RASANTES PROJEKT

STARKE ERFAHRUNGEN SIND NIEMALS BESÄNFTIGEND.

Das sagt Henry James. Ich möchte darum und unter dem Segel einer nicht zu besänftigenden starken Erfahrung an dieser Stelle, wo wir uns etwas Endlosem zuwenden und am Ende stehen von etwas, das nicht das Ende ist und nicht zu Ende, von einem Projekt berichten, das unter diesem Dach stattgefunden hat, und das mir seither in seiner Gewagtheit und Tollkühnheit immer unwirklicher vorkommt. So dass ich mehr und mehr geneigt bin zu denken, ich hätte mir das alles nur ausgedacht und erträumt. Doch es hat dieses Projekt der WEISSEN SEITEN gegeben. Unser einziger Irrtum war, anzunehmen, so ein Projekt machen zu können. Dabei war es umgekehrt, es hat etwas mit uns gemacht. Was, das werden wir vielleicht eines Tages wissen, wenn wir schon lange nicht mehr da sind. RASANTES PROJEKT weiterlesen

Irre Parabel: NZZ am Sonntag vom 20.04.2014

Handbuch der Ratlosigkeit. L’arc/Limmat-Verlag, Zürich 2014
Wir kennen in Leder, Leinen, Pergament und Pappe eingebundene Bücher. So etwas haben wir aber noch nie gesehen: einen in Schmirgelpapier der Stärke 3M gebundenen Band, die raue, sandige Fläche selbstverständlich aussen. Ein Sammlerstück für Bibliomane, aber mehr als das: eine höchst originelle Anthologie mit 37 in die Sprache verguckten Texten. Seit zwanzig Jahren gibt es L’arc Romainmôtier – ein zum Migros-Kulturprozent gehöriges Künstlerhaus im Westschweizer Jura. Zu seinem Jubiläum haben Elfriede Czurda, Friederike Kretzen und Suzann-Viola Renninger dieses schöne Buch herausgebracht. Irre Parabel: NZZ am Sonntag vom 20.04.2014 weiterlesen

Böhmische Briefe

Mein erster Freund hiess Franz. Er war auch meine erste grosse Liebe. Ich war gerade sechzehn, er schon bald zwanzig und wir beide noch auf der Schule. Es war Ende Herbst in einer schmutzigen deutschen Industriestadt, in der sich ein paar junge Menschen aufgemacht hatten, eine andere Gesellschaft zu erfinden. Sie hatten einen Traum. In dieser Zeit schien er ihnen ganz nah, was auch die Stadt veränderte; sie leuchtete. Die Eiscafés rund um die Gymnasien in der Stadt – es gab noch solche für Mädchen und solche für Jungen – waren die Versammlungsorte für die, die nah waren und träumten. Von ihnen ging ein Licht aus, das summte. Gewiss, Licht macht Töne, wie Bienen, die aus Sonne und Flug Honig machen.
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Die schöne Gefahr.

Für wen wir schreiben. Dritte Runde

‚Le beau danger’ ist der Titel eines kleinen Buchs, in dem Michel Foucault mit Claude Bonnefoy über die schöne Gefahr seines Schreibens und Denkens spricht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel ‚Das giftige Herz der Dinge.’ Dieser Wechsel von der schönen Gefahr zum giftigen Herz der Dinge gibt vielleicht schon eine Antwort auf die Frage, warum es uns nicht leicht fällt, Gefahr und Arbeit an der Schönheit zusammen zu denken. Doch was ist Gefahr, was Schönheit, wenn es ums Schreiben und Denken geht? Kann Schreiben gefährlich sein? Und Denken? Für wen? Sich in Gefahr begeben, ist das eine Möglichkeit, etwas zu erschaffen, das mit Schönheit zu tun hat?  Was an der Gefahr soll schön sein oder schön werden können? Die schöne Gefahr. weiterlesen

Mit dem Schreiben zurecht kommen; möglichst ohne Recht zu behalten.

