon gegen Mitternacht. Keiner der Mitreisenden war unterwegs verloren gegangen.
PS: Parin las aus: Zu viele Teufel im Land, Aufzeichnungen eines Afrikareisenden, Frankfurt a.M. 1985
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Friederike Kretzen
Handbuch der Ratlosigkeit, L’arc Limmat, Zürich, 2014
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]]>Das sagt Henry James. Ich möchte darum und unter dem Segel einer nicht zu besänftigenden starken Erfahrung an dieser Stelle, wo wir uns etwas Endlosem zuwenden und am Ende stehen von etwas, das nicht das Ende ist und nicht zu Ende, von einem Projekt berichten, das unter diesem Dach stattgefunden hat, und das mir seither in seiner Gewagtheit und Tollkühnheit immer unwirklicher vorkommt. So dass ich mehr und mehr geneigt bin zu denken, ich hätte mir das alles nur ausgedacht und erträumt. Doch es hat dieses Projekt der WEISSEN SEITEN gegeben. Unser einziger Irrtum war, anzunehmen, so ein Projekt machen zu können. Dabei war es umgekehrt, es hat etwas mit uns gemacht. Was, das werden wir vielleicht eines Tages wissen, wenn wir schon lange nicht mehr da sind.
Das Projekt, von dem ich im folgenden berichten möchte, ist in gewisser Weise aus einem anderen Projekt, das ich in diesem Haus zusammengerufen habe, entstanden, das existierte, das weiter ging, einmal im Jahr trafen wir uns, viele Jahre lang. Wir nannten es LABORATORIUM und es war ein Treffen von Schreibenden, ihren Texten, ihren Weisen, da zu sein im Schreiben und zu siedeln an der Biegung der Sprache. Das LABORATORIUM hat mich darin bestärkt, dass es darum gehen kann, sich mit all seinen Gewissheiten immer wieder und so sachlich wie möglich in den Abgrund der Sprachlosigkeit und der Verwirrung zu stürzen. Und dafür eine so genaue Sprache wie möglich zu finden. Wie sonst soll es zu starken Erfahrungen kommen?
So erzählte ich Veronika Sellier, dass ich gerne einmal ein Projekt machen würde, das sich der Leere, dem Nichts widmet. All dem, was hinter, unter, vor allem zwischen dem viel zu vielen Gleichen liegt, in dieser unklaren Gegend einer anderen Beschaffenheit der Dinge, der Worte, der Nuancen, von der wir ständig abgelenkt werden, zu der wir auch nicht einfach kommen können, die wir uns immer wieder erfinden, uns freilegen müssen, so laut und schnell ist es um uns herum und wird ständig noch voller, ohne dass es irgendwo weniger werden würde. Es sei denn in einer solchen Expedition ins Nichts, zum Wenigerwerden, zum gänzlich Sinnlosen. Also eine Reise dahin, wo die Seiten wieder weiss werden können, wo sie Löcher haben können und Ungewissheit genug, um zu denken, zu sehen, und um vielleicht abermals aufzubrechen zur Reise um die Welt.
Veronika war sofort Feuer und Flamme. Was uns sozusagen zur Tollkühnheit verdammte. Denn auch Mut, vor allem in seiner übermütigen Form, ist ansteckend. Alle, die ich daraufhin anrief und fragte, ob sie Lust hätten, mitzumachen, auch sie waren sofort dabei.
Ich vermute, dass die starke Erfahrung, um die es mir hier geht, in gewisser Weise schon vor uns da war.
Als wir uns dann eines Tages im Dezember 2009 zu unserer ersten Zusammenkunft Richtung Romainmotier aufmachten, waren wir bereit, über alles zu sprechen, auf jedes unserer Worte zu hören und darauf, ob sich in ihnen eine Tür öffnete auf eine andere Möglichkeit, da zu sein. Vor uns lag die Vorstellung einer langen Belichtungszeit für unsere Ungeduld. Hinter uns die alten Utopien, mit ihren vielen Richtungen ins Vage und Wunderbare ungesicherter Horizonte.
