Kategorie-Archiv: Kleine Texte

Schule der Indienfahrer

10. Lektion, die nach einem kleinen Ausflug wieder zurückkehrt zu Helmudos Anruf am Abend, der Rhein führt Hochwasser, die Luft röhrt, der Fluss wirft sich auf gegen Ufer und Himmel. Noch ist unklar, wann das war, dann kommt schon der nächste Abend und wieder ruft er an. Hier spricht Helmudo, mir geht es gut, ich kann mich rasieren, mir die Zähne putzen, Kaffee trinken, Musik hören, Fernsehgucken. Alles so viel ich will. Verrücktsein ist nur Verrücktsein, nicht auch plemplem. Schule der Indienfahrer weiterlesen

Böhmische Briefe

Mein erster Freund hiess Franz. Er war auch meine erste grosse Liebe. Ich war gerade sechzehn, er schon bald zwanzig und wir beide noch auf der Schule. Es war Ende Herbst in einer schmutzigen deutschen Industriestadt, in der sich ein paar junge Menschen aufgemacht hatten, eine andere Gesellschaft zu erfinden. Sie hatten einen Traum. In dieser Zeit schien er ihnen ganz nah, was auch die Stadt veränderte; sie leuchtete. Die Eiscafés rund um die Gymnasien in der Stadt – es gab noch solche für Mädchen und solche für Jungen – waren die Versammlungsorte für die, die nah waren und träumten. Von ihnen ging ein Licht aus, das summte. Gewiss, Licht macht Töne, wie Bienen, die aus Sonne und Flug Honig machen. Böhmische Briefe weiterlesen

Von den Teufeln

Vielleicht war es Winter, es muss 1986 gewesen sein, vielleicht las Paul Parin aus seinen „Aufzeichnungen eines Afrikareisenden“ von der vierten Reise, die er zusammen mit seiner Frau Goldy Parin-Matthèy und Ruth und Fritz Morgenthaler von Genua aus über Addis Abbeba nach Kenia unternommen hat. Das war im Jahr 1962/63. Oder er las von der Reise, die sie in die verwunschene Stadt Tabou an der Elfenbeinküste brachte. Das alles ist lange her. Von den Teufeln weiterlesen

Überschreibungen mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar

Am Anfang unserer Gruppe war Veronique. Sie war Französin, kam aus Paris und eine Liebe hatte sie nach Köln gebracht. Die Liebe flog schnell. Er hiess Paul und sah wie ein grosser Argentinier aus mit dunklen, langen Locken. Dabei kam er aus dem Ruhrgebiet, studierte Medizin und fuhr für sein Leben gern in einem weissen Peugeot um die Stadt. So als wäre er ein Indianer am Amazonas, machte er grosse Bögen, immer auf der Jagd, immer bereit. Sie fuhren, kaum waren sie aus der Stadt heraus, durch Wälder, durch Auen, machten an den Ufern von Sieg und Ahr Rast. Es war noch Sommer, die Hitze konnte drückend und feucht sein. In den Gärten stand der eiserne Heinrich hoch und leuchtete gelb. Überschreibungen mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar weiterlesen

RASANTES PROJEKT

STARKE ERFAHRUNGEN SIND NIEMALS BESÄNFTIGEND.

Das sagt Henry James. Ich möchte darum und unter dem Segel einer nicht zu besänftigenden starken Erfahrung an dieser Stelle, wo wir uns etwas Endlosem zuwenden und am Ende stehen von etwas, das nicht das Ende ist und nicht zu Ende, von einem Projekt berichten, das unter diesem Dach stattgefunden hat, und das mir seither in seiner Gewagtheit und Tollkühnheit immer unwirklicher vorkommt. So dass ich mehr und mehr geneigt bin zu denken, ich hätte mir das alles nur ausgedacht und erträumt. Doch es hat dieses Projekt der WEISSEN SEITEN gegeben. Unser einziger Irrtum war, anzunehmen, so ein Projekt machen zu können. Dabei war es umgekehrt, es hat etwas mit uns gemacht. Was, das werden wir vielleicht eines Tages wissen, wenn wir schon lange nicht mehr da sind. RASANTES PROJEKT weiterlesen

Böhmische Briefe

Mein erster Freund hiess Franz. Er war auch meine erste grosse Liebe. Ich war gerade sechzehn, er schon bald zwanzig und wir beide noch auf der Schule. Es war Ende Herbst in einer schmutzigen deutschen Industriestadt, in der sich ein paar junge Menschen aufgemacht hatten, eine andere Gesellschaft zu erfinden. Sie hatten einen Traum. In dieser Zeit schien er ihnen ganz nah, was auch die Stadt veränderte; sie leuchtete. Die Eiscafés rund um die Gymnasien in der Stadt – es gab noch solche für Mädchen und solche für Jungen – waren die Versammlungsorte für die, die nah waren und träumten. Von ihnen ging ein Licht aus, das summte. Gewiss, Licht macht Töne, wie Bienen, die aus Sonne und Flug Honig machen.
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Laboratorium: Gegenwart schreiben | Einladung an die KollegInnen

Das Laboratorium möchte einen internen Forschungsraum ermöglichen, in dem vor den wie auch immer projizierten Anforderungen einer phantomatischen Öffentlichkeit eine gewisse Ruhe und Schonung für Austausch und Verständigung mit und durch unsere Arbeit gewährleistet werden kann.
Die Idee zu einem Laboratorium reagiert auf das Verschwinden von Schutz- und Absonderungsräumen innerhalb des Literaturbetriebs im engeren Sinne und versucht, gegen den Vereinnahmungsdruck von Markt und Medien die Bedeutung spezifisch literarischer Verfahren des Denkens und Zusammenfügens sichtbar zu machen. Das kann Literatur allerdings nur als Literatur, und eben nicht durch Ausweichen in Gebiete der Kulturwissenschaften und/oder der von den Medien angebotenen Verkündigungspositionen für Gross- und Kleindeuter. Laboratorium: Gegenwart schreiben | Einladung an die KollegInnen weiterlesen

Andenken

Onkel Karl war, lange nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war, eines Tages in die Schweiz gereist und hatte mir etwas mitgebracht. Eine Kiste zum Hineinschauen, wie es sie damals von allen als schön bekannten Orten gab, und sie sollten an diese erinnern. Meine Kiste war rot, und als ich später Howling Wolf das Lied ‚Little Red Rooster’ singen hörte, musste ich an sie denken. Auf der Rückseite befand sich das winzige Guckloch, durch das in die Kiste hineinzuschauen war. Als erstes Bild zeigte sich darin gleich der schöne Vierwaldstätter See. Auf Knopfdruck kam das nächste Bild zum Vorschein. Das war das Hotel Sonne, dem das Hotel Mond, auf der gegenüberliegenden Seite des Sees gelegen, folgte.
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