Alle Artikel von friederike

Böhmische Briefe

Mein erster Freund hiess Franz. Er war auch meine erste grosse Liebe. Ich war gerade sechzehn, er schon bald zwanzig und wir beide noch auf der Schule. Es war Ende Herbst in einer schmutzigen deutschen Industriestadt, in der sich ein paar junge Menschen aufgemacht hatten, eine andere Gesellschaft zu erfinden. Sie hatten einen Traum. In dieser Zeit schien er ihnen ganz nah, was auch die Stadt veränderte; sie leuchtete. Die Eiscafés rund um die Gymnasien in der Stadt – es gab noch solche für Mädchen und solche für Jungen – waren die Versammlungsorte für die, die nah waren und träumten. Von ihnen ging ein Licht aus, das summte. Gewiss, Licht macht Töne, wie Bienen, die aus Sonne und Flug Honig machen. Böhmische Briefe weiterlesen

Wem gehört Detroit? WOZ Nr. 49  4.12.14

Die US-Stadt ist schon viele Tode gestorben. Sollte sie sich nicht endlich vom Mythos verabschieden, immer wieder auferstehen zu können, um stattdessen die Menschen und das Leben zu suchen, dort wo sie sind?

Wer nach Detroit kommt, sollte unterschreiben müssen, dass es  in  eigener   Verantwortung  geschieht.  Es kann gefährlich sein, dorthin  zu reisen,  er oder sie könnte überfallen werden, sich anstecken, von schrecklicher Traurigkeit  ergriffen, von einer  Kugel  getroffen,  überfahren, durch  Chlorhühnchen vergiftet werden, einem alt gewordenen Hamburger erliegen oder eine Ohnmacht erleiden.  Die zweiseitige Erklärung würde bei der Einreise, nachdem  sie unterschrieben worden  ist, in einer Holzkiste von einem Mitarbeiter der Homeland-Security-Abteilung  eingesammelt. Danach  wäre  der  Mensch  frei, sich  in der Stadt zu bewegen. Wem gehört Detroit? WOZ Nr. 49  4.12.14 weiterlesen

Lernen, was nicht zu lernen ist: das Handwerk des Schreibens.

 

Godard hat der Jury US-amerikanischer Filmkritiker, die seinen letzten Film „Adieu au Language“ zum besten Spielfilm des Jahres 2014 gewählt hat, eine Postkarte geschickt. Auf der stand: Ich lerne noch immer. Der Mann ist 84 und wenn einer in diesem Alter für sich noch beansprucht zu lernen, so ist das mehr als subversiv. Heisst es doch, dass die Arbeit weiter geht, dass es kein Ankommen und dann weiss ich, wie es geht, gibt. Darum aber genau geht es, dafür hat Godard immer gestanden. Lernen, was nicht zu lernen ist: das Handwerk des Schreibens. weiterlesen

Von den Teufeln

Vielleicht war es Winter, es muss 1986 gewesen sein, vielleicht las Paul Parin aus seinen „Aufzeichnungen eines Afrikareisenden“ von der vierten Reise, die er zusammen mit seiner Frau Goldy Parin-Matthèy und Ruth und Fritz Morgenthaler von Genua aus über Addis Abbeba nach Kenia unternommen hat. Das war im Jahr 1962/63. Oder er las von der Reise, die sie in die verwunschene Stadt Tabou an der Elfenbeinküste brachte. Das alles ist lange her. Von den Teufeln weiterlesen

Handbuch der Ratlosigkeit

37 Einträge, herausgegeben von Elfriede Czurda, Friederike Kretzen und Suzann-Viola Renninger

Mit Texten von Jochen A. Bär, Anton Bruhin, Ann Cotten, Franz Josef Czernin, Elfriede Czurda, Dorothea Dieckmann, Franz Dodel, Oswald Egger, Dorothee Elmiger, Elke Erb, Michael Fehr, Eleonore Frey, Hans-Jost Frey, Zsuzsanna Gahse, Bodo Hell, Norbert Hummelt, Felix Philipp Ingold, Hanna Johansen, Barbara Köhler, Margret Kreidl, Friederike Kretzen, Ludger Lütkehaus, Klaus Merz, Walter Morgenthaler, Erica Pedretti, Sabine Peters, Suzann-Viola Renninger, Beat Schläpfer, Hannes Schüpbach, Farhad Showghi, Christian Steinbacher, Yoko Tawada, Christina Viragh, Peter Waterhouse, Uwe Wirth, Sandro Zanetti, Martin Zingg

