Kategorie-Archiv: Essays

Zu Max Ernst NAISSANCE D’UNE GALAXIE / BAZ 24.5.13

Lucy in the Sky with Diamonds, – die Beatles sagen, mit LSD hätte diese ihre Lucy nie was zu tun gehabt – doch wie auch immer, sie lag in jenen Jahren in der Luft, in der auch dieses Bild zu schweben scheint. Das Bild einer Sternennebelgeburt, mehr Raumschiff als Bild und wie jede Geburt und jedes Bild eine Art Fahrt ins Blaue. Kleiner Ausflug also, früher Morgen im Universum. Wir haben uns lautlos aufgemacht, treiben hoch über dem Horizont in engem Bildrahmen, an den Seiten zusammengestaucht, weiter nach oben mitten im Geburtskanal. All das geschah, als ein paar Menschen ihre Füsse auf den Mond stellten, und die Träume der Erde von ihrem Muttertrabanten abgenabelt wurden.
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Vom Anlachen der Besinnung | WOZ vom 13.10.11

Es soll Gegenden geben, die der Mensch im Herzen trägt, die noch nicht existieren. Gegenden, in die der Schmerz eintreten muss, damit es sie gibt. Ob sie etwas mit Besinnung zu tun haben? Wie kommen wir zur Gegenwart und zur Besinnung? Gibt es ein Erkennungszeichen dafür? Offensichtlich braucht es Aufmerksamkeit, Bereitschaft für Bedeutungen, die offen sind, noch nicht festliegen. Ein Text über die Kraft der Fantasie und die Arbeit der Literatur.

Vor kurzem sass ich mit meiner Kollegin Eleonore Frey zusammen. Wir sprachen über das Leben, das Schreiben und was dabei die Gegenwart sein könnte. Da ich gerade ein Manuskript abgeschlossen habe, mich also plötzlich ausserhalb eines Textes wiederfinde, in dem ich ein paar Jahre gelebt habe, und da sie mich und diesen Zustand gut kennt, sagte sie mir: Du musst dir jetzt erst einmal wieder Löcher in die Gegenwart beissen. Was stimmt.
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Giacomettis Zimmer | Surrealismus in Paris, Expo Beyeler | 1.10.11 BAZ

Ist dies eine Zeichnung? Oder ein Plan zur Begehung des Unzugänglichen? Auf André Bretons Frage, was sein Atelier sei, soll Giacometti gesagt haben: Zwei kleine Füsse. Hier gehen sie. Rue Hippolyte Maindron, Weltraum. Von hier laufen Linien aus, hierher kehren sie zurück, kreuzen sich, bilden Flächen, empfindliche Häutchen, Schleier, Fetzen des grossen Segels. In ihrer Mitte wacht der Palast der Winde, Leuchtturm der Artisten. In seiner Takelage hängt eine unzulässige Mannschaft: ein Wurm, eine Sängerin, ein Trapezkünstler, und einer, in der obersten Kammer, übt den Aufflug. Es sind die Nachfahren von Hieronymus im Gehäuse, dessen Löwe liegt als Blitz getarnt auf dem Boden. Er wird niemanden hinauslassen.
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Das Übel der Prosa ist nicht das Übel der Prosa

Zählen und leben, heisst es irgendwo bei Handke, und das ist, was Prosa macht. Sie zählt und lebt und das ist, was zählt und was lebt, wenn wir Prosa schreiben. Oder an Prosa denken. Das Ãœbel lassen wir hier mal beiseite, weil es nicht das der Prosa ist, sondern eine Art Heimweh, das die Prosa heimsucht und dann wird sie ganz eng und fürchtet sich, den Leser aus den Augen zu verlieren oder den Plot nicht im Griff zu haben, wo doch Augen und Griffe für ganz was anderes gebraucht würden beim Schreiben und Zählen von Prosa, die lebt oder der es ums Leben geht, was auch immer das sein mag. Das Übel der Prosa ist nicht das Übel der Prosa weiterlesen

Schreibarbeit: Präzision der Sprache als Forschungsfeld der Literatur

In den Natur- und Technikwissenschaften werden Experimente aufgestellt, Gleichungssysteme analysiert und Theorien formuliert. Ergänzend dazu soll in der Veranstaltung „Schreibarbeit“ der Präzision einer literarischen Textanlage, ihrer Wortwahl und Evidenz nachgegangen werden.
Mit einem literarisch verfassten Text unterwerfen wir uns ebenfalls einer Versuchsanordnung und wir erforschen, was sich aus der spezifischen Anordnung seiner Teile in der Durchführung des Textganzen ergibt. Diese Form der Schreibarbeit führt von der Frage: Was will ich schreiben? zur Frage: Was schreibe ich?
Wie unterscheiden sich solche Vorgehensweisen der Literatur vom Sprachgebrauch der Naturwissenschaften? Schreibarbeit: Präzision der Sprache als Forschungsfeld der Literatur weiterlesen

Schnee von heute

© Basler Zeitung|24.02.2010|Seite: bazab43
Schnee von heute
Friederike Kretzen*

Die Schweizer Schriftstellerin und bildende Künstlerin Erica Pedrettiwurde am 25. Februar 1930 in Tschechien geboren. Sie kam 1945 in die Schweiz, ins Land ihrer Grossmutter. Die Basler Schriftstellerin Friederike Kretzen schickt ihrer Kollegin einen Geburtstagsgruss, beschwingt, beflügelt von zwei Sätzen aus dem Werk der Erica Pedretti.