Es kamen also Artisten unterschiedlichster Disziplinen zusammen: Clowns, Dompteusen, berühmte Tierdarsteller (Giraffe, gepunkteter Tapir, Floh) Revolutionärinnen, Trapezkünstler, Zauberer. Wir setzen uns zusammen und sagten, wer wir waren, was wir uns vorstellten, machen zu wollen. Was wir uns nicht vorstellen wollten, sagten wir auch. Schon waren wir in der schönsten Verwirrung, sprunghaft wie Delfine und feierlich wie Zauberer. Am Ende eines langen Gesprächs bis in den späten Abend sagten wir mit einer Stimme: Wir sind Tiger, niemals werden wir Gras fressen. Und da Teil unserer Systematik, die wir uns ausgedacht hatten, war, immer zwei Sätze von einer Sache oder Idee zu sagen, riefen wir auch aus: Wir sind Gras, wir hören Tiger singen. So endete der erste Tag unserer Zusammenkunft. Wir waren aufgeregt und sahen ein Land vor uns, zu dem wir gerne hingesegelt wären. Das versuchten wir am nächsten Tag und als wir auseinander gingen, sagten wir ekstatisch: A bientot, liebe komische Vögel.
Ich schrieb dann einen Bericht zu Händen der Migros-Akademie Romainmotier, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei und die Zukunft uns blühen würde. Hier ein kleiner Ausschnitt aus diesem Bericht:
THEATERS nennt Hiroshi Sugimoto eine Serie von Fotoarbeiten, bei denen er in den glamourösen amerikanischen Lichtspieltheatern der 30er Jahre und in den Autokinos der 50er Jahre jeweils ganze Filme fotografierte. Die Belichtungszeit, mit der er die Filme aufnahm, dauerte so lange wie der Film. Tausende Einzelbilder schwärzten dabei das Negativ und erschienen im Abzug als strahlend weisse Seite, die den ganzen Kinosaal illuminiert.
In diesen Fotografien leuchtender weisser Filmleinwände, in denen der gesamte Ablauf eines Films zwar nicht sichtbar, aber als Leuchten anwesend ist, wird etwas ansehbar, was ohne diese Fotografien nicht sichtbar wäre. Zu sehen sind Zeiten, Räume, Handlungen und Bewegungen, alles, was in einem Film vorkommt, aufgehoben und bewahrt in Licht. Einem ansehbaren Licht, das
aus einer langen Zeit besteht.
So wie Sugimoto in diesen Fotografien am Imaginären arbeitet, indem er ihm Raum gibt, das heisst, eine lange Zeit,
haben auch wir an der Imagination der Idee Weisser Seiten gearbeitet. Denn die Weissen Seiten sind nicht weiss. Sie sind einerseits übervoll, verschrieben, verdeckt. Zugleich sind sie aber auch die Notwendigkeit des unbeschriebenen Blatts als Bedingung der Möglichkeit, das, was schon da steht, anders lesen zu können. Wir versuchten, uns das Doppelte der Weissen Seiten vorzustellen: Dass sie uns fehlen, und dass sie die Seiten des Fehlens sind. Als Seiten des Fehlens sind sie leer, als Seiten, die uns fehlen, voll, und auch umgekehrt. Die Weissen Seiten sind eine Konstruktion, nur als solche können sie wirklich werden. Sie sind nicht ansehbar, und sie öffnen sich zwischen den Ansichten des Unansehbaren.
Das Konzept der Weissen Seiten ist eine Entgegnung auf ihr Fehlen. Eine Entgegnung, die auf das Fehlen von Offenem reagiert, um ihm mit Offenheit zu begegnen. Auch mit Gastfreundlichkeit.
So weit der Auszug aus dem Bericht.
„Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen; höher noch als die Liebe zum Menschen ist die Liebe zu Sachen und Gespenstern. Das Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du; warum gibst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.“ Auch diese Einsicht Nietzsches scheint unserer Expedition vorausgeeilt zu sein. Nach der ersten Zusammenkunft erschienen wir zu unserem zweiten Treffen wie umgedrehte Handschuhe, bekämpfend, dass wir teilgenommen hatten, und nun auch noch zu einem zweiten Treffen gekommen waren. Wendung des Glücks, Flaute, die Segel schlaff.