War es nicht eben noch so einfach? Wo ist nur die Ordnung geblieben? Doch welche Ordnung war da gleich? Guter Rat ist teuer, die Ratlosigkeit gross. 37 Autorinnen und Autoren ergreifen die Flucht nach vorn, stürzen sich mit Lust in die Unordnung, ins Unbekannte, Unbenannte. Sie jonglieren mit Borges’ «Chinesischer Enzyklopädie», vertiefen sich in «Begriffe, die von weitem wie Fliegen aussehen», in «herrenlose Muster» und in «Wörter, die dem Autor gehören», überschreiben die alte Enzyklopädie «mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar» zu einem Palimpsest jener Ordnung, die in unseren Augen keine ist, sondern nur auf den grossen Zusammenhang verzichtet.
Wer sich auf «Das Handbuch der Ratlosigkeit» einlässt, begibt sich in «zusammenkrachende Möglichkeitsräume». Denn «hier schwankts» – wie in der Restwelt auch.

Fundsachen für Melancholiker

Phantasievolle Bücher erweitern unser Bewusstsein.
Alexander Cammann / DIE ZEIT Nº 26/201418. Juni 2014
 

Sie, liebe Leserinnen und Leser, glauben wahrscheinlich, dass Literaturredakteur ein Traumberuf ist. Immer auf der Couch liegen und schöne Bücher lesen, dann darüber ein bisschen schreiben – und dafür auch noch mehr oder minder anständig bezahlt werden: Das klingt zugegebenermaßen paradiesisch. Diesen Glücksverdacht muss man jedoch ganz realistisch relativieren: Die Bücher sind erstens so schön oft nicht, zweitens stapeln sie sich in Unmassen in unseren Büros, eine nicht enden wollende, reißende Flut, in der wir jeden Tag ums Überleben kämpfen, drittens gibt es ja leider die völlig inkompetenten Kollegen, die mit absurden Meinungen und noch viel absurderen Texten viertens bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aufgrund Ihres, Sie sehen mir meine Offenheit bitte nach, eher schlichten Gemüts enormen Erfolg haben.
Melancholisch ist folglich unsere Grundstimmung – umso dankbarer also ziehen wir aus den turmhohen Stapeln jene Bücher hervor, die uns vielleicht trösten können. Das Handbuch der Ratlosigkeit ist so eines, der Einband aus ungewohntem grauen Schmirgelpapier: 37 kurze, alphabetisch geordnete, allesamt geniale Einträge, verfasst von ebenso vielen Autoren, unter dem Motto „Voraussetzung für das Gelingen von Ratlosigkeit ist das Bewusstsein von der Unmöglichkeit des Gelingens“ (Limmat Verlag, Zürich 2014).

Überschreibungen mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar

Am Anfang unserer Gruppe war Veronique. Sie war Französin, kam aus Paris und eine Liebe hatte sie nach Köln gebracht. Die Liebe flog schnell. Er hiess Paul und sah wie ein grosser Argentinier aus mit dunklen, langen Locken. Dabei kam er aus dem Ruhrgebiet, studierte Medizin und fuhr für sein Leben gern in einem weissen Peugeot um die Stadt. So als wäre er ein Indianer am Amazonas, machte er grosse Bögen, immer auf der Jagd, immer bereit. Sie fuhren, kaum waren sie aus der Stadt heraus, durch Wälder, durch Auen, machten an den Ufern von Sieg und Ahr Rast. Es war noch Sommer, die Hitze konnte drückend und feucht sein. In den Gärten stand der eiserne Heinrich hoch und leuchtete gelb. Überschreibungen mit einem ganz kleinen Pinsel aus Kamelhaar weiterlesen