„Es schneit in Plouda“: So hebt es in Erica Pedrettis erstem Buch „Harmloses, bitte“ an, woraufhin sich auch schon einige Sätze weiter und vor unseren Augen das Schneien samt Plouda in diesen unwägbaren Schnee von gestern, vorvorgestern oder übermorgen verwandelt, unter dem sich jede Fassbarkeit auflöst, bis es schliesslich heisst: „… vielleicht gibt es gar keinen Ort Plouda. (…) Ist das wirklich Blauda?“ Schnee von heute weiterlesen

Heimweh des Gestrichenen – Gestrichenes Heimweh

1.
Liesse sich mit dem Gestrichenen anfangen? Wie? Wäre das ein gestrichener Anfang? Oder ein Anfang, der jede Anfänglichkeit streicht?

Was würde es für unsere Fragestellung heissen, wenn Gestrichenes und Nicht-Gestrichenes zunächst und als Anfang in eins fielen? Wenn sie sozusagen aus dem selben Bett gestiegen wären, das dann weder im einen noch im anderen mehr auftauchte?

Das gemeinsame Bett von Gestrichenem und Ungestrichenem wäre ein guter Anfang. Die Frage ist nur, wie kann die Sprache darauf kommen? Also auf das, was weder zu streichen, noch nicht zu streichen ist, auf das Unstreichbare der Sprache selbst. Ihm ist nicht mit Ja, nicht mit Nein, nicht mit Sprache und ohne Sprache auch nicht zu begegnen.
Das Unstreichbare steht vielleicht an jedem Anfang, nur können wir mit ihm nicht anfangen, es ist ja schon da. Ungestrichen und klar.
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Räume von hier und da.

Sobald etwas eintritt, und sei es ein Stimmungsumschwung, ein Gedanke oder ein Textanfang, haben wir einen Raum, in den etwas eintritt und einen anderen Raum, von wo etwas kommt. Selbst wenn etwas aus dem Nichts hereinschneit oder vom Himmel fällt. Dann schneit es aus dem Nichts und fällt vom Himmel. Sollten wir das, von wo etwas herkommt, was dann hier reinschneit oder einfällt, als Aussenraum im Unterschied zu einem Innenraum bezeichnen wollen, so könnten wir auch sagen: Die Erde ist der Innenraum des Himmels. Oder das Nichts ist der Aussenraum der Erde. Was allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass das Eingetretene, während es uns hier Gesellschaft leistet, nun woanders fehlt. Und wer weiss, ob sein Fehlen dort nicht beweint wird. Räume von hier und da. weiterlesen

Was ist schweizerisch?

Lange Zeit habe ich ohne jeden Begriff oder Vorstellung, was die Schweiz und das Schweizerische wären, verbracht. Ich fuhr auch nicht hin, sondern nach Indien. Das änderte sich erst am Ende des Studiums, als ich mit zwei Freunden eine kurz entschlossene Reise nach Italien unternahm. Und diesmal fuhren wir durch die Schweiz. Einer meiner Freunde kannte einen Musiker in Luzern und wir dachten, dass wäre doch eine prima Idee, bei ihm zu übernachten. Wo genau er wohnte, wussten wir nicht. Wir fuhren erst mal hin. Als wir am späten Abend in Luzern ankamen, gingen wir zielstrebig in ein Kellerlokal, wo wir denn gleich auf den Musiker trafen, und wir konnten auch bei ihm in der Wohngemeinschaft übernachten. Am Morgen, wir wollten früh weiter, sassen wir in der Küche, tranken Kaffee, als die Türe aufging und eine junge, nackte Frau eintrat. Was ist schweizerisch? weiterlesen

Vorwort zu A.K. Ulrich Schriftkindheiten, Zürich 2002

„Jedes kleine Spiel hilft.“

1″… jenes Sich-Verhüllen im Buchstabenschnee“

Je näher wir ein Wort anschauen, um so ferner schaut es zurück, sagt Karl Kraus.

Kindheit

Können Sie es sehen? Können Sie Kinder sehen in der Kindheit? Ist Kindheit eine weite Landschaft von Gefühlen? Grossen und kleinen Gefühlen? Und haben Gefühle eine Geschichte? Ist diese Geschichte vielleicht die weite Landschaft, die im Wort Kindheit steckt? Wer oder was steckt also in dem Wort Kindheit? Vorwort zu A.K. Ulrich Schriftkindheiten, Zürich 2002 weiterlesen