Die Revolutionäre wollten nun Taten sehen, die bekannte Dompteuse sagte, sie wolle nun mit kürzeren Zähnen sprechen. Die Clowns fielen ständig um, kaum sahen sie eine Katze. Sie bekamen Lachanfälle, weil einer von Spirit gesprochen hatte und sie schrieen, meinst du nicht eher Sprit? Der Zauberer sagte nichts, sah aber so aus, dass wir ihm alle gut zuredeten. Der Giraffendarsteller sagte, er frage sich, ob er hier richtig sei. Nur darum sei er nochmals hierhergekommen. Die Trapezkünstlerin meinte, sie müsse ein Ich vor sich haben, sonst ginge sie nicht auf dieses Ding da oben. Sie meinte ihr Trapez. Aber vielleicht auch ihr Ich. Nein, sagte sie, sie könne mit dieser vagen Empfindung bei Vollmond nicht da hoch. Dabei war weit und breit kein Vollmond zu sehen, jedenfalls nicht am Himmel. Gut, sagte ich, wollt ihr also wie Herrmann sagen: Ich will nicht wissen, ich will nicht lieben?!
Das war zu viel. Das kannst du uns nicht sagen, sagten sie. Wo nimmst du das her? Wir sind nicht in Gefahr. Die berühmte Tapirdarstellerin mit den Punkten sagte, oh dieses Reden, dieses verfluchte Reden, dieser verfluchte Kafka und die Dompteuse sagte, ja, ich habe es von Anfang an gewusst, ich bin hier fehl am Platz, ich habe hier gar nichts beizutragen. Woraufhin sie wirklich aufstand, sich verneigte und schon mal ging. Dann wurden wir zum Essen gerufen, sie sass am Tisch, es gab Ente. Wir tranken so viel wir konnten.
Dann ging es, ein bisschen beruhigter, in die nächste Runde. Wir ritten durch die Zeit, die wir brauchen und nicht haben, der wir unterworfen sind, und die wir uns unterwerfen müssen, indem wir uns ihr unterwerfen. Wir fragten uns, wie um Himmels Willen wir uns dieses komplizierte Zeitverhältnis vorstellen sollten, das ja auch ein Verhältnis mit uns und zu uns in unserer Zeit ist? Unser Treffen unter dem Segel der Weissen Seiten, sagte der Zauberer, ist die Einrichtung einer festen Einstellung zur Erfahrung von Phantasie und der ihr eigenen Zeit. Du meinst, dass auch Phantasie abläuft? rief einer der Clowns. Und der andere Clown sagte: Sind die Weissen Seiten der Film einer festen Einstellung, die wir zusammen phantasiert haben? Wir müssen eine andere Zeitform finden, uns in sie hineintragen, sagte die Dompteuse mit den immer kürzeren Zähnen. Die Trapezkünstlerin sagte, wir sind so was wie Pina Bausch für Hippies.
Daran, wie wir diesen Abend beendet haben, kann ich mich nicht mehr erinnern. In der Nacht sind zwei Artisten abgereist und wurden nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag waren wir traurig und der Zauberer sagte, er würde nicht mehr kommen. Die Revolutionärin sagte das auch und sprach von Gramsci. Uns hatte der Mut verlassen, wenn es Mut war, was uns hierher gebracht hatte. Unschlüssig gingen wir auseinander. Vielleicht, sagten wir, ja vielleicht sehen wir uns noch einmal. Was wir taten. Wegen Drei und allen guten Dingen. Und wie zur Beruhigung sagten wir, es wird das letzte Treffen sein.
Der harte Kern kam, fragte sich, ob wir uns denn leisten könnten, uns unserer Ratlosigkeit auszusetzen, sie zuzulassen, sogar darüber zu sprechen, wie schwer erträglich sie sei, wenn es doch rund um uns herum so viel Zerstörung, Krieg, Armut gebe. Wie sollten wir uns gefährdet fühlen können in unseren Versuchen anders und anderes zu denken, wenn doch um uns herum in so vielen Ländern Menschen nicht wüssten, wie sie ihr nacktes Leben schützen sollten?
War es Phantasie, war es Angst, was in uns immer wieder diese Konstellation von uns und den anderen wiederholte, und dass wir uns nicht anmassen könnten, zu sagen, dass Denken gefährlich sei für den, der es wage, wenn Gefahr für andere doch etwas ganz anderes, viel Unmittelbareres sei als die Gefahr des Denkens. So zu denken allerdings ist eine Gefahr. Nicht nur für uns. Denn wie sonst sollten wir die Gefährdung des anderen denken können wenn nicht als unsere eigene?
