Was fehlt und wie davon schreiben?

Ausschreibung zur Sommerakademie Schrobenhausen 2017
Vom unsagbaren Leben.

Wann haben Ärzte aufgehört, ihre Patienten mit der Frage zu empfangen: Was fehlt Ihnen? Als wäre Kranksein etwas, das
einem fehlt, bzw. etwas, das macht, dass einem etwas fehlt.
Vielleicht fehlt uns heute diese Frage, vielleicht wäre sie
eine sanfte Form von Medizin. Zumindest wären wir nicht so
verantwortlich für unsere Befindlichkeiten, denn da ist etwas
in uns, das uns fehlt. Dem zu antworten wäre eine andere
Möglichkeit von Verantwortung. An der möchte ich gerne in
diesem Seminar arbeiten. Und gemeinsam mit Ihnen in kleinen,
abbrechenden, fragmentarischen Niederschriften, mit stockendem
Herzen, in winzigen Annäherungen versuchen, dem zu antworten,
das nicht aufgehört hat, zu uns vom Fehlen zu sprechen.

Widerstand der Ästhetik – Peter Weiss

Fehlt Peter Weiss? Fehlt er uns? Fehlt uns, dass er uns nicht fehlt? Manchmal, vielleicht liegt es an der Schweiz, in der ich schon so lange lebe, frage ich mich, ob wir nicht schon längst tot, erstarrt, versteinert sind, nur haben wir es noch nicht gemerkt. Uns wird von überall her gesagt, dass alles, alles anders geworden sei und wir mit unseren Erfahrungen von Zeit, von der Widerständigkeit der Zeit, der Widerständigkeit mit der Zeit und in der Zeit, passé. Vorbeigegangen, nicht mehr gültig, tot, außer, wir „gehen mit der Zeit“. Mit dem, was uns unter diesem Begriff an Diskursen, Urteilen und Zuschreibungen angetragen wird. Widerstand der Ästhetik – Peter Weiss weiterlesen

Für wen wir schreiben

Die Vorbereitung des Romans und der rasende Wille nach einem vollständigen, absoluten Ausdruck unserer selbst. Für wen wir schreiben. Sechste Runde.

Sind Sie erfahren? Alte Jimmy Hendrix Frage. Sind Sie bereit, in den Abgrund zu springen? Sich dem rasenden Willen nach der Suche des vollständigen, unbedingten Ausdrucks unserer selbst auszusetzen? Sich auf die Suche nach den unbekannten Gegenden unseres Herzens zu machen, in die erst der Schmerz eintreten muss, damit es sie gibt, wie Virginia Woolf schreibt? Für wen wir schreiben weiterlesen

Toni Morrison, Beloved

Einführung Lesung am 9.12.2015 im Literaturhaus Basel

Gerne möchte ich hier, am Ende der Reihe nochmal anmerken, was für kühne, radikale und zugleich, – wahrscheinlich gerade darum – schwierige, gefährliche, unheimliche Bücher die sind, die wir hier gehört haben. Denke ich zum Beispiel an den Fall Franza, an Beloved, an L’Armant und Orlando. In einem Vortrag Virginia Woolfs, „Mr Bennett und Mrs Brown“, in dem sie die damals, 1923, noch neue, moderne Form des Romans den traditionellen Formen des englischen Romans gegenüberstellt, fordert sie uns Schreibende, aber auch uns Lesende dazu auf, nie, nie das Leben zu vergessen. Das Leben, dessen Geist sie in der kleinen, zarten, leicht armselig adrett gekleideten Mrs Brown verkörpert findet, die ihr eines Tages im Zug gegenüber sitzt, und die sie seitdem nicht mehr loslässt. Toni Morrison, Beloved weiterlesen

Für Jürg Laederach

Laederach ist noch keiner auf die Schliche gekommen. Er ist einfach zu viele. Was ich darum hier auch gar nicht erst versuchen möchte. Für alle anderen Arten von Geschichten hingegen eignet er sich immer. Beispielsweise für solche, die anfangen wie: Laederach und die Toaster. Er hatte einen hohen Umsatz an Toastern, immer die neuesten Modelle. Sie konnten toasten, kochen, braten, überbacken. Seine Kochkunst bestach durch reines toasten. Einmal kam dabei die Decke runter und zertrümmerte den Toaster, ein anderes Mal, mit einem anderen Toaster, fing eben jener Feuer und die Küche dann auch. Woraufhin Laederach schrieb „Leichen ausgraben: Burgwegs Küche brannte am 6. Februar ab.“ Für Jürg Laederach weiterlesen

Schule der Indienfahrer

10. Lektion, die nach einem kleinen Ausflug wieder zurückkehrt zu Helmudos Anruf am Abend, der Rhein führt Hochwasser, die Luft röhrt, der Fluss wirft sich auf gegen Ufer und Himmel. Noch ist unklar, wann das war, dann kommt schon der nächste Abend und wieder ruft er an. Hier spricht Helmudo, mir geht es gut, ich kann mich rasieren, mir die Zähne putzen, Kaffee trinken, Musik hören, Fernsehgucken. Alles so viel ich will. Verrücktsein ist nur Verrücktsein, nicht auch plemplem. Schule der Indienfahrer weiterlesen

Böhmische Briefe

Mein erster Freund hiess Franz. Er war auch meine erste grosse Liebe. Ich war gerade sechzehn, er schon bald zwanzig und wir beide noch auf der Schule. Es war Ende Herbst in einer schmutzigen deutschen Industriestadt, in der sich ein paar junge Menschen aufgemacht hatten, eine andere Gesellschaft zu erfinden. Sie hatten einen Traum. In dieser Zeit schien er ihnen ganz nah, was auch die Stadt veränderte; sie leuchtete. Die Eiscafés rund um die Gymnasien in der Stadt – es gab noch solche für Mädchen und solche für Jungen – waren die Versammlungsorte für die, die nah waren und träumten. Von ihnen ging ein Licht aus, das summte. Gewiss, Licht macht Töne, wie Bienen, die aus Sonne und Flug Honig machen. Böhmische Briefe weiterlesen