Kritik von Urs Bugmann: 22. 7.12 Zentralschweiz am Sonntag

Manchmal sind das Leben und das Schreiben dasselbe

Das neue Buch der Basler Autorin Friederike Kretzen erzählt vom Sommer 1982: Drei Freunde suchen nach der Kunst des Lebens.

«Dies ist das Buch, das ich im Sommer 1982 gerne gelesen hätte», steht im Epilog des neuen Buchs «Natascha, Véronique und Paul» der Basler Autorin Friederike Kretzen. «Ein Buch, das zu jener Zeit zwar existierte, nur war es noch nicht geschrieben. Lesbar allerdings in den Blättern der Bäume, im Geäst der Strassen, zwischen den Theatern, in denen wir arbeiteten, auf den Bühnen und Schnürböden, in den Gängen dahinter und in den Gassen, im leeren Zuschauerraum, im Malersaal, am Rhein, auf dem kleinen See im Volkspark, wo wir Boot fuhren an einem langen Tag der Ratlosigkeit, aus dem wir das Beste zu machen versuchten, im Rauch aus den Kaminen von Köln-Wesseling, im Staub des brasilianischen Hochlands, der sich während der Proben auf uns legte, in den Zügen, die in der Nacht quer durch die Stadt hinter dem Haus in der Moltkestrasse die grossen Achsen befuhren(more…)

FR Literaturkritik 12 | 7 | 2012

Köln in den 80ern: Dort sind Natascha, Véronique und Paul unterwegs.

Köln in den 80ern: Dort sind Natascha, Véronique und Paul unterwegs. Foto: imago/Helga Lade


Aufrührerische Gefühle im Sommer 1982

In ihrem neuen Roman “Natascha, Véronique und Paul” erzählt die Autorin Friederike Kretzen vom Sommer 1982. Das Buch ist eine Fortschreibung von Fragen, die in keiner Antwort ankommen können.

Sie konnten sich nicht vorstellen, jemals älter zu werden als vielleicht 28, 30 Jahre. Dabei wurden die Freunde Natascha, Véronique und Paul in Friedenszeiten geboren, in den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders in Westdeutschland. Drei junge Erwachsene, die mit anderen im Sommer 1982 in einem selbstverwalteten Theater in Köln arbeiten. Sie sind maßlos und anspruchsvoll, wild und belesen; sie leben aus Leibeskräften. (more…)

Basel bei Woodstock | NZZ vom 31.5.12

Friederike Kretzens Roman «Natascha, Véronique und Paul»

Der neue Roman Friederike Kretzens beginnt wie mit einem Dreisprung, nur ohne Anlauf. Fast schon etwas salopp eröffnet er das Feld, auf dem er spielen wird: «Da war eine Frau. Véronique. Die war ich.» Die Einheit von Ich und Geschichte, die das Erzählen in der ersten Person suggeriert, wird gleich auseinanderdividiert. An allen Ecken und Enden lässt Friederike Kretzen die übereinander getragenen Röcke ihrer Protagonistin hervorschauen. Deckung – im doppelten Wortsinn – gibt es nicht. Schon der nächste Satz deutet an, weshalb: «Und da waren ein Sommer und eine Zeit, und die war ich auch, zusammen mit ein paar anderen, übrig geblieben nach den grossen Kriegen.»
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Vom Anlachen der Besinnung | WOZ vom 13.10.11

Es soll Gegenden geben, die der Mensch im Herzen trägt, die noch nicht existieren. Gegenden, in die der Schmerz eintreten muss, damit es sie gibt. Ob sie etwas mit Besinnung zu tun haben? Wie kommen wir zur Gegenwart und zur Besinnung? Gibt es ein Erkennungszeichen dafür? Offensichtlich braucht es Aufmerksamkeit, Bereitschaft für Bedeutungen, die offen sind, noch nicht festliegen. Ein Text über die Kraft der Fantasie und die Arbeit der Literatur.

Vor kurzem sass ich mit meiner Kollegin Eleonore Frey zusammen. Wir sprachen über das Leben, das Schreiben und was dabei die Gegenwart sein könnte. Da ich gerade ein Manuskript abgeschlossen habe, mich also plötzlich ausserhalb eines Textes wiederfinde, in dem ich ein paar Jahre gelebt habe, und da sie mich und diesen Zustand gut kennt, sagte sie mir: Du musst dir jetzt erst einmal wieder Löcher in die Gegenwart beissen. Was stimmt.
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Giacomettis Zimmer | Surrealismus in Paris, Expo Beyeler | 1.10.11 BAZ