Sind wir nicht in Gefahr, im Namen einer zweifelhaften Gerechtigkeit nicht mehr von uns zu sprechen? Von uns, die die anderen brauchen, die es brauchen, mit ihnen zu sprechen, ihnen ihr Wort zurück zu geben; vielleicht das Wort Ratlosigkeit, vielleicht als geteiltes, mitzuteilendes Wort?
Jetzt sind wir die Weissen Seiten in dieser Form wieder los, vielleicht fliegen sie irgendwo herum, und keiner weiss, wozu sie gut sein sollen.
Ihr gastfreundliches Versprechen einer langen Belichtungszeit allerdings bleibt bestehen. Können wir es halten?
Was bleibt, ist der Schatten einer Notwendigkeit, das Schutzlose zu schützen und das zu bewahren, was sich nicht erhält.
Friederike Kretzen
Eröffnungsvortrag Tagung „Es gibt kein Ende“ in Romainmôtier 23.5.14
Es waren die frühen siebziger Jahre, wir waren furchtlos, und wenn wir schon nicht auf dem Kopf gehen konnten, wollten wir zumindest alles auf den Kopf stellen. Der Mai 68 war vorbei. Er war verraucht. Das machte uns erfahrener, wir ahnten etwas vom eigenen Scheitern. Umso intensiver brannten in unserem Himmel die „Laternen des Unmöglichen“, wie das der französische Dichter Maurice Blanchot nennt. Höher als Sterne trugen wir sie mit uns. In ihrem Glanz konnten wir erkennen, dass es etwas anderes gab als die Schule, die schmutzige kleine Industriestadt am Rhein, die Eltern, denen, nach allem, was sie erlebt hatten, nicht über den Weg zu trauen war, die ganze grässliche deutsche Geschichte.
Franz war einer von diesen hellen Köpfen. Ich konnte ihn schon von weitem durch das grosse Fenster des Adria erkennen, mit den Händen in der Luft gestikulierend, rauchend. Oft stand er auf, um seinen Worten Nachdruck zu geben wie ein Redner. Wenn er mal nichts sagte, biss er auf den Strähnen seiner roten Locken herum. Die Freunde nannte ihn Abriss der Psychoanalyse Band eins bis fünf. Dabei war er erklärter Trotzkist.
Das erste Mal sprach ich mit ihm auf einer holländischen Insel. Ich war dort mit einer Freundin zelten, unsere erste Reise ohne Eltern. Er betreute eine Jugendgruppe. Die Insel war klein und wir trafen uns bei einem Ausflug, den er mit seiner Gruppe in den nächst grösseren Ort machte. Wir begrüssten uns, sprachen von den Holländern, wie anders sie waren, Seefahrer, Schlittschuhfahrer, sprachen von den Teppichen, die auf den Tischen der Cafés lagen. Beim Abschied sagten wir, ahoi und auf ein andermal.
Zurück in der kleinen schmutzigen Industriestadt, die Schule hatte schon längst wieder angefangen, sass ich dann eines Nachmittags im Adria. Das war um diese Zeit am Tag fast leer. Die Jukebox, die neben der Theke unter der Garderobe stand, spielte Janis Joplin „Ball and Chain“. Ich wusste nicht, wer das Lied gedrückt hatte. Vielleicht war es Herr Andreotti, dem das Adria gehörte. Meistens sass er auf einem Hocker hinter der Theke und lächelte wie eine Sphinx cheap synthroid generic. Das Lied beunruhigte mich, ich hatte das Gefühl, es nicht auszuhalten, versuchte aber, mich zu konzentrieren, denn ich sass über einem Gedicht von Ingeborg Bachmann, zu dem ich für den nächsten Tag eine Interpretation zu schreiben hatte. Es war ein Gedicht von der Liebe, wie ich dachte. Von Grenzen und wie es ist, an etwas zu grenzen. Beispielsweise an Wörter zu grenzen wie an ein Meer. Es handelte auch von Böhmen, das am Meer liegt, zugrunde gegangen und unverloren. Während ich am grossen Fenster zur Strasse sass, durch das die Sonne in flachen Strahlen schien und den Raum mit einem Licht aus vielen Blautönen mit einzelnen rötlichen Punkten erfüllte, wurde ich von diesem Lied durcheinander gewirbelt. Ich stellte mir vor, am Ufer der Wörter zu liegen, die sich vor mir im Gedicht ausbreiteten und sehr schnell atmeten, wie Janis Joplin, die gar nicht mehr aufhören konnte zu singen oder zu atmen, das war bei ihr eins. An welches Meer grenzte sie? War sie da? Alter Ozean? „Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe/ unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,/und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen/Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,/wie ich mich irrte und Proben nicht bestand, doch hab ich sie bestanden, ein ums andere Mal.“ Da sah ich Franz, wie er hinter der gegenüberliegenden Häuserecke auftauchte, die Strasse überquerte und schon betrat er das Adria. Er setzte sich zu mir an den Tisch, wollte wissen, was ich las, und in dem Moment hörte Janis Joplin auf zu singen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, zu versinken. Schneller als der letzte Ton des Lieds, doch dann sagte ich: Ein Gedicht über die Liebe.