 Für wen wir schreiben. Vierte Runde.

Sie haben alle schon erfahren, dass ein Wort alles verändern kann. Nicht nur in einem Text. Dass mühsames Arbeiten an einem Text ihn nicht gelungener macht, dass es aber manchmal der Mühe lohnt und sich so eine ganz neue, unerwartete Wendung ergibt. Wie können wir wissen, woran wir sind im Scheiben, wenn wir mittendrin stecken und keinen Überblick haben. Mit dem Schreiben zurecht kommen; möglichst ohne Recht zu behalten. weiterlesen

Die blauen Hunde von Dharavi / NZZ 29.5.13

Im grössten Slum von Mumbai kann man den Menschen bei der Arbeit an der Globalisierung zuschauen.
Von Friederike Kretzen

Ich habe blaue Hunde gesehen. Sie leben im Zentrum von Mumbai. Ihr Fell ist einmal weiss gewesen mit hellbraunen Flecken auf dem Rücken. Dann haben sie – wie Hunde das tun – von dem Wasser getrunken, das in flachen Rinnsalen durch die Gassen sickert, und sie sind blau geworden. Bis zu den Ohrenspitzen. Auch das Weiss ihrer Augen. Seitdem sind sie die blauen Wächter eines Stadtgebiets, das sie bewohnen und hüten, denn sie sind ja Hunde.
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Zu Max Ernst NAISSANCE D’UNE GALAXIE / BAZ 24.5.13

Lucy in the Sky with Diamonds, – die Beatles sagen, mit LSD hätte diese ihre Lucy nie was zu tun gehabt – doch wie auch immer, sie lag in jenen Jahren in der Luft, in der auch dieses Bild zu schweben scheint. Das Bild einer Sternennebelgeburt, mehr Raumschiff als Bild und wie jede Geburt und jedes Bild eine Art Fahrt ins Blaue. Kleiner Ausflug also, früher Morgen im Universum. Wir haben uns lautlos aufgemacht, treiben hoch über dem Horizont in engem Bildrahmen, an den Seiten zusammengestaucht, weiter nach oben mitten im Geburtskanal. All das geschah, als ein paar Menschen ihre Füsse auf den Mond stellten, und die Träume der Erde von ihrem Muttertrabanten abgenabelt wurden.
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„Bretter ohne Welt“ FAZ vom 23.01.13

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Grosses Lob spendet Rezensentin Irene Bazinger diesem Roman über drei junge Menschen am Theater im Sommer 1982. Alle drei sind tagsüber mit der Produktion von Theaterstücken beschäftigt, abends sprechen sie in der gemeinsamen Küche über ihre Arbeit, so Bazinger. Nichts Dramatisches geschieht, doch diskutieren die drei so angeregt darüber, wie ein antiautoritäres, politisches Theater „ohne feste Aggregatzustände“ – selbst der Tod wird abgelehnt – aussehen könnte, dass Nostalgie gar nicht erst aufkommt, lobt Bazinger.
© Perlentaucher Medien GmbH
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FR Literaturkritik 12 | 7 | 2012


Aufrührerische Gefühle im Sommer 1982

In ihrem neuen Roman „Natascha, Véronique und Paul“ erzählt die Autorin Friederike Kretzen vom Sommer 1982. Das Buch ist eine Fortschreibung von Fragen, die in keiner Antwort ankommen können.

Sie konnten sich nicht vorstellen, jemals älter zu werden als vielleicht 28, 30 Jahre. Dabei wurden die Freunde Natascha, Véronique und Paul in Friedenszeiten geboren, in den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders in Westdeutschland. Drei junge Erwachsene, die mit anderen im Sommer 1982 in einem selbstverwalteten Theater in Köln arbeiten. Sie sind masslos und anspruchsvoll, wild und belesen; sie leben aus Leibeskräften. FR Literaturkritik 12 | 7 | 2012 weiterlesen