Ist dies eine Zeichnung? Oder ein Plan zur Begehung des Unzugänglichen? Auf André Bretons Frage, was sein Atelier sei, soll Giacometti gesagt haben: Zwei kleine Füsse. Hier gehen sie. Rue Hippolyte Maindron, Weltraum. Von hier laufen Linien aus, hierher kehren sie zurück, kreuzen sich, bilden Flächen, empfindliche Häutchen, Schleier, Fetzen des grossen Segels. In ihrer Mitte wacht der Palast der Winde, Leuchtturm der Artisten. In seiner Takelage hängt eine unzulässige Mannschaft: ein Wurm, eine Sängerin, ein Trapezkünstler, und einer, in der obersten Kammer, übt den Aufflug. Es sind die Nachfahren von Hieronymus im Gehäuse, dessen Löwe liegt als Blitz getarnt auf dem Boden. Er wird niemanden hinauslassen.
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Das Übel der Prosa ist nicht das Übel der Prosa

Zählen und leben, heisst es irgendwo bei Handke, und das ist, was Prosa macht. Sie zählt und lebt und das ist, was zählt und was lebt, wenn wir Prosa schreiben. Oder an Prosa denken. Das Übel lassen wir hier mal beiseite, weil es nicht das der Prosa ist, sondern eine Art Heimweh, das die Prosa heimsucht und dann wird sie ganz eng und fürchtet sich, den Leser aus den Augen zu verlieren oder den Plot nicht im Griff zu haben, wo doch Augen und Griffe für ganz was anderes gebraucht würden beim Schreiben und Zählen von Prosa, die lebt oder der es ums Leben geht, was auch immer das sein mag. (more…)

Schreibarbeit: Präzision der Sprache als Forschungsfeld der Literatur

In den Natur- und Technikwissenschaften werden Experimente aufgestellt, Gleichungssysteme analysiert und Theorien formuliert. Ergänzend dazu soll in der Veranstaltung „Schreibarbeit“ der Präzision einer literarischen Textanlage, ihrer Wortwahl und Evidenz nachgegangen werden.
Mit einem literarisch verfassten Text unterwerfen wir uns ebenfalls einer Versuchsanordnung und wir erforschen, was sich aus der spezifischen Anordnung seiner Teile in der Durchführung des Textganzen ergibt. Diese Form der Schreibarbeit führt von der Frage „Über was will ich schreiben?“ zur Frage „Was schreibe ich?“ (more…)

Schnee von heute

© Basler Zeitung|24.02.2010|Seite: bazab43
Schnee von heute
Friederike Kretzen*

Die Schweizer Schriftstellerin und bildende Künstlerin Erica Pedrettiwurde am 25. Februar 1930 in Tschechien geboren. Sie kam 1945 in die Schweiz, ins Land ihrer Grossmutter. Die Basler Schriftstellerin Friederike Kretzen schickt ihrer Kollegin einen Geburtstagsgruss, beschwingt, beflügelt von zwei Sätzen aus dem Werk der Erica Pedretti.

«Es schneit in Plouda»: So hebt es in Erica Pedrettis erstem Buch «Harmloses, bitte» an, woraufhin sich auch schon einige Sätze weiter und vor unseren Augen das Schneien samt Plouda in diesen unwägbaren Schnee von gestern, vorvorgestern oder übermorgen verwandelt, unter dem sich jede Fassbarkeit auflöst, bis es schliesslich heisst: «… vielleicht gibt es gar keinen Ort Plouda. (…) Ist das wirklich Blauda?» (more…)

Heimweh des Gestrichenen – Gestrichenes Heimweh

1.
Liesse sich mit dem Gestrichenen anfangen? Wie? Wäre das ein gestrichener Anfang? Oder ein Anfang, der jede Anfänglichkeit streicht?

Was würde es für unsere Fragestellung heissen, wenn Gestrichenes und Nicht-Gestrichenes zunächst und als Anfang in eins fielen? Wenn sie sozusagen aus dem selben Bett gestiegen wären, das dann weder im einen noch im anderen mehr auftauchte?

Das gemeinsame Bett von Gestrichenem und Ungestrichenem wäre ein guter Anfang. Die Frage ist nur, wie kann die Sprache darauf kommen? Also auf das, was weder zu streichen, noch nicht zu streichen ist, auf das Unstreichbare der Sprache selbst. Ihm ist nicht mit Ja, nicht mit Nein, nicht mit Sprache und ohne Sprache auch nicht zu begegnen.
Das Unstreichbare steht vielleicht an jedem Anfang, nur können wir mit ihm nicht anfangen, es ist ja schon da. Ungestrichen und klar.
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Räume von hier und da.

Sobald etwas eintritt, und sei es ein Stimmungsumschwung, ein Gedanke oder ein Textanfang, haben wir einen Raum, in den etwas eintritt und einen anderen Raum, von wo etwas kommt. Selbst wenn etwas aus dem Nichts hereinschneit oder vom Himmel fällt. Dann schneit es aus dem Nichts und fällt vom Himmel. Sollten wir das, von wo etwas herkommt, was dann hier reinschneit oder einfällt, als Aussenraum im Unterschied zu einem Innenraum bezeichnen wollen, so könnten wir auch sagen: Die Erde ist der Innenraum des Himmels. Oder das Nichts ist der Aussenraum der Erde. Was allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass das Eingetretene, während es uns hier Gesellschaft leistet, nun woanders fehlt. Und wer weiss, ob sein Fehlen dort nicht beweint wird. (more…)