Franz überflog es mit seinen grossen Augen. Er lachte.
Es geht nicht über die Liebe, sagte er.
Was denn, sagte ich.
Böhmische Dörfer, sagte er.
Das sagt meine Mutter immer, wenn sie nicht versteht, wovon ich rede, sagte ich.
Wie du, wie das Gedicht, das ja vielleicht auch nicht versteht, sagte er. Schreib das. Vom Nichtverstehen und Zugrundegehen, davon, zum Meer zu werden.
Du meinst auch von mère, auch von meiner, sagte ich?
Davon, wo alles herkommt und hingeht und von wo es wiederkommt, sagte er.
Das Meer, sagte ich, das alles mitnimmt und zugrunde richtet? Er schaute mich an. Flüsterte dann: Sie ist wiedergefunden. Was? Die Ewigkeit. Es ist das Meer, kommt und geht mit der Sonne. Arthur Rimbaud.
Gut, sagte ich, und die Grenzen?
Wittgenstein, sagte er, den Kopf nun leicht gesenkt. Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Er rührte in seiner Kaffeetasse.
Die ist leer, sagte ich.
Stimmt.
Wir schauten am Fenster hinaus, wir sprachen nicht mehr.
Auch das ist Wittgenstein, sagte er nach einer Weile, berührte mich leicht am Arm.
Hough, sagte ich, der Mann hat gesprochen. Wir mussten lachen. Dann war er wieder weg.
Bald darauf schrieb ich ihm einen Brief, wie wir uns in dieser Zeit alle Briefe schrieben. Jeden Tag und viele. Die Wenigsten von uns hatten ein Telefon. Wenn wir uns verabreden wollten, schickten wir schnell eine Postkarte. Wir waren das Abschicken und Warten und Antworten und wieder Losschicken von Briefen gewohnt. Wir lebten in einem korrespondierenden Netz von Sendungen, Erwartungen, Anrufen, alles auf Papier gebannt und losgeschickt durch eine ungewisse Zone, von der wir uns alle möglichen Wendungen erhofften. Anders kann ich mir die Aufregung und Lust nicht erklären, die mit dem Briefeschreiben verbunden war. Kaum war die Anrede geschrieben, schon hatte ich das Gefühl, eine andere geworden zu sein. Und die schrieb nun: Lieber Franz, das waren schöne Sätze, die du mir gesagt hast. Ich kannte sie nicht und habe sie mitgenommen auf meine Reise nach Böhmen. Ich suche das Meer. Wenn ich es gefunden habe, schreibe ich dir wieder.
Zwei Tage später bekam ich eine Ansichtskarte von ihm. Vorne drauf war ein Holländer in seiner Tracht mit Holzschuhen und einem geringeltem Hemd zu sehen. Seine Schrift rannte über die Karte bis an die Ränder, wo sie sich staute. Klein, gedrungen, schoben sich die Bögen der Buchstaben ineinander und ich konnte sie so gut wie nicht entziffern. Er hatte eine Sauklaue. Mühsam las ich: Meine Liebe, der Herr mit den Holzschuhen ist ein Holländer, vielleicht sogar ein fliegender, er heisst Franz und grüsst aus grosser Ferne. Schreiben kann er nicht und setzt darum bloss sein Zeichen X X X.
