Kategorie-Archiv: Essays

Widerstand der Ästhetik – Peter Weiss

Fehlt Peter Weiss? Fehlt er uns? Fehlt uns, dass er uns nicht fehlt? Manchmal, vielleicht liegt es an der Schweiz, in der ich schon so lange lebe, frage ich mich, ob wir nicht schon längst tot, erstarrt, versteinert sind, nur haben wir es noch nicht gemerkt. Uns wird von überall her gesagt, dass alles, alles anders geworden sei und wir mit unseren Erfahrungen von Zeit, von der Widerständigkeit der Zeit, der Widerständigkeit mit der Zeit und in der Zeit, passé. Vorbeigegangen, nicht mehr gültig, tot, außer, wir „gehen mit der Zeit“. Mit dem, was uns unter diesem Begriff an Diskursen, Urteilen und Zuschreibungen angetragen wird. Widerstand der Ästhetik – Peter Weiss weiterlesen

Toni Morrison, Beloved

Einführung Lesung am 9.12.2015 im Literaturhaus Basel

Gerne möchte ich hier, am Ende der Reihe nochmal anmerken, was für kühne, radikale und zugleich, – wahrscheinlich gerade darum – schwierige, gefährliche, unheimliche Bücher die sind, die wir hier gehört haben. Denke ich zum Beispiel an den Fall Franza, an Beloved, an L’Armant und Orlando. In einem Vortrag Virginia Woolfs, „Mr Bennett und Mrs Brown“, in dem sie die damals, 1923, noch neue, moderne Form des Romans den traditionellen Formen des englischen Romans gegenüberstellt, fordert sie uns Schreibende, aber auch uns Lesende dazu auf, nie, nie das Leben zu vergessen. Das Leben, dessen Geist sie in der kleinen, zarten, leicht armselig adrett gekleideten Mrs Brown verkörpert findet, die ihr eines Tages im Zug gegenüber sitzt, und die sie seitdem nicht mehr loslässt. Toni Morrison, Beloved weiterlesen

Für Jürg Laederach

Laederach ist noch keiner auf die Schliche gekommen. Er ist einfach zu viele. Was ich darum hier auch gar nicht erst versuchen möchte. Für alle anderen Arten von Geschichten hingegen eignet er sich immer. Beispielsweise für solche, die anfangen wie: Laederach und die Toaster. Er hatte einen hohen Umsatz an Toastern, immer die neuesten Modelle. Sie konnten toasten, kochen, braten, überbacken. Seine Kochkunst bestach durch reines toasten. Einmal kam dabei die Decke runter und zertrümmerte den Toaster, ein anderes Mal, mit einem anderen Toaster, fing eben jener Feuer und die Küche dann auch. Woraufhin Laederach schrieb „Leichen ausgraben: Burgwegs Küche brannte am 6. Februar ab.“ Für Jürg Laederach weiterlesen

Wem gehört Detroit? WOZ Nr. 49  4.12.14

Die US-Stadt ist schon viele Tode gestorben. Sollte sie sich nicht endlich vom Mythos verabschieden, immer wieder auferstehen zu können, um stattdessen die Menschen und das Leben zu suchen, dort wo sie sind?

Wer nach Detroit kommt, sollte unterschreiben müssen, dass es  in  eigener   Verantwortung  geschieht.  Es kann gefährlich sein, dorthin  zu reisen,  er oder sie könnte überfallen werden, sich anstecken, von schrecklicher Traurigkeit  ergriffen, von einer  Kugel  getroffen,  überfahren, durch  Chlorhühnchen vergiftet werden, einem alt gewordenen Hamburger erliegen oder eine Ohnmacht erleiden.  Die zweiseitige Erklärung würde bei der Einreise, nachdem  sie unterschrieben worden  ist, in einer Holzkiste von einem Mitarbeiter der Homeland-Security-Abteilung  eingesammelt. Danach  wäre  der  Mensch  frei, sich  in der Stadt zu bewegen. Wem gehört Detroit? WOZ Nr. 49  4.12.14 weiterlesen

ÜBER DAS UNVERFÜGBARE

»Man kann alles machen / ausgenommen die Geschichte dessen, was man / macht.« Das sagt Godard und wirft ein schönes Licht auf folgende Überlegungen: Was hat das Vergegenwärtigen der Literatur mit dem zu tun, was wir Gegenwart nennen? Was bedeutet der Ruf nach dem Gegenwartsroman, der Bezug der Literatur auf das, was wir Gegenwart nennen? Was ist das, was kann das sein hinsichtlich des grundlegenden Vermögens der Literatur zu vergegenwärtigen? ÜBER DAS UNVERFÜGBARE weiterlesen

RASANTES PROJEKT

STARKE ERFAHRUNGEN SIND NIEMALS BESÄNFTIGEND.

Das sagt Henry James. Ich möchte darum und unter dem Segel einer nicht zu besänftigenden starken Erfahrung an dieser Stelle, wo wir uns etwas Endlosem zuwenden und am Ende stehen von etwas, das nicht das Ende ist und nicht zu Ende, von einem Projekt berichten, das unter diesem Dach stattgefunden hat, und das mir seither in seiner Gewagtheit und Tollkühnheit immer unwirklicher vorkommt. So dass ich mehr und mehr geneigt bin zu denken, ich hätte mir das alles nur ausgedacht und erträumt. Doch es hat dieses Projekt der WEISSEN SEITEN gegeben. Unser einziger Irrtum war, anzunehmen, so ein Projekt machen zu können. Dabei war es umgekehrt, es hat etwas mit uns gemacht. Was, das werden wir vielleicht eines Tages wissen, wenn wir schon lange nicht mehr da sind. RASANTES PROJEKT weiterlesen

Die blauen Hunde von Dharavi / NZZ 29.5.13

Im grössten Slum von Mumbai kann man den Menschen bei der Arbeit an der Globalisierung zuschauen.
Von Friederike Kretzen

Ich habe blaue Hunde gesehen. Sie leben im Zentrum von Mumbai. Ihr Fell ist einmal weiss gewesen mit hellbraunen Flecken auf dem Rücken. Dann haben sie – wie Hunde das tun – von dem Wasser getrunken, das in flachen Rinnsalen durch die Gassen sickert, und sie sind blau geworden. Bis zu den Ohrenspitzen. Auch das Weiss ihrer Augen. Seitdem sind sie die blauen Wächter eines Stadtgebiets, das sie bewohnen und hüten, denn sie sind ja Hunde.
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