Gleich setzte ich mich hin und schrieb: Bitte schreib schöner. Noch bin ich nicht am Meer. Woraufhin er mir einen Brief schickte. Den konnte ich noch viel weniger lesen als die Karte. Die wenigen Wörter, die ich schliesslich lesen konnte, waren seine drei X X X und: Deine Schrift sieht aus wie das Meer, bist du schon auf die andere Seite übergesetzt? Bitte schreib deutlicher. Ich kann dich fast nicht lesen. Denn auch ich war bekannt für meine schwer zu lesende Schrift. Irgendwann zwischen zwölf und dreizehn war sie zu mir gekommen und hatte mich seither nicht mehr verlassen. Es war eine wütende, sich tarnende Schrift. Vor allem die Lehrer litten. Wahrscheinlich war es meine Rache an ihnen. Und nun schickten Franz und ich einander Briefe, in denen wir uns baten, leserlicher zu schreiben. Was nicht half. Alle Versuche, mir wieder eine andere Schrift anzugewöhnen, verliefen nach den ersten schön geschriebenen Zeilen nach unten. Dann stürzten die Wörter über ihre eigenen Beine in die Leere des Blatts, wo sie nicht untergingen, nur ausfransten, und sich schliesslich wie Wellen legten. Von weitem sah das schön aus, war nur unlesbar. Schon als Kind hatte ich Briefe in einfacher Wellenschrift geschrieben. An meine Grossmutter, an den Krieg, an den toten Hasen, den meine Grossmutter nach einem Bombenangriff, als sie auf freiem Feld unterwegs war und nachdem sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, in ihren Armen gefunden hatte. Mit diesen Briefen wollte ich ihr sagen, dass sie lebte und kein Hase war. Auch dem Hasen schrieb ich. Auch er sollte wissen, dass er tot war und nicht etwa anstelle meiner Grossmutter weiterlebte. Damals gab es noch Gespenster. Ihre Anwesenheit, auch wenn es sie nicht gab, war mir vorstellbar. Sie lebten zwischen den Wellen der Schrift, mit der ich der Grossmutter und dem toten Hasen schrieb. Das änderte sich erst, als ich das richtige Schreiben lernte. Das mit den Buchstaben. Plötzlich waren sie weg. Oder ich hatte sie nicht mehr so leicht bei der Hand. Dazu kam nun die Liebe, die noch keine war, aber dabei, uns zuzuwachsen. Franz und ich schrieben uns weiter Briefe. Wir waren hilflos. Wir schrieben drauf los und dachten, unsere Hände seien unsere Hände. Was war es, was sich uns zu lesen gab in unseren unentzifferbaren Briefen, wohin schrieben wir einander unsere Unlesbarkeit?
Nun war es schon bald Winter geworden. Schnee war noch keiner gefallen. Wir trafen uns wieder im Adria. So geht es nicht weiter, sagten wir. Wir schwiegen. Schauten auf die Strasse hinaus, wo die Menschen in Wintermänteln mit Pelzbesatz herumliefen. Die Kinder trugen Mützen und Stiefelchen. Gut, sagte Franz, wir lesen sie uns vor. Jeder die eigenen Briefe. Er sah blass aus. Gut, sagte da auch ich, jeder dem anderen die eigenen Briefe.
Es gab in der Stadt ein Lokal mit Jazzmusik, Live-Konzerten und dem Namen Topos. Ein enger dunkler Raum, in dem sich eine Art psychedelische Marslandschaft aus roten Bänken und Tischen, die wie Pilze geformt waren, ausbreitete. An den Wänden hingen Monitore, auf denen Andy Warhols langsame Filme flimmerten. In der Mitte des Lokals, hinter einer Säule, stand ein niedriger Gasofen. Auf dem hockten wir, Schulter an Schulter eng nebeneinander, jeder die Briefe des anderen in der Hand. Unsicher, schüchtern zögerten wir den Moment hinaus, sie dem anderen zurückzugeben. Wie wenn wir fürchteten, sie so für immer zu verlieren. Wir wollten sie aber haben, unbedingt, je unlesbarer sie waren, umso mehr. Dafür aber brauchten wir den anderen, dass er sie uns vorlas. Seine eigenen. Die doch davon lebten, dass sie vom anderen gelesen wurden, weit weg von dem, der sie geschrieben hatte.
Wir sagten, wir machen die Augen zu, und geben sie uns über Kreuz. Unsere Hände fühlten sich für einen Moment ununterscheidbar. Dann öffneten wir wieder die Augen. Das Licht war düster hinter der Säule, wo wir sassen, der Gasofen unter uns angenehm warm. Franz fing an. Er las seinen ersten Brief an mich. Ich neigte den Kopf ihm zu, mein Ohr nah an seinen Lippen und wusste bald nicht mehr, ob es mich gab.
Wem waren seine Zeilen über das Wetter, das Meer und ein Buch über das Nichts, das er gelesen hatte, zugeeignet. Sollte ich das gewesen sein? Wann, in welchem Leben? Jetzt du, sagte er und ich las meinen Brief an ihn vom Wetter, von der Schule, vom Licht und wie es draussen dunkel wird. Dicht an seinem Ohr, den Haaren. Die Musik war laut. Wir hockten da wie Schauspieler eines Stücks, das wir verfasst hatten, aber etwas war geschehen und nun konnten wir es nicht mehr erkennen. Waren wir die, denen unsere Briefe galten? An wen hatten wir sie geschrieben? Konnte das er, konnte ich das gewesen sein? Die hier beieinander sassen? Manchmal schauten wir, wenn wir im Lesen innehielten, auf die Bilder, die über die Monitore flackerten, unscharf, wackelig, mit viel Zeit aufgenommene Einstellungen des Empire State Building. Dann hörten wir uns, wieder weiter vorlesend, zu uns sprechen als den anderen der Briefe und doch denen, die hier sassen an einem unsagbaren Ort, plötzlich selbst wie Briefe geworden; geschrieben, abgeschickt, und nicht angekommen. Wo waren wir?
Auf unheimliche Weise waren wir zusammen dorthin geraten, wo der andere nicht ist, wo er abwesend ist, und wo das Schreiben, auch das der Briefe beginnt. Wie wenn wir, anstelle zur Liebe zu kommen, zum Schreiben, seiner Einsamkeit und Ausschliesslichkeit gekommen wären. Da wir das aber an diesem Ort gemeinsam taten, unsere Unlesbarkeiten voreinander ausbreiteten, geschah nun das, was Böhmen ans Meer grenzen lässt: Dort, wo der andere nicht ist, wo er durch nichts ersetzbar ist, durch keine Anrufung, keine Briefsendung, wird er zugleich auch allererst möglich.
Wir waren zugrunde gegangen in unseren Briefen und tauchten hier auf dem Gasofen sitzend wieder auf. Unverloren und von Grund auf. Und während wir uns noch an unseren Zeilen festhielten, ihnen entlang uns bewegten und lasen, regten sich unsere Schwingen, die Federn, wie sie über das Blatt geglitten waren als wir schrieben, ich denk an dich, ich hab dir nichts zu sagen als dieses „nichts“.
Bald war ein Rauschen zwischen den Zeilen wie ein sanfter Wind, mischte sich zwischen unsere Stimmen. Wir schauten uns nicht an, lauschten nur, lauschten nicht, lasen nur, fanden uns tief versunken am Faden der Schrift, aufgehoben vom Zug der Federn, die Schwingen erhoben sich zum Flug.
Friederike Kretzen August 2014
Der Text ist erschienen in der Jahrespublikation von Landolt-Arbenz: „Schreiben ’14/’15“
Für unser Zusammenkommen schwebt mir so etwas wie die Bestandsaufnahme unseres gegenwärtigen Arbeitens vor:
Woran arbeiten wir, in welchen Sprach-, Land-, Geschichtsgebieten bewegen wir uns, in welchen Zusammenhängen verirren und zerstreuen wir uns. Dies sind Fragen, die jede Schreibarbeit durchdringen. Fragen, die sich uns in jedem Text, an dem wir arbeiten, neu stellen und insofern Antworten finden, als dass sie sich wieder und ein wenig anders stellen. Sich auf sie schreibend einzulassen, ermöglicht uns, einmal kurz durch Jahre, Jahrhundert gehen zu können und Orte wie Geschehen der Geschichte so weit wie nah in eins, in einen Satz, zwischen einen Textabschnitt und den nächsten setzen zu können. Diese Schreibbewegung ist eine Arbeit am Vergegenwärtigen von Zeit und der sich in ihr zusammensetzenden Orte und Räume. Sie schafft Gegenwart, deren Ort der Text ist.
Das Laboratorium will an unsere Arbeit wieder die Fragen
stellen, die die Anträge von Seiten des Literaturbetriebs durchqueren und zu so etwas wie den Grundlagen des Schreibens und des Denkens von Geschichten kommen. Dies könnte ein Anfang sein, eine Art Forschung zu initiieren, die systematisch zu ergründen versucht, wie mit und im Material Sprache so etwas wie Gegenwart erkennbar werden kann.
Zur kurzen Darlegung und Veranschaulichung dessen, was uns momentan beim Schreiben beschäftigt, können sowohl eigene Texte, aber auch die anderer vorgelesen werden. Auch Filmausschnitte, Musikstücke oder Bilder können hinzugezogen werden. Die Vorstellung des Materials, an dem und mit dem wir arbeiten – das zugleich nichts anders ist als die konkrete sprachliche Auseinandersetzung -, soll die Grundlage für das Gespräch werden, das wir mit unserem ersten Treffen zu eröffnen versuchen wollen.
Das Treffen soll eines von mehreren sein, zu denen wir uns jeweils wieder verabreden. Ich möchte, dass wir beginnen können, ohne wissen zu müssen, was geschieht und was daraus wird. Vielmehr soll die Gegenwart der Begegnung, die Wahrnehmung der Fragen und Beschreibungen der Teilnehmenden der Gegenstand unseres Zusammenkommens sein und werden.
In welcher Form wir unsere Treffen festhalten, protokollieren, notieren wollen, würde ich gerne mit euch zusammen überlegen.
Erster Bericht
Zweiter Bericht
Dritter Bericht
Vierter Bericht
singen hörte, musste ich an sie denken. Auf der Rückseite befand sich das winzige Guckloch, durch das in die Kiste hineinzuschauen war. Als erstes Bild zeigte sich darin gleich der schöne Vierwaldstätter See. Auf Knopfdruck kam das nächste Bild zum Vorschein. Das war das Hotel Sonne, dem das Hotel Mond, auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gelegen, folgte.So geschahen meine ersten, frühen Ausflüge in Gegenden des Andenkens, die niemals vorzufinden waren in einem äusseren Land. Es sei denn, ich hätte vorher, vor jedem Blick, alles, was ich sehen konnte, und dazu gehörte auch alles, was ich nicht sehen konnte, hineingetragen in jenes Land. Das dieser kleine Fernseher mit sich brachte. Und zwar in Form einer ansehbaren und andenkbaren Verborgenheit. Und das war eine Form, in der ich mich mit allem, was ich sah, verbunden fühlte.
Wir kennen es alle, wenn im dämmernden Halbschlaf andere Bewegungen sich um uns herum ausbreiten; gleitende, zarte, huschende, die vom Licht kommen, von Schatten, Geräuschen, die sich auf den Wänden ausbreiten, auf dem Boden, die übers Regal rutschen und ein Zettel schaukelt zu Boden. Diese Bewegungen der Luft und des Lichts, Bewegungen, in denen sich Konturen und Ausmasse der Gegenstände im Raum unmerklich verschieben, lösen in mir, seit ich denken kann, eine Art Seekrankheit aus, die mir so äusserlich wie zutiefst verbunden zu sein scheint. Vielleicht hat das mit dem Atem zu tun, vielleicht mit dem Vergessen. Gewiss, so dachte ich damals als Kind, war der Vierwaldstäter See im Spiel, der immer schön genannte. Auch das Hotel Sonne mit dem auf der gegenüberliegenden Seeseite gelegenen Hotel Mond. Dann wusste ich, dass die Seekrankheit, die mich im Bett oder auf dem Sofa ereilt hatte, vom Dampfer Louisa kommen musste. Eine steife Brise wehte mich an, und mit Blick in den kleinen roten Fernseher konnte ich Onkel Karl an Deck stehen und zu mir herüberwinken sehen. Zum Andenken an ihn. Und in Begleitung von ihm sah ich den Zustand des Halbschlafs für mich geborgen, in dem sich Zeit und Raum berühren, ineinander übergehen, und sich eine Substanz bildet, in der ich mühelos – damals wie heute – über den Vierwaldstätter See gleite. Jede Andenkbarkeit hinter mir zurücklassend.
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